Interview

„Pflege ist bunt und hat viel zu bieten“

Christian Fehr, neuer Pflegedirektor des Klinikums Vest, will den Pflegeberuf attraktiver machen. Die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter steht für ihn im Vordergrund, ebenso die Personalsuche.
Voller Tatendrang: Christian Fehr, neuer Pflegedirektor des Klinikums Vest, berichtet von seinen Plänen. © Meike Holz

Christan Fehr (42) heißt der neue Pflegedirektor des Klinikums Vest. Er ist für rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Recklinghäuser Knappschaftskrankenhaus und in der Marler Paracelsus-Klinik zuständig. Wir haben ihn gefragt, wie die Pflegekrise zu bewältigen sei.

Sie haben gesagt, Sie wünschen sich, dass jeder Ihrer Mitarbeiter mit einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit kommt. Wie wollen Sie das erreichen?

Indem wir uns um unsere Mitarbeiter kümmern. Die Stationen sollen in Zukunft eng von der Pflegedirektion betreut werden. Mir ist eine offene, konstruktive Gesprächskultur wichtig. Jeder darf Kritik äußern und sagen, was ihn stört. Darum führe ich mit allen Bereichen einmal im Jahr ein sogenanntes Stationsgespräch, auch in Kombination mit dem Betriebsrat. Dort können die Mitarbeiter ohne Sorgen vor Sanktionen erzählen, wie es ihnen geht und was sie bei ihrer Arbeit behindert. Dann schauen wir gemeinsam, was wir tun können, um die Bedingungen zu verbessern. Wir haben Chancen, diesen Beruf attraktiv zu gestalten.

Wie ist die Stimmung unter Ihren Mitarbeitern?

Ich glaube, dass wir auf dem Weg sind, dass sie sich verbessert.

Das ist aber eine diplomatische Antwort!

Ich möchte an dieser Stelle nicht zurückblicken. Mir geht es darum, gemeinsam mit meinem Team und den Mitarbeitern die Pflege im Klinikum Vest weiterzuentwickeln. Darum bin ich hier hergekommen.

Was ist das größte Problem? Und damit sind wir vermutlich beim Thema Personal.

Ja, das Hauptproblem ist, dass zu wenige Pflegekräfte vor Ort sind.

Wie viel unbesetzte Stellen gibt es in Ihren beiden Häusern?

Wir sind schon in einem Bereich, in dem wir mit Sicherheit einige neue Pflegekräfte brauchen, die wir jetzt aber auch aktiv suchen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Zunächst einmal müssen wir den Fokus von „Es geht uns schlecht und wir suchen“ auf „Was können wir verändern und was bieten wir“ richten. Dabei setzen wir auf drei Säulen.
Einmal gilt es, durch eine gute Akquise möglichst viele Menschen von außen für das Klinikum Vest und die Pflege zu begeistern.
Das Zweite ist eine gute Ausbildung. Wir verdreifachen gerade die Zahlen an unserem Schulstandort Recklinghausen. Da sind wir auf dem besten Weg, sodass wir auf fast 500 eigene Auszubildende für unsere beiden Häuser zurückgreifen und unseren Bedarf mittelfristig decken können.
Das dritte Thema ist die Mitarbeiter-Bindung. Wir geben den Leuten die Chance, sich einzubringen und in Arbeitsgruppen das Thema Pflege mitzugestalten. Mir ist der Kontakt zur Basis sehr wichtig und vor allem, dass ich mit allen im Gespräch bin.
Entscheidend ist aber auch, die Mitarbeiter zu halten. Das Thema Führung ist an dieser Stelle ganz wichtig. Mitarbeiter müssen sich abgeholt fühlen. Das hat etwas mit Wertschätzung und Feedback-Kultur zu tun.

Was halten Sie davon, die Pflegekräfte einfach besser zu bezahlen, um den Job attraktiver zu machen?

Das kann ich nicht beeinflussen. Es gibt Themen, die auf politischer Ebene entschieden werden müssen. Davon abgesehen, denke ich, dass wir ein gutes Tarifsystem haben.

