Umspannwerk

Museum „Strom und Leben“ schließt: Neustart mit Visionen

Ein Facebook-Post des Museums „Strom und Leben“ sorgt für Verwirrung: „Zum 25. September 2021 schließt das Museum seine Tore.“ Was hat das zu bedeuten?
Der Umbau läuft: Stefanie Pilz (l.), Sabine Oetzel und Hanswalter Dobbelmann in einem der neuen Ausstellungsräume an der Uferstraße. © Jörg Gutzeit

Nach einer bevorstehenden Schließung sieht es am Freitagvormittag nicht aus im Museum „Strom und Leben“. Der Künstler Ludger Hinse trägt mit Helfern Exponate seiner neuen Ausstellung ins Foyer. Handwerker schleppen Farbeimer. Sieht so das Ende eines Museums aus? Auch darüber sprachen wir mit den beiden Leitern Sabine Oetzel und Hanswalter Dobbelmann sowie mit der für die Social-Media-Kampagnen des Museums zuständige Mitarbeiterin Stefanie Pilz.

Ihr Facebook-Post hat für einige Verwirrung gesorgt. Was steckt dahinter?

Stefanie Pilz: Meine Kollegin Christin Kemper und ich haben im Grunde erreicht, was wir wollten: Aufmerksamkeit.
Sabine Oetzel (lacht): Es haben sich bei uns sogar einige Leute gemeldet, die fragten, wann sie denn ihre Dauer-Leihgaben abholen können, wenn wir bald schließen.

Haben Sie die Wortwahl bewusst so gewählt, dass man glauben muss, Sie sind bald weg?

Pilz: Ja, aber es stimmt ja auch. Das Museum „Strom und Leben“ verabschiedet sich. Mit etwas Gefühl und Blick auf die anderen Posts konnte man aber darauf kommen, dass wir nicht dauerhaft komplett zu machen.

Was heißt das denn nun?

Pilz: Ab dem 25. September ist unser Haus für eine Woche geschlossen. Wir erweitern die Ausstellungsfläche, und es gibt auch einen neuen Namen.

Welchen Namen trägt das Haus denn dann?

Hanswalter Dobbelmann: Bald werden wir heißen „Zeitreise Strom – Das deutsche Elektrizitätsmuseum“. Darunter machen wir es nicht. Wir sind ja auch tatsächlich das einzige deutsche Elektrizitätsmuseum – oder doch zumindest das größte. Der Begriff Zeitreise taucht so oft in unseren Gästebüchern auf, deshalb wollen wir ihn nehmen. Aber es geht um noch viel mehr. Wir möchten zeigen, dass wir das Museum auf eine neue Stufe heben.

Was macht diese Qualität aus?

Dobbelmann: Der neue Aspekt ist die Zukunft des Stroms, seiner Anwendung und Produktion. Dabei geht es auch um Visionen. Genauso, wie wir die Visionen der Menschen vor 120 Jahren zeigen, als die Elektrifizierung um sich griff. Es gab schon früh Entwürfe für Mobiltelefone oder auch elektrisch betriebene Flugapparate.
Oetzel: Man muss sich halt weiter entwickeln. Viele Besucher kommen mehrfach zu uns. Da wollen wir etwas Neues bieten. Stillstand wäre in diesem Fall Rückschritt.

Alltagsgegenstände aus früheren Jahrzehnten machen den Charme des Museums „Strom und Leben“ aus. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Können Sie noch etwas mehr verraten über das neue Museum?

Dobbelmann: Wir werden mehrere Hundert zusätzliche Objekte zeigen. Viele davon stammen aus dem eigenen Depot. Wir nehmen zwei Räume im alten Gebäudeteil zur Dauerausstellung hinzu, die wir sonst zum Beispiel für Tagungen benutzt haben. Dafür mussten wir die Fahrzeughalle verkleinern, weil wir Tagungsräume brauchen. Das Tagungsgeschäft hat für uns eine wesentliche wirtschaftliche Bedeutung. Aber wir wollen unseren musealen Part deutlich stärken.
Oetzel: Eine größere Ausstellung führt zu einer längeren Verweildauer. Das heißt, wir erweitern unseren Radius, weil Besucher auch eine längere Anfahrt in Kauf nehmen, wenn sie länger im Museum bleiben. Für eine Stunde im Museum fährt niemand zwei Stunden.

Der Markenkern Ihres Museums besteht darin, dass die Besucher die Exponate wie historische Telefone oder Computer anfassen und auch ausprobieren dürfen oder sogar sollen. Bleibt dieses Konzept erhalten?

Dobbelmann: Diesen Markenkern wird es auch weiterhin geben.

Und was ist mit der 50er-Jahre-Kneipe und dem Kinosaal?

Pilz: Beides bleibt. In der bisherigen Dauerausstellung ändern wir nur Kleinigkeiten.
Dobbelmann: Es wird insgesamt sicher einige Bezüge zur Popkultur geben, und die Besucher werden viele weitere Exponate entdecken, die sie aus ihrer eigenen Kindheit oder Jugend kennen. (Er holt zwei futuristisch ausgestattete Playmobil-Figuren hervor.)

Kleiner Vorgeschmack: Auch diese beiden Gesellen werden ihren Platz in der neuen Ausstellung finden. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Früher gehörte Ihr Museum zum RWE-Konzern, seit 2016 sind Sie selbstständig. Wie sind Sie durch die Coronazeit gekommen?

Dobbelmann: Die Coronapandemie hat uns massiv getroffen, wenn auch nicht existenziell. Dabei war Corona auch der Grund dafür, dass wir den Neustart bereits zweimal verschoben haben. Im Grunde war der August der erste normale Monat seit Februar 2020. In allen Monaten dazwischen hatten wir etwa 60 Prozent Einbußen. Manchmal auch 100 Prozent, wenn wir komplett schließen mussten. Immerhin mussten wir keinen unserer 13 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit entlassen.
Oetzel: Auf jeden Fall haben wir in der Zeit festgestellt: Ein Museum ohne Besucher ist doof.
Dobbelmann: Wir haben die Zeit natürlich genutzt, so gut es ging. Es gibt in unserem Haus jetzt W-LAN und digitale Audioführungen über QR-Codes in mehreren Sprachen. Insgesamt haben wir in der Pandemie ordentlich in die Tasche gegriffen. Auch deshalb ist es wichtig, dass der Neustart gelingt.

Info: Museum „Strom und Leben“, Uferstraße 2-4, 45663 Recklinghausen, sieben Tage pro Woche geöffnet: Montag bis Samstag 10-17 Uhr, Sonntag 10-18 Uhr. Eintritt ist möglich für nachweislich geimpfte, genesene oder getestete Besucher. Das Museum wurde im Dezember 2000 im und am historischen Umspannwerk eröffnet. Es ist außerdem Ankerpunkt der Route der Industriekultur des Regionalverbands Ruhr. Dort wird der Standort auch künftig „Umspannwerk“ heißen.

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