Kinderbetreuung

„Exote“ Erzieher: Männer finden ihren Traumberuf

Ohne Männer geht es nicht in den Familienzentren. Theoretisch. Praktisch sind die Erzieher immer noch gewaltig in der Unterzahl. Doch das Interesse an diesem typischen Frauenberuf wächst.
Glücklich in seinem Beruf: Tim Schell arbeitet als Erzieher im Tagespflegenest „Hofmäuse“ auf dem Schulbauernhof. Die Kinder lieben dort auch die Kaninchen. Ebenfalls dabei: Tagesmutter Annette Bollrath. © Meike Holz

Männer erobern die Kindertagesstätten. Längst sind es nicht mehr nur Erzieherinnen, die die Jungen und Mädchen fit fürs Leben machen. Aber mit 6,7 Prozent ist ihr Anteil in den 17 städtischen Familienzentren immer noch gering: Nur 15 der 223 Beschäftigten sind männlich. „Dabei sind sie bei der Erziehung unverzichtbar“, sagt Elke Rösing-Nowak, Sachgebietsleiterin „Kindertagesbetreuung“ der Stadt. Gleich drei dieser „Exoten“ arbeiten in der „Villa Kunterbunt“ an der Gartenstraße. Zur Freude des Nachwuchses, und auch die Kolleginnen fürchten keine Konkurrenz.

Fakt ist: Eigentlich entspricht es nicht der gesellschaftlichen Norm, dass Männer als Erzieher arbeiten. Eine geringe soziale Anerkennung und die schlechtere Bezahlung im Vergleich zu den „echten“ Männerberufen tun ihr Übriges. „Trotzdem bekomme ich immer mehr Bewerbungen“, berichtet Elke Rösing-Nowak. So auch von den Herren der „Villa Kunterbunt“.

Drei „Exoten“ im Familienzentrum „Villa Kunterbunt“: Dort kümmern sich neben acht Fach-Frauen auch Sebastian Mühlenbrock (M.), Leiter der Tagesstätte, und seit Mitte August David Faubel (l.) und Florian um die Kinder. © Meike Holz © Meike Holz

„Es ist eine anspruchsvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit“, erzählt Sebastian Mühlenbrock, Leiter des Familienzentrums in Hochlar. 55 Jungen und Mädchen toben hier über die Flure. Elf pädagogische Fachkräfte teilen sich dort die Bildung und Betreuung der Kleinen. „Und das ist eine Herausforderung, denn die Anforderungen steigen immer weiter“, sagt der 36-Jährige.

Das alles konnte das Männer-Trio nicht abschrecken. Schließlich haben die drei endlich ihren Traumberuf gefunden. Aber das war nicht immer so. Denn in ihrem „ersten Leben“ verfolgten sie ganz andere Ziele. Sie hatten sehr gute Jobs, bevor sie sich entschieden, noch einmal eine neue Ausbildung zu beginnen.

Sebastian Mühlenbrock etwa war auf der Zeche als Elektriker unterwegs und hat ein Jahr lang unter Tage malocht. „Irgendwann wurde ich aber immer unzufriedener.“ Daran konnte auch der um einiges bessere Verdienst nichts ändern. Und schließlich erinnerte sich Mühlenbrock daran, wie gerne er früher Zeit mit Kindern verbracht und Jugendfahrten begleitet hatte. „Dann war alles klar.“

„Ich kann hier viel von und mit den Kindern lernen“

Jahrespraktikant Florian (seinen Nachnamen möchte er nicht öffentlich nennen) dagegen ist Jurist und war lange als Richter im Einsatz. Als seine Tochter zur Welt kam, wurde ihm plötzlich bewusst, wie schön das Leben mit Kindern ist und dass er die falsche Wahl getroffen hatte. Jetzt macht der 38-Jährige sein Anerkennungsjahr in der „Villa Kunterbunt“ und ist glücklich. „Ich kann hier sehr viel von und mit den Kindern lernen“, erklärt er. Und wie reagieren Freunde und Bekannte auf diesen extremen Richtungswechsel? „Die, die mich kennen, verstehen das“, sagt er schlicht.