Sie haben von Akquise gesprochen. Wie sieht die aus? Sie werben jetzt sogar im Ausland um Mitarbeiter.

Genau, es gibt ein interessantes Projekt, bei dem wir Pflegekräfte aus dem Kosovo akquirieren.

Das ist doch sicher sehr aufwendig?

Ja, das ist es. Denn wir achten sehr auf die Integration. Sprachqualifikation ist dabei ein wichtiges Thema, ebenso Wohnen und Freizeit. Es ist zum Beispiel angedacht, auf den Stationen Mentoren einzusetzen. Momentan befinden wir uns im Auswahlprozess und wollen bald mit zehn Pflegekräften starten.

Warum hat so ein systemrelevanter Beruf solch ein schlechtes Image?

Weil die Nachteile des Pflegeberufes leider immer in den Vordergrund gestellt werden.

Aber es ist doch kein Geheimnis, dass dieser Beruf körperlich sehr anstrengend ist, dass die Kräfte oft unter Zeitdruck arbeiten, Überstunden machen und auf ihre freien Tage verzichten müssen. Warum sollten sich junge Leute für diesen Ausbildungsberuf entscheiden?

Weil das ein Beruf ist, der viel bietet. Wir arbeiten sehr nah am Menschen und bekommen oft positives Feedback. Pflege leistet bei der Genesung und Behandlung der Patienten einen elementaren Beitrag. Darauf können wir stolz sein. Zudem besteht die Chance, Karriere zu machen und sich weiterzubilden. Dieser Beruf ist bunt. Übrigens gibt es in den pflegeintensiven Bereichen mittlerweile aufgrund der Pflegepersonaluntergrenzen neue Strukturen, die die Arbeit angenehmer machen.

Zum Beispiel?

Heute versorgt eine Pflegekraft auf der Intensivstation im Durchschnitt zwei Patienten am Tag oder drei in der Nacht. Früher war es gang und gäbe, dass sie für vier, in Ausnahmefällen sogar für fünf Patienten zuständig war.

Und das funktioniert bei Ihnen?

Ja, wir halten die Grenzen ein.

Viele rufen nach der Politik, um einen Ausweg aus der Pflegekrise zu finden. Was wünschen Sie sich vom Gesetzgeber, um zumindest einen Teil der Probleme zu lösen?

Wir haben in NRW die große Chance, dass eine Pflegekammer errichtet wird und der Berufsstand dadurch eine eigene Interessenvertretung bekommt. Dann hätte Pflege tatsächlich die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen. Das wäre eine tolle Entwicklung.

Jeder Neuanfang ist schwer: Wie ist es Ihnen in den vergangenen Monaten ergangen? Haben Sie den Wechsel etwa bereut?

Nein, das habe ich nicht. Mir ist es gut ergangen. Ich bin hier offen empfangen worden und fühle mich sehr wohl. Wir haben viele Themen, die wir in den nächsten Jahren bewegen wollen. Darauf freue ich mich.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Ich mag Wünsche, die ich selbst beeinflussen kann. Die gute Fee ist mir nämlich noch nicht begegnet. Privat wünsche ich mir und meiner Familie natürlich Gesundheit, vor allem in dieser schwierigen Zeit. Beruflich hoffe ich dagegen, dass wir die Dinge, die wir jetzt anstoßen, auch erfolgreich umsetzen können.

Damit jeder Ihrer Mitarbeiter mit einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit kommt?

Genau. Das ist das Ziel!

Zur Person: Christian Fehr (42) lebt in Bochum, ist verheiratet und Vater einer vierjährigen Tochter. Seit 1. April 2021 ist er Pflegedirektor des Klinikums Vest. Der gelernte Krankenpfleger und Diplom-Pflegewissenschaftler (FH) bringt zehn Jahre Berufserfahrung in der Krankenpflege mit. Zuletzt war er knapp vier Jahre lang als Pflegedirektor in einem Oberhausener Krankenhaus tätig, davor engagierte er sich dreieinhalb Jahre als Pflegedirektor bei einem Krankenhausträger in Bochum.

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