Straßenverkehr

Jeder gegen jeden: Fahrradstraßen mutieren zum rechtsfreien Raum

Sie sollen Recklinghausen freundlicher machen, fahrradfreundlicher genau gesagt. Doch von Norden bis Süden sorgen die neuen Fahrradstraßen vor allem für Verwirrung und gereizte Stimmung.
Auch auf Fahrradstraßen gilt für Radler die Straßenverkehrsordnung. © Jörg Gutzeit

Rund 20 Fahrradstraßen gibt es in Recklinghausen, jüngst ist der Elper Weg dazu gekommen. Dabei gilt: Immer hübsch auf die Verkehrszeichen achten. Zwar wird bei einer Fahrradstraße eigentlich die gesamte Fahrbahn zum Radweg. Aber Zusatzhinweise unter dem Schild geben an, wer sich dort bewegen darf. Meistens ist das zumindest der motorisierte Anliegerverkehr. „Wenn kein Bürgersteig vorhanden ist, dürfen Fußgänger auf der Fahrbahn laufen. Das regelt die Straßenverkehrsordnung“, erklärt Axel Fritz, Fachbereichsleiter für Mobilität, Stadtgrün und Straßenbau.

Radler haben am Ende eigentlich nur ein Privileg: Sie dürfen nebeneinander fahren. Autofahrer müssen Rücksicht nehmen und dürfen nur mit einem Sicherheitsabstand von 1,5 Meter überholen. „Auch auf Fahrradstraßen gilt die Straßenverkehrsordnung, und zwar für alle Verkehrsteilnehmer“, betont Fritz. Soweit die Theorie.

Es wird gemeckert, geklingelt, gehupt und geschnitten

Die Praxis in der Stadt sieht anders aus, vor allem bei Fahrradstraßen ohne Bürgersteig. Da wird gemeckert, geklingelt, gehupt und geschnitten. Jeder gegen jeden scheint das Gesetz der Fahrradstraße zu sein: Radler, Fußgänger, Autofahrer, Hunde. Alle kommen sich in die Quere.

In Stuckenbusch und Hochlarmark haben Lokalpolitiker den Fachmann aus dem Rathaus deshalb eingeladen, sich die Situation vor Ort anzuschauen. Erster Halt: Friedrich-Ebert-Straße. Die Franziskusstraße und Am Leiterchen sind seit einigen Wochen Fahrradstraßen.

Konflikte gibt es aber weniger auf der verkehrsreichen Kreuzung, sondern dort, wo die Wege idyllisch werden. „In Stuckenbusch ist die Unsicherheit groß“, sagt CDU-Ratsfrau Marita Bergmaier, die mit dem Ortsverbandsvorsitzenden Daniel Rabe vor Ort ist, „keiner weiß mehr, wie er sich zu verhalten hat.“

Die Stuckenbuscher CDU-Politiker Marita Bergmaier und Daniel Rabe sprachen mit Fachbereichsleichter Axel Fritz (l.) über die Situation an den Fahrradstraßen, wie hier an der Franziskusstraße. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Dabei sorgten vor allem die schnellen Radler, die es auf E-Bikes oder Rennrädern schaffen, das Tempolimit von 30 Stundenkilometern zu überschreiten, für Unsicherheit. „Sie bringen durch ihre Rücksichtslosigkeit sich und andere in Gefahr“, warnt Bergmaier. Axel Fritz kennt diese Probleme: „Mich hat auch schon ein Landwirt angerufen, weil er von wütenden Radlern angegangen wurde, als er mit seinem Trecker zu seinem Feld gefahren ist“, berichtet Fritz.

Das Modell Fahrradstraße hält der Experte dennoch für richtig: „Es ist Teil des Mobilitätsentwicklungskonzepts, um den Radverkehr zu fördern.“ Die Bürger, egal ob auf dem Rad, im Auto oder zu Fuß, bräuchten halt etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen.

Wer nicht auf zwei Rädern unterwegs ist, wird attackiert

Dass es jemals soweit kommt, bezweifeln die Anwohner aus Hochlarmark, die sich auf Initiative von UBP-Ratsfrau Claudia Ludwig an der Auguststraße versammelt haben. Der kreuzende Nonnenbuschweg ist Bindeglied zwischen verschiedenen Trassen und eine beliebte Radstrecke. „Seitdem er eine Fahrradstraße ist, ist die Hölle los“, klagt ein Anwohner. Seine Grundstückseinfahrt liegt an dem Wegestück, „ich komme nie mit dem Auto rein oder raus, ohne angepöbelt zu werden.“

Anwohner der Auguststraße schilderten Fachbereichsleiter Axel Fritz die Probleme, die seit der Umwidmung des Nonnenbuschwegs in eine Fahrradstraße entstanden sind. © Silvia Seimetz © Silvia Seimetz

Gemütliche Spaziergänger, spielende Kinder, Hunde- oder Pferdebesitzer – wer nicht auf zwei Rädern unterwegs sei, werde attackiert. Wie zum Beweis prescht ein Radfahrer vorbei, ohne an der Einmündung Auguststraße auf rechts vor links zu achten, und mault: „Das ist eine Fahrradstraße!“

Fachbereichsleiter Axel Fritz meint dazu: „Radfahrer sind erwiesenermaßen die Verkehrsteilnehmer, die am häufigsten Regeln brechen. Aber auch sie müssen lernen, Rücksicht zu nehmen.“

Am „Brennpunkt Hochlarmark“ soll jedoch nachgebessert werden. Dort kommt hinzu, dass viele Autofahrer einen verbotenen Schleichweg durch die Felder nehmen. Zügig soll geprüft werden, ob ein Bodenpoller – eine „Erdbeere“ wie sie am Ostcharweg steht – zumindest diesen Missstand beheben kann. Ein roter aufgepinselter Kreis und Vorfahrtsschilder könnten der Kreuzung Auguststraße/Nonnenbuschweg die Anmutung eines Kreisverkehrs geben. „Und packen Sie bloß dieses Werbedings da ein“, fordert eine Anwohnerin Axel Fritz auf und deutet auf ein großes Banner hin, das eigentlich in Sachen Fahrradstraßen aufklären soll. In sein Auto passt es nicht, „aber wenn es sie so sehr stört, lasse ich es abbauen“, verspricht er.

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