Das sieht David Faubel (40) genauso. Nach zehn Jahren bei einem großen Konzern erkannte der Umweltwissenschaftler, dass er immer mehr zum „Schreibtischtäter“ wurde. „Das wollte ich nicht bis zur Rente machen.“ Und auch er erinnerte sich daran, wie viel Spaß er immer mit den Kindern in seinem Bekanntenkreis hatte. Bereut hat er den Schritt nicht. Und belächelt habe ihn auch noch niemand. „Die Leute reagieren mit Bewunderung oder sind erstaunt“, berichtet er.

Sie sucht dringend weitere pädagogische Fachkräfte: Elke Rösing-Nowak ist bei der Stadt für die Kindertagesbetreuung zuständig. © Meike Holz © Meike Holz

Und jetzt sitzen sie alle in der „Villa Kunterbunt“. Dass an diesem Ort gleich drei Männer im Einsatz sind, ist allerdings kein Zufall. „Das Thema Vielfalt ist uns wichtig. Die Kinder sollen sehen, dass es auch unter den Erziehern ganz verschiedene Persönlichkeiten gibt“, betont Elke Rösing-Nowak, die dringend weitere pädagogische Fachkräfte sucht, egal welches Geschlecht.

Das Leben ist bunt in den städtisches Familienzentren: Kreativität schreiben die Erzieherinnen und Erzieher dort groß. © Meike Holz © Meike Holz

Hahn im Korb ist indes Tim Schell. Denn der Erzieher leitet das Tagespflegenest auf dem Schulbauernhof. Gemeinsam mit zwei Tagesmüttern und vielen Tieren kümmert er sich um die neun „Hofmäuse“. Schell: „Männliche Bezugspersonen sind extrem wichtig, zumal die Väter oft zu Hause immer weniger greifbar sind und im Alltag kaum Zeit haben.“ Nicht so auf dem Schulbauernhof. Denn wenn sich Schell eins nimmt, dann ist es Zeit für die Mäuse im Alter von eins bis drei Jahren. „Wollen wir zu den Tieren gehen?“ Welch eine Frage. Fröhlich wackeln sie in Richtung Wiese.

Vielseitigkeit und Kreativität sind die Pluspunkte

„Ich bin mit zwei kleinen Geschwistern groß geworden, das fand ich toll. Erzieher war immer schon mein Traumberuf“, erzählt der 39-Jährige. Nach einem Schulpraktikum war er sich ganz sicher. „Ich liebe die Vielseitigkeit, habe gerne mit Menschen zu tun und kann meiner Kreativität freien Lauf lassen“, verrät er und wartet geduldig auf Ella, Bosse und Theo.

Trotzdem gebe es auch Nachteile. Schell weiß aus eigener Erfahrung: Die Bezahlung könnte besser sein, die Wertschätzung ebenfalls, und das Vorurteil „Erziehung ist Frauensache“ begegne ihm immer wieder. „Du spielst ja nur“, heiße es dann. Oder: „Das ist nichts für richtige Kerle.“ Der Suderwicher seufzt, verdreht die Augen.

Die Tiere sind das große Glück: Gemeinsam mit den „Hofmäusen“ stattet Erzieher Tim Schell Esel Carlotta einen Besuch ab. © Meike Holz © Meike Holz

Begeistert streicheln die „Hofmäuse“ derweil Esel Carlotta. „Anton, du musst aufpassen, der kann dir auch ein Küsschen geben“, mahnt die Ober-„Hofmaus“. Übrigens ist Tim Schell fest davon überzeugt, dass Männer ebenso gut erziehen wie Frauen. Allerdings mit einigen Unterschieden: „Wir trösten vielleicht etwas anders, sind aber trotzdem einfühlsam. Frauen sind manchmal übervorsichtig. Außerdem finde ich, dass Jungen raufen dürfen und müssen“, meint Schell, der Vater einer achtjährigen Tochter ist.

Und seine pädagogische Ausbildung nutzt ihm auch auf dem Fußballplatz. Dort macht er nämlich als Trainer der Zweiten Herren-Mannschaft der SG Suderwich den „großen Kindern“ Beine. Und dort sind eindeutig die Männer in der Überzahl.

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