Jubiläum Vestische Kinderklinik

Ihren Kinderarzt Prof. Rodeck chauffierten die Eltern nur zu gern

Dass die Vestische Kinderklinik Jubiläum feiern kann, verdankt sie auch Prof. Dr. Heinrich Rodeck aus Recklinghausen. Als das Krankenhaussterben begann, machte er das Haus zukunftsfähig.
Prof. Dr. Heinrich Rodeck war auch immer mit Leidenschaft Dozent. Hier folgen ihm die aufmerksamen Krankenpflegeschülerinnen der Vestischen Kinderklinik. © Privat

Ein Vierteljahrhundert, vom 1. Dezember 1960 bis 30. Juni 1986, war Prof. Rodeck ärztlicher Direktor der Kinderklinik. Als ihm die Stelle angeboten wurde, war er 40 Jahre alt, verheiratet, Vater von fünf Söhnen, Universitätsdozent in Düsseldorf und an der dortigen Kinderklinik tätig. In Datteln war der Neubau mit 200 Betten gerade eröffnet worden. Das bot dem späteren Recklinghäuser gute Perspektiven.

Zurück zu den Anfängen. Ein Krieg bedeutet Leid, Zerstörung – und Neuaufbau. Die Kinderklinik ist ein Beispiel. Sie wurde vor 75 Jahren in Datteln gegründet, nachdem 1945 bei einem Luftangriff das Säuglings- und Kinderpflegeheim am Börster Weg ausgebombt worden war. Kinderarzt Dr. Julius Weinrich und die (Kinderkranken-)Schwestern vom Orden der Göttlichen Vorsehung standen vor den Trümmern ihrer 30-jährigen gemeinsamen Arbeit.

Prof. Dr. med Heinrich Rodeck war vom 1. Dezember 1960 bis zum 30. Juni 1986 Ärztlicher Direktor der Vestischen Kinderklinik. © Privat © Privat

„Durch Vermittlung der britischen Besatzungsmacht wurde dem Orden als Klinik eine übergroße, leerstehende Direktorenvilla der Bergwerksgesellschaft Emscher-Lippe in Datteln angeboten“, berichtete Prof. Dr. Hans Röttger in einem Aufsatz im Vestischen Kalender 1999. Dr. Weinrich engagierte sich mit weiteren Helfern beim Wiederaufbau in Datteln und übernahm nach der Einweihung am 5. Mai 1946 befristet die medizinische Leitung. Ihm zur Seite stand Assistenz-Ärztin Dr. Toschke. Doch Weinrich, 68 Jahre alt, war in Recklinghausen gefordert, wo er seine Praxis und mittlerweile Belegbetten im Prosper-Hospital hatte.

Dr. Werner Döhmann wurde am 1. August 1946 Ärztlicher Leiter der Kinderklinik. „Dr. Döhmann hat unserem Vater ein hervorragendes Haus überlassen“, sagt Ute Pahnke, die als sechstes Kind der Familie in Recklinghausen geboren wurde und ebenfalls Kinderärztin geworden ist. Sie blättert in einer Chronik, die die Ordensschwestern „ihrem“ Prof. Rodeck zu dessen 25-jährigem Dienstjubiläum zusammengestellt haben.

Die Leistungen und das Fachwissen der Schwestern vom Orden der Göttlichen Vorsehung, die bereits im 1945 ausgebombten Säuglingskrankenhaus in Recklinghausen tätig waren, wurden auch von Prof. Dr. Rodeck sehr geschätzt. Das Foto zeigt ihn mit den Nonnen am 28. August 1967 beim Spatenstich für das neue Schwesternwohnheim. © Privat © Privat

Die anerkannte Kinderklinik in Datteln zu übernehmen, war für den Mediziner, der in Münster, Halle und Würzburg studiert und später auch in Kiel und Melbourne berufliche Erfahrungen gesammelt hatte, überaus reizvoll. „Vater kam aus Gladbeck, er fühlte sich aber als Vest-Bürger“, berichtet Sohn Dr. Egbert Rodeck. Auf Initiative des Direktors bekam das Kinderkrankenhaus einen neuen Namen. Der Anhang „Emscher-Lippe“ – in Anlehnung an die damalige Zeche – fiel weg: „Der Name Vestische Kinderklinik sollte überregionale Strahlkraft bringen.“

Mit revolutionären Ideen gegen das Krankenhaussterben

Das war in den 60er-/70er-Jahren auch nötig. „Durch den Pillenknick und die kürzere Verweildauer der Patienten setzte ein großes Kinderkliniksterben ein“, berichtet Ute Pahnke. In Deutschland wurden ab 1967 mehr als 3000 Betten abgebaut und 57 Kinderkrankenhäuser geschlossen. Prof. Rodeck schuf eine neue Organisationsstruktur, die als „Dattelner Modell“ bundesweit Schule machte. Er verzichtete auf seine „Alleinherrschaft“, machte aus den Stationen Fachabteilungen, in denen die Chefärzte das Sagen hatten.

Mit dem modernen Frühgeborenenzentrum für 48 kleine Patienten manifestierte die Vestische Kinderklinik ihre überregionale Bedeutung. © Privat © Privat

So gelang es ihm, karrierebewusste Experten anzuwerben, die gleichzeitig Hand in Hand für ihre Patienten da waren. Auch die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten baute Rodeck aus. Apropos bauen: Natürlich wuchs unter seiner Regie das Klinikgebäude weiter, ein Schwesternwohnheim kam hinzu. „Er war der Dirigent eines großen Orchesters“, beschreibt der Sohn.

Dabei war Rodeck selbst „aus Versehen“ Kinderarzt geworden. „Er hatte sich ursprünglich für eine Facharztausbildung in der Augenheilkunde entschieden, seine Bewerbung aber an die falsche Adresse geschickt“, verrät der Sohn. Das Schreiben landete in der Kinderklinik Düsseldorf, die Rodeck vom Fleck weg anstellte: „Unser Vater hat das nie bereut. Er sagte immer, es sei ein schönes Fach, weil du deine Patienten fast immer wieder gesund bekommst.“

Der Klinikdirektor liebte den Familienurlaub auf Texel

Wie die Chefärzte hatte auch Rodeck eine Privatambulanz in der Klinik. Dort hielt er nachmittags seine Sprechstunden. „Die Eltern kamen aus der ganzen Region mit ihren Kindern zu ihm. Die Sprechstundenhilfe sorgte dafür, dass die letzten Patienten immer aus Recklinghausen waren“, plaudert Uta Pahnke aus dem Nähkästchen. Denn der Direktor lenkte nicht gern selbst das Auto. Morgens ließ er sich von seiner Frau in die Klinik kutschieren, abends von den Eltern seiner Patienten heimfahren. Klagen gab es nicht, „die Leute fanden es gut, dass ihr Kinderarzt mehr Zeit für sie hatte“. Als seine eigenen Söhne und dann auch die Tochter hinters Steuer durften, mussten auch sie „Taxi spielen“.

Prof. Dr. Heinrich Rodeck (r.) bei der Visite. © Privat © Privat

Der Vater arbeitete viel und lang – donnerstags war der Herr Professor zudem in der Uni, und vor den Schwesternschülerinnen dozierte er ebenfalls gern. „Aber es war gesetzt, dass wir jeden Sommer vier Wochen Urlaub auf Texel machten“, erzählt Egbert Rodeck. Herrlich wären die Familienferien gewesen, obwohl es täglich Pflichten gab. „Die größeren Geschwister mussten mit den kleineren lernen. Mein Vater hat viel geschrieben.“ Wenn die Kinder am Strand tobten, sei der Papa hinter seiner Zeitung abgetaucht. „Das war sein größtes Vergnügen.“

Am 30. Juni 1986 überreichte Rodeck das Zepter an seinen Nachfolger Prof. Dr. Werner Andler. Die Zahl der Mitarbeiter war in den 25 Jahren von 185 auf rund 450 gewachsen. Und aus der Vestischen Kinderklinik mit 280 Betten war ein Krankenhaus mit Vorbildcharakter geworden.

Ein Bild aus frühen Tagen: Fenster in den Wänden gewährten den Kinderkrankenschwestern den freien Blick in alle hintereinander liegenden Zimmer. © Privat © Privat

Prof. Dr. Heinrich Rodeck starb 2018 mit 98 Jahren. Fünf seiner Kinder haben Medizin studiert. Der sechste blieb ebenfalls auf Familienkurs: Die Mutter war auf einem Bauernhof großgeworden, und er wurde Landwirt.

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