Straßenserie

Kino, Kirche und ein Kreisverkehr

Kino, Kirche und einen ungewöhnlichen Kreisverkehr vereint die Kemnastraße auf rund 400 Metern. Vom Rand der Altstadt führt sie durch das Paulusviertel bis zur Hohenzollernstraße.
Am Anfang: In einer Sackgasse beginnt die Kemnastraße. © André Przybyl

In einer Sackgasse beginnt die Kemnastraße. Auf dem Gehweg wird ein Baum von einer Bank umschlungen. Tische und Stühle einer Bar fordern die Passanten dazu auf, sich hinzusetzen und etwas zu trinken. Wo einst eine Kneipe stand, breitet sich heute ein Parkplatz aus. Gegenüber lädt das „Cineworld“ dazu ein, der Realität zu entfliehen – zumindest für ein paar Stunden.

In allen Kinos der Stadt gearbeitet

Schon als Kind liebt Kai-Uwe Theveßen Filme. „Ich bin regelmäßig ins Kino gegangen“, sagt er. Heute leitet er das Recklinghäuser Filmtheater. Mit Brot und Brötchen verdient Theveßen zunächst sein Geld. „Ich bin gelernter Bäcker, was mir auch Spaß gemacht hat“, berichtet er. „Jedoch war die Stimmung in dem Familienbetrieb, in dem ich gearbeitet habe, nicht gut.“ Mit 21 geht er zur Bundeswehr und sucht nach einem anderen Job. „1989 habe ich dann in Recklinghausen als Vorführer angefangen.“ Damals wird ein „Springer“ gesucht, der aushilft, wenn das Personal mal ausfällt. „Meine ersten Einsätze waren im ‚Bambi‘ im alten Löhrhof-Center.“ Kammer, Studio oder Capitol – Theveßen tingelt durch die Recklinghäuser Kinos, die heute allesamt Geschichte sind. „Ich wurde aber auch in anderen Städten eingesetzt.“

Leitet das „Cineworld“: Kai-Uwe Theveßen. © André Przybyl © André Przybyl

Er bedient die Projektoren, die die Bilder auf die Leinwand werfen. „Die stammten zum Teil noch aus den 1930er-Jahren, haben allerdings einwandfrei funktioniert“, erklärt er. „Bei den modernen 3D-Projektoren muss man sich schon nach zehn Jahren überlegen, sie gegen neue auszutauschen – dann sind sie bereits veraltet.“ Theveßen übernimmt immer mehr Aufgaben. Als 1999 das „Cineworld“ eröffnet wird, ist er von Anfang an dabei. Durch die Pandemie kommt er persönlich ganz gut. „Für das Kino war gerade der zweite Lockdown jedoch schlimm.“ Ein Dreivierteljahr keine Vorstellungen. „Das war eine harte Zeit.“ Doch der Neustart im Juli dieses Jahres gelingt. „Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr hatten wir keine neuen Filme, weil alle Starts verschoben wurden“, erinnert er sich. „Jetzt wären viele Vorstellungen ausverkauft gewesen, hätten wir nicht die Corona-Beschränkungen gehabt.“

Für Kinder immer ein besonderes Erlebnis

Netflix, Amazon und Co. sieht er zwar als Konkurrenz. „Aber man kann Filme nirgendwo so sehen wie im Kino.“ Das bekommt er tagtäglich bei seiner Arbeit mit. „Gerade Kinder sind nach den Vorstellungen total begeistert – da wächst schon die nächste Generation heran.“ Er erinnert sich noch gut an den Siegeszug der VHS-Kassette. „Damals hieß es, das sei der Tod des Kinos“, erzählt er. „Heute gibt es keine Videotheken mehr – und das Kino lebt noch immer.“ Wo sich heute das Filmtheater erhebt, stand von 1851 bis 1980 das Prosper-Hospital – darauf weist eine Tafel an der Fassade hin. Recklinghausens älteste Klinik wird 1848 von Herzog Prosper Ludwig von Arenberg auf Bitten von Bürgern gestiftet. Seinen neuen Standort findet das Krankenhaus nicht weit entfernt an der Mühlenstraße.

Katholisches Zentrum: das Erich-Klausener-Haus. © André Przybyl © André Przybyl

Weiter zieht die Kemnastraße ihre Bahn stadtauswärts. Auf das Kino folgt das Erich-Klausener-Haus. In dem katholischen Zentrum sind unter anderem das Kreisdekanat des Bistums Münster, der Sozialdienst katholischer Frauen sowie das katholische Bildungswerk untergebracht.

Krane drehen ihre Runden: das Neubaugebiet Paulusanger. © André Przybyl © André Przybyl

Etwas weiter wird gebaut – hier entsteht am ehemaligen Standort zweier Berufskollegs das Wohngebiet Paulusanger. Während einige Mehrfamilienhäuser bereits fertig sind, drehen an anderer Stelle Krane in luftiger Höhe ihre Runden, verrichten Bagger ihr Werk. Hinter einer Häuserreihe lugt der Turm der Pauluskirche hervor, die dem umliegenden Viertel und dem Neubaugebiet ihre Namen verleiht.

Vorfahrt gewähren: In einer 90-Grad-Kurve endet die Sackgasse. © André Przybyl © André Przybyl

Es folgen Häuser, die allesamt älteren Datums sind. Ein Fachwerkhaus steht einsam an einer Ecke, Stadtvillen mit verzierter Fassade schmiegen sich an schmucklose Bauten. Eine Fahrschule ist hier ebenso zu finden wie ein Tattoo-Studio und eine Pizzeria.

Stadtauswärts: Häuser mit verzierter Fassade schmiegen sich an schmucklose Gebäude. © André Przybyl © André Przybyl

Nachdem die Paulusstraße passiert ist, ist Tempo 30 angesagt – schließlich kreuzen regelmäßig Schülerinnen und Schüler des Hittorf-Gymnasiums den Verkehr. 1904 wird die Schule mit ihrer verzierten Fassade und ihrem kleinen Turm auf der Spitze gegründet. Bis zur Hohenzollernstraße zieht sich das Gebäude, in dem heute rund 1.100 Kinder und Jugendliche unterrichtet werden.

1904 gegründet: das Hittorf-Gymnasium. © André Przybyl © André Przybyl

Dann mündet die Straße in einen Kreisverkehr. Hier kreiseln die Autos jedoch nicht nur in einem Rund, sondern ziehen in einer Schlaufen-Form ihre Runden. In der Ferne erhebt sich das heutige Prosper-Hospital, geradeaus führt die Mühlenstraße gen Hochlar, Stuckenbusch und Hochlarmark. Hier endet die Kemnastraße, die auf rund 400 Metern Kirche und Kino vereint.

Welche Ausfahrt darf’s denn sein? Der Schlaufen-Kreisverkehr an der Hohenzollernstraße. © André Przybyl © André Przybyl

Zur Sache

Die Kemnastraße erhielt am 4. November 1898 ihren Namen, davor hieß sie Bruchweg. Benannt wurde sie nach dem Recklinghäuser Theodor Kemna (24. Dezember 1810 bis 21. Januar 1897). Kemna war katholischer Priester und Kaplan in St. Peter, außerdem war er Förderer des Prosper-Hospitals. Er war gebürtig von dem Hofe Kemna, heute Jörgens, in Stuckenbusch.

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