Recklinghäuser machen die Welt auf dem Wochenmarkt etwas besser

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Ein Teil der engagierten Händlerinnen und Händler der "Lokalen Agenda"-Gruppe auf dem Wochenmarkt: Anne Höppner (l.), Marko Lünenborg (2.v.l.), Gabi Verfürth (3.v.l.), Mathilde Storm und Peter Möller. Ebenfalls auf dem Foto: der treue Kunde Thomas Sellmann (r.). © Ulrike Geburek
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Mutig oder verrückt? Optimistisch oder naiv? Sie kauften ein Zelt und einen Anhänger und wurden Markthändler. Mal eben so. Vor mehr als 18 Jahren. Die Engagierten des Fachforums „Konsum“ der Agenda-Gruppe. Deren Sprecher Peter Möller muss nicht lange überlegen, um diese Frage zu beantworten. „Wir waren beherzt und erfolgreich“, sagt er. Stolz klingt in seiner Stimme. Denn das mittlerweile doppelt so große Zelt ist längst zum festen Bestandteil des Wochenmarktes im Dr.-Helene-Kuhlmann-Park geworden.

Alles für ein lebenswertes 21. Jahrhundert tun

Zur Erinnerung: Da war der Beschluss von Rio de Janeiro, damals, 1992, auf einer Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung. Ziel war es, alles für ein lebenswertes 21. Jahrhundert zu tun. Und genau das sollte auch in Recklinghausen passieren. Umweltbewusste Bürger gründeten vor 25 Jahren die „Lokale Agenda 21“-Gruppe. Nachhaltigkeit ist das Zauberwort – vor allem auch im Bereich Ernährung und Handel. Die Idee eines eigenen Marktstandes war geboren. Und 2003 war es endlich so weit. „Natürlich war der Anfang holprig“, erzählt Möller weiter.

Daran erinnert allerdings nichts mehr. Der Stand mit der gelben Zeltplane und der weißen Haube ist dicht umlagert. Immer wieder samstags. Bei Wind und Wetter. „Und wenn es stürmisch ist, halten wir das Dach fest“, berichtet Mathilde Storm lachend und zeigt nach oben.

Mehrere Hundert Menschen kaufen hier ein: Schokolade, Honig, Bananen oder Wein. Und Kaffee bis zum Abwinken. Auch zum Genießen auf dem Markt. Mit einem Euro sind die Kundinnen und Kunden dabei. Und jeder, der möchte und „Geld übrig hat“, darf gerne das große Spendenschwein füllen – für die Bioboden-Genossenschaft. Die setzt sich für ökologische Landwirtschaft ein.

„Wir behalten nichts vom Gewinn, sondern nehmen uns nur das Nötigste“, betont Möller und winkt den Nachbarn vom Stand nebenan zu. Die Recklinghäuser vom Verein „Hope & Future“ verkaufen dort selbst gemachte Marmelade. Von dem Geld profitieren Projekte im Kampf gegen das HIV-Virus und Aids in Südafrika. „Auch das gilt es zu unterstützen“, meint Möller und nickt einem Stammkunden zu. Thomas Sellmann nickt zurück.

„Wir sind hier wie eine große Familie“

Ein Marktbesuch ohne Abstecher zu den Agenda-Leuten, nein, das ist für Sellmann undenkbar. „Wir sind hier wie eine große Familie“, erklärt der Recklinghäuser, holt sich einen dampfenden Kaffee und stellt sich an einen der beiden Stehtische in die Sonne zu anderen Gleichgesinnten. Entspannung pur.

Entspannt sind auch die fünf Ehrenamtlichen, die sich an diesem Samstag den Dienst teilen. Seit 6.30 Uhr in der Frühe schleppen sie Kisten und Kartons mit Waren, sortieren und dekorieren, kochen Kaffee und berichten über den „fairen“ Handel, darüber, dass die Erzeuger für ihre Produkte einen Mindestpreis bekommen und ihre Arbeitsbedingungen relativ gut sind. „Dafür zahlen die Kunden gerne etwas mehr“, sagt Mathilde Storm und zeigt einer Frau Pfand-Gläser mit Cashewnüssen.

Derweil schenkt Anne Höppner fleißig Kaffee aus. „Mir liegt die Nachhaltigkeit sehr am Herzen“, erzählt sie. Genau darum ist sie hier. Aber nicht nur: „Es ist schön, dass man Menschen trifft, die die gleichen Ideen haben“, berichtet Gabi Verfürth und räumt Schokolade nach.

Ein Freund der „Lokalen Agenda“: Marko Lünenborg ist ebenfalls samstags auf dem Wochenmarkt dabei. Das große Schwein füttern die begeisterten Kunden für einen guten Zweck. © Ulrike Geburek

„Möchtest du das Schwein füttern?“, fragt da eine Mutter und drückt ihrem Sohn einige Münzen in die Hand. Marko Lünenborg schiebt dem Kleinen die bunte Keramik-Sau entgegen. Er ist mit 20 Jahren der Jüngste im zwölfköpfigen Team. Und selbst eine Fete am Vorabend hält ihn nicht davon ab, pünktlich zu erscheinen. „Ich gucke, dass ich trotzdem fit bin“, verrät er und grinst.

Und die treuen Kunden danken es ihnen. „Wir freuen uns immer, dass sie da sind“, sagt eine Seniorin und ihr Mann stimmt zu. „Außerdem ist es gut zu wissen, dass die Arbeiter mehr Geld verdienen, wenn wir hier einkaufen.“ Zufrieden sitzen sie auf ihren Rollatoren und schlürfen Kaffee. Der Naturmilde ist besonders beliebt.