Tierärzte

Letzte Kleintierklinik mit Notdienst fordert Hilfe

Nur noch eine Kleintierklinik im Kreis bietet einen 24-Stunden-Notdienst an. Der personelle und finanzielle Aufwand ist enorm. Die Tierärztekammer Westfalen-Lippe möchte helfen.
Ein junger Australian Shepherd, der wegen Anämie stationär betreut wird, schaut in die Kamera. © dpa

Genau wie beim Menschen kann es auch bei Tieren in der Nacht zu medizinischen Notfällen kommen. Symptome wie Durchfall und Erbrechen führen bei Hunden schnell zur Dehydration. Nur sind in der Nacht alle Tierarztpraxen geschlossen. Im Kreis Recklinghausen gibt es nur noch eine Kleintierklinik, die einen 24-Stunden-Notdienst anbietet: die Kleintierklinik Anicura Recklinghausen, Am Stadion 113 – und die arbeite an ihrer Belastungsgrenze.

„Wir sind die letzten, die noch übrig sind“, sagt Klinikleiter Berthold Menzel. In Westfalen-Lippe bieten neben Anicura in Recklinghausen nur noch zwei Kliniken – in Ahlen und Bielefeld – einen Notdienst an. Zwei weitere gibt es in Altenessen und Duisburg. Sie gehören der Tierärztekammer Nordrhein an.

Aufwand lohnt sich für Tierärzte nicht mehr

Wegen der hohen Belastung und Kosten geben immer mehr Tierärzte ihren Klinik-Status ab. Sie heißen dann „Tiergesundheitszentrum“. Auch Tierarzt Dr. Klaus-Bernd Padberg hat den Notdienst eingestellt. „30 Jahre lang habe ich den Notdienst der niedergelassenen Hausärzte im Kreis unterstützt. Zuletzt haben wir am Wochenende nur noch fünf Behandlungen durchgeführt. Das lohnte sich nicht mehr. Viele fahren nachts direkt in die Klinik“, so Dr. Padberg.

Die Klinik an der Straße Am Stadion mit immerhin rund 80 Mitarbeitern, darunter 19 Tierärzte, hält sich wacker. Warum? „Weil mein Team, genau wie ich, der Meinung ist, dass wir eine Verantwortung gegenüber dem Tier haben. So versuchen wir, den Notdienst noch – solange es geht – aufrechtzuerhalten“, erklärt Menzel. Die Folgen seien ein hoher Krankenstand beim Personal und Tierhalter, die nachts bis zu sechs Stunden Wartezeit hinnehmen müssen.

Tierarzt Berthold Menzel bietet in der Tierklinik Anicura Recklinghausen mit seinem Team rund um die Uhr einen tiermedizinischen Notdienst an. © Alina Meyer © Alina Meyer

Menzel: „Wir müssen demnächst noch stärker triagieren. Das bedeutet, wir müssen klare Richtlinien aufstellen nach dem Schema: Welcher Patient kann nur noch fünf Minuten, wer 15 Minuten und wer eine Stunde warten? Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird es dramatisch. Dann wird der nachts von einem Auto angefahrene Hund nicht mehr rechtzeitig behandelt.“ In manchen Gegenden sei das schon Alltag. Berthold Menzel hat Sorge, dass ihn sein Team eines Tages darum bittet, den Notdienst einzustellen. Er könne es verstehen. Kaum eine Klinik tut sich heute noch diesen Stress an.

Work-Life-Balance und Arbeitszeitgesetz

Wie ist es zu dieser verheerenden Lage gekommen? Dr. Harri Schmitt, Präsident der Tierärztekammer Westfalen-Lippe: „Tierärzte unterliegen dem Arbeitszeitgesetz. Sie dürfen acht, maximal zehn Stunden am Stück arbeiten. In der Humanmedizin sind bis zu 36 Stunden erlaubt. Die Aufrechterhaltung eines Notdienstes kostet die Praxis monatlich rund 60.000 Euro. Den personellen und finanziellen Aufwand kann sich eine normale Praxis kaum leisten.“

Hinzu käme, dass heute mehr als 90 Prozent der Tiermedizin-Studenten Frauen sind, und deren Priorität liege zu einem großen Teil nach dem Studium auf der Familiengründung. Ein Tierarztmangel ist die Folge.

Kammer sieht Notdienst noch gut aufgestellt

Nicht zuletzt ein moderner Trend spiele mit rein: „Work-Life-Balance“ – ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben. „60-Stunden-Wochen will heute kein junger Tierarzt mehr leisten“, sagt Dr. Padberg. Auch die 50-Euro-Notdienstgebühr, die seit dem Jahr 2020 gilt, könne keinen Tierarzt mehr locken.

Und dennoch funktioniere der tierärztliche Notdienst „in der Regel sehr gut“, so die Meinung der Tierärztekammer, „dank der Tierärzte, die noch bereit sind, ihn aufrechtzuerhalten“, so Dr. Harri Schmitt. Nur punktuell gebe es Probleme. Die Kammer wolle demnächst einen neuen Vorstoß wagen, um den Notdienst für Kleintiere verpflichtend in der Berufsordnung aufzunehmen. Der letzte Versuch sei abgelehnt worden.

Menzel: „Uns würde es schon helfen, wenn uns die Praxen nachts die leichten Fälle abnähmen und nur im Notfall an uns überweisen. Bei schwerem Durchfall sollte man mit dem Tier die Klinik aufsuchen, bei einer Zecke im Fell aber nicht.“

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