Gedenken an NS-Opfer

Fünf Schicksale, fünf Verbrechen, fünf weitere Stolpersteine

Die Nazis raubten der jüdischen Familie Pinkus erst die Existenz, dann das Leben. Gertrud Schüermann wurde vergast, weil sie krank war. Stolpersteine erinnern an diese Recklinghäuser.
Künstler Gunter Demnig verlegte zunächst vor dem Haus an der Münsterstraße 7 vier Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Pinkus. Im Hintergrund die Redner und Gäste der Verlegung. © Meike Holz

Sie sollen das Vergessen verhindern, den in Konzentrationslagern zu Nummern gewordenen Menschen ihren Namen zurückgeben: die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. 30 gab es bislang in Recklinghausen, am Freitag (18. Juni) sind fünf weitere hinzugekommen, und zwar an der Münsterstraße 7 und am Steintor. Sie stehen für fünf Schicksale und fünf Verbrechen, von denen nur eines nicht tödlich endete.

In der Münsterstraße staut sich die Hitze. Wehmütige Klänge einer Tuba, gespielt von Nils Thurau vom Jugendsinfonieorchester, ziehen durch die Häuserflucht. Die ersten Gäste sind in den Straßencafés. Im „Drübbelken“ wartet ein Mitarbeiter darauf, dass er die Stühle aufklappen kann, auf denen sich viele Menschen niederlassen und den schönen Abend genießen werden. Auch vor dem benachbarten Haus mit der Nummer 7. Dass dort einst eine jüdische Familie lebte, sollen die Stolpersteine bewusst machen.

Üble Hetzkampagnen gegen den jüdischen Kaufmann

Georg Möllers vom Verein für Orts- und Heimatkunde und seine Tochter Klara Möllers erzählen die Biografien. Kaufmann Moritz Pinkus, 1888 geboren, kleidete in seinem Maß- und Konfektionsgeschäft an der Münsterstraße viele Recklinghäuser ein. Ab 1933 versuchten die Nationalsozialisten, mit gezielten Lügenkampagnen die „arische“ Kundschaft fernzuhalten.

Rosen für die Mitglieder Familie Pinkus. Ein weiterer Stolperstein wurde am Steintor zur Erinnerung an Gertrud Schüermann verlegt. © Meike Holz © Meike Holz

1938 beugte Pinkus sich dem Druck, er floh erst allein nach Holland, traf Ehefrau Grete und Tochter Margot dann in Brüssel wieder. Aber die Nazis holten sie ein. Alle drei wurden 1943 nach Auschwitz deportiert. Nur die jüngste Tochter Else überlebte, ihr war es gelungen, nach Amerika auszuwandern. „Sie hat ihr Leben lang unter dem Verlust ihrer Familie gelitten“, berichtet Klara Möllers, „und auch darunter, dass die Nazis ihr den Zugang zur Bildung verwehrt hatten.“ Die ausführliche Geschichte der Familie ist nachzulesen im Online-Gedenkbuch der Stadt.

Erst zwangssterilisiert, dann ermordet

Ebenso die von Gertrud Schüermann, Jahrgang 1910. Sie wohnte an der Hertener Straße 2. Das Haus existiert nicht mehr, daher verlegte Demnig den Stolperstein in Höhe des Steintor-Parkplatzes. Wegen „Anfällen“ wurde die junge Frau mehrfach behandelt, nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert, in „Heilanstalten“ gesperrt. Im Zuge der „Euthanasie“ wurde sie am 21. Juli 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.

Zahlreiche Gäste und offizielle Vertreter begleiteten die Verlegung. Isaac Tourgman, Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde, und Paulus-Pfarrer David Formella sprachen Gebete für die NS-Opfer.

Info: Im Online-Gedenkbuch der Stadt Recklinghausen finden sich 900 Namen und zum Teil auch Biografien und Fotos von NS-Opfern. www.recklinghausen.de/gedenkbuch

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