Interview

„Ich bemerke häufiger eine depressive Stimmung“

Die Recklinghäuserin Nicole Bönnighaus (46) arbeitet seit zwei Jahren als Hebamme. Sie sagt, den Schwangeren fehlt im Lockdown der direkte Kontakt in der Gruppe.
Sieht Licht und Schatten im Lockdown: Hebamme Nicole Bönnighaus. © privat

Frau Bönnighaus, Sie haben vier Kinder. Aber möchten Sie ausgerechnet jetzt schwanger sein?

Ehrlich gesagt nicht. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich damit lieber warten. Aber die Schwangeren, die ich betreue, nehmen die Herausforderungen der Coronazeit gut an.

Welches sind die Herausforderungen?

Es fehlt vor allem der persönliche Kontakt mit anderen Schwangeren und Paaren. Auch meine Geburtsvorbereitungskurse finden derzeit nur digital statt. Immerhin bilden sich über die digitalen Meetings hinaus WhatsApp-Gruppen.

Warum ist der persönliche Kontakt so wichtig?

Man kommt sich nicht so isoliert vor. Durch den direkten Austausch geht es den Schwangeren besser. Ganz nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Aber der Austausch ist prinzipiell doch auch digital möglich.

Ja, aber es fehlt die Nähe. Eine Nähe, aus der auch Freundschaften entstehen können. Und es ist auch nicht möglich, dass die Babys in anderen Kursen gemeinsam auf der Krabbeldecke liegen. Dabei hat die ganze Corona-Pandemie auch Vorteile.

Welche sollen das sein? Jetzt sind wir neugierig.

Die Frauen erleben eine ungestörte Zeit im Wochenbett, weil kaum Besuch kommen kann. Die Eltern können ganz in Ruhe Kontakt zu Ihrem Kind aufbauen. Das ist positiv.

Fehlt den Neugeborenen nicht auch der Kontakt zu anderen Kindern?

Da mache ich mir eher Sorgen um die Kinder im Kindergartenalter oder um die Teenager. Bei denen bleibt gerade vieles auf der Strecke. Im ersten Lebensjahr sind die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen für ein Kind. Allerdings ist es auch für Babys wichtig zu sehen, dass es auch Gleichaltrige gibt und nicht nur Erwachsene.

Sind werdende Eltern heute sorgenvoller als vor der Pandemie?

Ich bemerke schon häufiger eine Art depressiver Stimmung. Es fehlen der Kontakt zu Freunden oder auch Präsenzangebote wie etwa Schwangerschaftsyoga. Dann sind da Sorgen wie die, ob der Partner bei der Geburt dabei sein darf. Da besteht ganz viel Unsicherheit, weil es unterschiedliche Regelungen gibt. Die Geburt ist ja ein Moment, den gibt es nur einmal. Ich hoffe, dass die zunehmenden Impfungen da für eine Entspannung sorgen. Ganz besonders hart trifft die Situation jedenfalls Alleinerziehende. Und natürlich haben auch und gerade Schwangere Angst davor, dass sie selbst oder das ungeborene Kind an Covid-19 erkranken.

Zur Person

Vierfache Mutter

Nicole Bönnighaus ist 46 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Die Recklinghäuserin hat zuvor als Industriekauffrau gearbeitet. Die Geburt ihrer jüngsten Tochter Sophie brachte Nicole Bönnighaus auf die Idee, selbst Hebamme zu werden. Seit 2019 übt sie diesen Beruf aus und betreut jährlich mehr als 70 Schwangere vor und nach der Geburt. Hinzu kommen Patientinnen für Schwangerschaftsakkupunktur in ihrer Praxis in Castrop-Rauxel.

Welche Tipps haben Sie für Schwangere und frisch gebackene Eltern, um aus diesem Stimmungstief zu kommen?

Man sollte sich zumindest eine Kontaktperson erhalten und mit der zum Beispiel spazieren gehen. Digitale Kurse in Babymassage oder Rückbildungskurse sind zumindest eine Alternative zu Präsenzkursen. Bald wird es aber sicher auch wieder Angebote unter freiem Himmel geben.

Auch Sie mussten sich umstellen, als Sie Ihre Geburtsvorbereitungskurse plötzlich online anbieten sollten. Wie hat das funktioniert?

Ich habe das Glück, dass mein Mann in dem Bereich arbeitet. Er konnte mich gut unterstützen. Auch deshalb hat das gut funktioniert.Bietet der digitale Kurs neben dem fehlenden direkten Kontakt auch Vorteile?Ja, es muss sich niemand auf den Weg machen. Man nimmt einfach von zu hause aus teil. Wobei, im letzten Jahr gab es ein Paar, das war an die Nordsee verreist. Die haben von dort aus mitgemacht.

Warum sind Sie Hebamme geworden?

Ich habe selbst vier Kinder und hatte dadurch viel Kontakt zu Hebammen. Das hat mein Feuer entfacht, das Wunder der Geburt begleiten zu dürfen und einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

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