Fritz Koke berichtet

Gerichtsvollzieher leben gefährlich

46 Jahre lang war Fritz Koke Gerichtsvollzieher. Er hat Affen und Autos gepfändet, wurde von einem Hund gebissen und mit einer Eisenstange bedroht. Trotzdem hat er seinen Job gern gemacht.
Der ehemalige Gerichtsvollzieher Fritz Koke erzählt aus seinem Berufsleben. © Jörg Gutzeit

Fritz Koke hat Besuch. Um den Couchtisch herum sitzen Parteifreunde von der CDU. Der Kreisvorsitzende und Bundestagskandidat Michael Breilmann ist gekommen, der frühere Vizebürgermeister Ferdinand Zerbst und Ratsherr Claus Beeking ebenfalls. Vom Wohnzimmerfenster der Kokes geht der Blick auf die historische Stadtmauer. Es gibt Sekt und Mineralwasser.

40 Jahre CDU-Mitgliedschaft. Darauf wollen die Weggefährten mit Fritz Koke und seiner Frau Lilo anstoßen. Im Januar wird Koke 90. Zeit zurückzublicken auf ein bewegtes Berufsleben. Im Laufe von mehr als vier Jahrzehnten hat der gebürtige Hertener in seinem Amt wohl alle Gemütszustände erlebt, die das Leben zu bieten hat. Nicht selten ging es handfest zur Sache. Wie bei dem jungen Mann an der Castroper Straße, der seine Wohnung verlassen musste. „Der Mann weigerte sich zu gehen“, erzählt Fritz Koke. Schließlich kommt ein Nachbar die Treppe herauf. Es kommt zu einer Schlägerei. Koke muss schlichten. In diesem Fall verwandelt sich der Gerichtsvollzieher in einen Ringrichter. 30 Jahre ist das her. Da stand Fritz Koke schon kurz vor dem Ruhestand. In sein Gedächtnis hat sich ein weiterer Fall eingebrannt. Wieder ist es die Castroper Straße. „Ich sollte einen Affen in einem Käfig pfänden“, erzählt Koke. Doch zu seiner Überraschung sind in dem Käfig zwei Affen. Offenbar eine List des Eigentümers. Doch Koke lässt sich nicht hinters Licht führen. Er nimmt beide Affen mit. Zumindest vorerst, bis die Identitäten der Primaten geklärt sind.

„Ein bisschen Herz muss man haben“

Wer nicht kooperiert, muss mit Härte rechnen. Doch Fritz Koke bleibt in seinem Beruf Mensch. „Ein bisschen Herz und Verständnis muss man schon haben“, sagt der Ruheständler. „Auch wenn das im Gesetz nicht vorgesehen ist.“ Bei den sogenannten kleinen Leuten lässt sich der Gerichtsvollzieher in seiner aktiven Zeit durchaus auf Ratenzahlung ein. Seine Bögen mit den „Kuckuck“ genannten Pfandsiegeln sind berüchtigt. „Es heißt“, erzählt der Gastgeber, „die Siegel sind sichtbar anzubringen.“ Dabei hat er aber einen gewissen Spielraum. Der Kuckuck könne auch schon mal sichtbar hinten an einem Schrank angebracht werden. Was nicht ausgelöst wird, landet mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einer Auktion.

Viele seiner Klienten begegnen Koke im Laufe der Jahre immer wieder. Es sind die chronisch Klammen und Kriminellen, die ihre intensive Geschäftsbeziehung zu den damals sechs Gerichtsvollziehern in Recklinghausen oft an die nächste Generation weitergeben. Ferdinand Zerbst erinnert sich an das vielleicht schönste Kompliment, das Fritz Koke von einem Schuldner hörte: „Du warst mein bester Gerichtsvollzieher.“

Einmal, erzählt Fritz Koke, musste er einem Ehemann nachstellen. Die Frau öffnete die Tür. Ihr Gatte sei nicht da. Seine Menschenkenntnis verriet Fritz Koke, dass das nicht stimmte. Schließlich fand er den Delinquenten auf dem Dachboden. Nackt, hinter einem Kamin versteckt.

Der Jäger wird zum Gejagten

Manchmal wurde der Jäger aber auch zum Gejagten. Einmal beißt ihn ein Schäferhund in den Oberschenkel. „Zum Glück“, sagt Fritz Koke, „war es Winter, und ich hatte einen langen Mantel an.“ So bleibt es bei ein paar Schrammen.

Brenzliger geht es in der Werkstatt zu, in der ein Mann ihn mit einer Eisenstange verdreschen will. Koke schließt sich im Büro des Kleinbetriebes ein. Von draußen hämmert die Eisenstange gegen die Wände. Der Gerichtsvollzieher ruft die Polizei. Die Beamten lassen sich Zeit. Sie sind erst nach 20 Minuten da.

Auch der CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagskandidat Michael Breilmann stattete Fritz Koke einen Besuch ab. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Nach diesem Vorfall beantragt Fritz Koke eine Dienstwaffe – vergebens. Schließlich besorgt er sich eine Schreckschusspistole. Er wird sie nie benutzen.

Nicht alle seiner Kollegen sind den mitunter ruppigen Arbeitsbedingungen gewachsen. Mehrere seiner Auszubildenden schmeißen später hin. „Die konnten nicht mit den Menschen umgehen“, meint Fritz Koke. Diese Fähigkeit sei mindestens so wichtig wie das Wissen um Paragrafen und Vorschriften.

Die Liste der bizarren Einsätze ließe sich nach 46 Dienstjahren bis ins schier Unendliche fortsetzen. Da waren die Kinder, die aus einer Familie genommen werden sollten, weil der Vater vor ihren Augen Tauben die Köpfe abriss. Er war Züchter.

Die Pfändung eines Opel Diplomat hat ein Nachspiel für den Gerichtsvollzieher. Eines Tages steht eine Sinti-Großfamilie in seinem Wohnzimmer. Auch diese Begegnung endet glimpflich.

Auch Traber werden gepfändet

Rund ein Dutzend Pferde pfändet Fritz Koke auf der Hillerheider Trabrennbahn. Einer der Traber, sein Wert wird auf 40.000 D-Mark geschätzt, darf trotzdem noch einmal in Hamburg starten – und gewinnt ein Rennen. Kokes Fälle sind so verschieden wie das Leben selbst. Auch zwei Bordelle gehören zu seinem Bezirk. Die Konstante im Leben des Gerichtsvollziehers ist seine Ehefrau Lilo. Sie erledigt die Büroarbeit.

Nach der Pensionierung 1997 startet Fritz Koke eine Laufbahn als Golfer. Mehrere kleine Pokale stehen auf dem Wohnzimmerschrank. Im kommenden Mai sind Lilo und Fritz Koke 65 Jahre verheiratet. Die Eiserne Hochzeit möchten sie feiern – mit Familie, Freunden und vielen Erinnerungen.

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt