Jugendwerkstatt

Letzte Chance für notorische Schwänzer und Systemsprenger

Die Jugendwerkstatt Quellberg gibt jungen Menschen aus schwierigen Verhältnissen eine Chance. Für manche ist es die letzte. Montag kehrt das Haus in den Regelbetrieb zurück. Ein Besuch.
Jenny schwänzte drei Jahre lang die Schule. Schüler wie sie gelten in Fachkreisen als „Systemsprenger“. © picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa

Die junge Frau mit den dunklen Haaren und der modisch-löchrigen Jeanshose wirkt abgeklärt. So, als spräche sie über ein Kuchenrezept. Dabei geht es um die schiefe Bahn, auf der sie sich befand und auf der sie um ein Haar verloren gegangen wäre. Mit einem Schulwechsel habe alles angefangen. Die Familie der 18-Jährigen, die in diesem Beitrag Jenny heißen soll, zog vor Jahren von Bochum nach Recklinghausen. Auf der neuen Schule, sagt Jenny, sei sie an die „falschen Freunde“ geraten.

Dabei habe sich das am Anfang gar nicht falsch angefühlt. „Es war cool, die Schule zu schwänzen“, berichtet Jenny. „Das brachte mir im Freundeskreis Anerkennung.“ Bald gab es Stress mit den Lehrern und Stress mit der Familie. Jenny blieb dem Unterricht fern. Drei Jahre lang, wie sie erzählt. „Ich habe gar nichts durchgezogen“, meint sie. Nur im Schwänzen, da blieb sie konsequent.

Teenager wie Jenny sind das, was Gerd Lambertz „Systemsprenger“ nennt. Lambertz leitet die Jugendwerkstatt am Quellberg. Jugendliche und junge Erwachsene werden an der Amelandstraße 4 auf das Berufsleben vorbereitet. Sie können Schulabschlüsse nachholen. Doch darum ging es bei Jenny gar nicht. Sie musste zuerst lernen, aufzustehen und pünktlich zu sein. Mittlerweile lebt sie in einer eigenen Wohnung. Ihr zweites Zuhause sei die Jugendwerkstatt.

Gerd Lambertz verabschiedet Jenny aus seinem Büro. Eine weitere Jugendliche steht daneben. Sie hat gleich ein Bewerbungsgespräch um einen Ausbildungsplatz beim Bildungszentrum des Handels – als Zoom-Sitzung am Laptop. Es geht voran, trotz aller Corona-Einschränkungen. Gerd Lambertz versprüht Optimismus.

85 Prozent erhalten eine Perspektive

Der 59-Jährige verschränkt die Arme und grinst. „85 Prozent der Teilnehmer gehen hier mit einer klaren Perspektive raus“, sagt der gelernte Tischler. Potenziale entdecken. Darum geht es in Lambertz Job an der Spitze der Jugendwerkstatt. Aber auch in der Coronakrise seien wieder ein paar junge Menschen auf der Strecke geblieben. Einige erschienen einfach nicht zu den Abschlussprüfungen. Denen kann selbst Lambertz nicht mehr helfen. Dabei hilft der Leiter, wo er es kann. Lässt Kontakte spielen, um seine Schützlinge in einer Lehre oder an einer anderen Schule unterzukriegen.

Wie geraten junge Menschen auf die schiefe Bahn? Gerd Lambertz hat in seinen vielen Jahren als Leiter der Jugendwerkstatt etliche Schicksale gesehen. „Manche kommen über den Verlust des verstorbenen Opas nicht hinweg“, erzählt er. Andere erhielten einen Knacks, wenn sich die Eltern trennen. Wieder andere haben Eltern, die aufgrund von Drogensucht oder Krankheit keine Werte vermitteln und nie das Vorbild sein konnten, das Kinder bräuchten.

Zuletzt fand auch die Arbeit der Jugendwerkstatt unter erschwerten Bedingungen statt. Monatelang gab es nur Distanzunterricht. Dabei profitieren gerade Lambertz‘ Schützlinge von der Gemeinschaft vor Ort auf den 750 Quadratmetern der ehemaligen Edeka-Filiale.

Potenziale entdecken: Gerd Lambertz leitet die Jugendwerkstatt an der Amelandstraße. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Kommenden Montag soll der Regelbetrieb wieder starten wie vor der Pandemie: mit einem gemeinsamen Frühstück. Das bringt Struktur in den Tag.

„Wir sind auch dafür da, Leidenschaft und Ideale zu vermitteln“, sagt Gerd Lambertz. Neben dem schulischen Betrieb sammeln die jungen Leute Erfahrungen in vier angeschlossenen Bereichen: der Metallwerkstatt, Holzwerkstatt, dem Hauswirtschaftsbereich und der Textilwerkstatt. Der Hobbymusiker Lambertz („Desert Style“) hat auch einen Proberaum mit Instrumenten eingerichtet. Wer sich für Gitarre oder Schlagzeug begeistert, darf sich hier ausleben.

Seit 22 Jahren gibt es die städtische Einrichtung auf dem Quellberg. Im Flur hängen Bilder von den Jugendlichen, die hier „Teilnehmer“ heißen. Auch Ausflüge auf die Halde Hoheward oder zum Schiffshebewerk Henrichenburg wurden an den Wänden verewigt.

Der Spaß soll sich auf alle übertragen

Der Spaß an der Arbeit und am Miteinander soll sich auf alle übertragen, findet Gerd Lambertz. Auf die Kollegen ebenso wie auf die Jugendlichen. Dann stimme das Ergebnis. Stolz ist der Leiter auf die Toiletten des Hauses: „Da ist in all den Jahren nie auch nur ein Edding-Strich irgendwo gewesen.“

2012 schickte das Bundesfamilienministerium ein Kamerateam an die Amelandstraße. Die Arbeit der Recklinghäuser Jugendwerkstatt erregte bundesweites Interesse. Lambertz: „Das war unser Ritterschlag.“

Aus manchen „Teilnehmern“ sind bereits Anwälte und promovierte Biologen geworden. Ein Drittel der jungen Leute macht einen Schulabschluss nach, schätzt der Chef. Der Umgangston in der Jugendwerkstatt ist locker. Gerd Lambertz duzt die Jugendlichen – und die duzen ihn.

Im Lockdown haben die Lehrer und Werkstattleiter mit den beiden VW-Bussen der Einrichtung Lernpakete an die Schüler ausgeliefert, damit der Kontakt nicht völlig abbrach. Auch Jenny möchte den Kontakt zur Jugendwerkstatt nicht verlieren. Sie würde gerne ein weiteres Jahr anhängen. Eigentlich ist das nicht vorgesehen. Doch vielleicht findet Gerd Lambertz auch für dieses Problem eine Lösung.

Info: Die Jugendwerkstatt Quellberg nimmt als einzige städtische Einrichtung der Jugendberufsvorbereitung Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 21 Jahren auf. Sie haben entweder keinen Schulabschluss oder ein so schlechtes Zeugnis, dass sie keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben. Sie müssen sich selbst bewerben. Derzeit zählt die Einrichtung 32 Teilnehmer. Laut Gerd Lambertz bewerben sich etwa doppelt so viele. Die Werkstättler entdecken Talente, lernen handwerkliche Fertigkeiten und können den Hauptschulabschluss nachholen.

Lesen Sie jetzt