Historiker forscht im Stadtarchiv

Recklinghausen 1923: Als die Franzosen einmarschierten

Vor 98 Jahren ist auch Recklinghausen von französischen Truppen besetzt worden. Die Besatzer blieben zwei Jahre an Rhein und Ruhr. Auch die Festspielstadt übte sich in passivem Widerstand.
Forscht zur Ruhrbesetzung in Recklinghausen: Dr. Benjamin Volff (l.). Dabei tauscht er sich regelmäßig mit Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes aus. © Jörg Gutzeit

Eher zufällig fiel dem französischen Historiker Dr. Benjamin Volff die Kopie einer Postkarte in die Hände. Sie wurde am 2. Februar 1923 von einem französischen Soldaten in die Heimat geschickt. Die Postkarte zeigt den damaligen Hauptbahnhof Recklinghausens. Der namenlose Soldat beginnt sein Schreiben mit den Worten „Lieber André“. Der Autor bewundert den industriellen Reichtum des Ruhrgebiets, die rauchenden Schlote, die Zechen und Züge. Für ihn ist das ein Ausdruck von „Schönheit“. Heute würde der Soldat vermutlich eine WhatsApp-Nachricht mit Bildern verschicken. Vor 100 Jahren schrieb man Postkarten.

Das Original der besagten Karte liegt im Stadtarchiv Recklinghausen an der Hohenzollernstraße. Seit August 2019 forscht Dr. Benjamin Volff schwerpunktmäßig in Recklinghausen über die Ruhrbesetzung von 1923 bis 1925. Die Coronapandemie bremste ihn zwischenzeitlich aus. Doch jetzt ist er wieder häufig vor Ort im Stadtarchiv. Volff geht es vor allem um das Verhältnis der Besatzungsmacht zur Bevölkerung. Ein erstes Zwischenergebnis, des in Mülheim an der Ruhr mit seiner deutschen Frau und zwei Kindern lebenden Historikers aus Lothringen: In Recklinghausen gab es keine nennenswerten Sabotageakte der Bevölkerung – und somit auch keine blutigen Vergeltungsaktionen des französischen Militärs. Anders in Essen, wo Saboteure hingerichtet wurden. Auch in Gelsenkirchen scheint das Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten ein rustikaleres gewesen zu sein. So schreibt ein anderer Besatzungssoldat auf einer weiteren archivierten Karte: „In Gelsenkirchen kriegen die Deutschen Haue.“

Gruß in die Heimat: Diese Postkarte mit dem Recklinghäuser Hauptbahnhof als Motiv schickte ein unbekannter französischer Soldat im Februar 1923 an einen André. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

„Recklinghausen lag offenbar ein wenig im Windschatten der damaligen Ereignisse“, folgert Recklinghausens Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes. Frankreich ging es im Januar 1923 vor allem darum, möglichst viel Kohle und Koks aus dem im Ersten Weltkrieg (1914-1918) besiegten Deutschen Reich herauszuholen. Die Franzosen verwiesen auf den Versailler Vertrag, in dem Deutschland hohe Reparationszahlungen aufgezwungen worden waren. Zudem hatten die deutschen Truppen 1918 beim Abzug aus Frankreich Zechen und Bahnbrücken zerstört.

Berlin rief zum passiven Widerstand auf

Unter Historikern umstritten ist, ob der Versailler Vertrag wirklich die Besetzung des Rheinlandes und des Ruhrgebiets legitimierte. Großbritannien und die USA distanzierten sich bald vom französischen Kurs. Und die Regierung der weitgehend entmilitarisierten Weimarer Republik in Berlin rief zum passiven Widerstand auf. Dieser Widerstand findet sich auch in 50 Aktenordnern des Stadtarchivs wieder. Sie sind nachträglich mit dem Stempel „Ruhrkampf“ versehen worden.

Mon cher André (Mein lieber André), so beginnt der Text auf der Rückseite der Postkarte. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

In den Akten enthalten ist die Korrespondenz zwischen den französischen Besatzern und der Recklinghäuser Stadtverwaltung, die bis auf den Bürgermeister Sulpiz Hamm weiter arbeiten durfte. „Die Verwaltung in Recklinghausen befolgte vor allem die Befehle der preußischen Landesregierung und der Reichsregierung in Berlin“, urteilt Dr. Benjamin Volff. Die Besatzer aus dem traditionell verfeindeten Nachbarland wurden – mitunter auf subtile Weise – hingehalten. Das geht aus einem Dokument vom Januar 1923 hervor, der Frühphase der Ruhrbesetzung. In deutscher Sprache fordern die Franzosen die deutschen Stellen dazu auf, die Anzahl von Bergleuten, Einwohnern und anderen Personengruppen zu melden. In einem handschriftlichen Vermerk am Rande der Akte heißt es, dass diese Zahlen an gesonderten Stellen aufbewahrt würden. Und wieder gingen ein paar Tage bis zum nächsten Schriftwechsel ins besetzte Land. Der Amtsschimmel bremste die Vorhaben der Franzosen nach Kräften aus.

Besatzer scheitern an deutscher Bürokratie

Auch in einem anderen Fall scheiterten die Besatzer an der deutschen Bürokratie. Sie wollten ein Bordell für ihre Soldaten eröffnen. Die Recklinghäuser Stadtverwaltung erklärte, dass ein solches Etablissement gegen deutsche Gesetze verstieße. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Offiziere der Grande Nation an den preußisch-deutschen Beamten verzweifelten.

Rund 1500 französische Soldaten, schätzt Dr. Benjamin Volff, waren damals in Recklinghausen stationiert. Sie waren überwiegend in Schulen untergebracht, die Offiziere wurden in Wohnungen einquartiert. Das Gymnasium Petrinum diente den Besatzern in Recklinghausen als Hauptquartier. In das gesamte Ruhrgebiet marschierten bis zu 90.000 französische Soldaten ein.

Sein eigentliches Forschungsobjekt, räumt Volff ein, gibt ihm noch einige Rätsel auf. Wie war es wirklich um das Zusammenleben von Recklinghäusern und französischen Soldaten bestellt? Was überliefert ist, ist oft Propaganda – wie jenes Foto, dass einen französischen Offizier im zwanglosen Plausch mit Recklinghäuser Bergleuten zeigen soll. Mit offenen Feldküchen versuchten die Besatzer offenbar, die Herzen der von der galoppierenden Inflation gebeutelten Recklinghäuser für sich zu gewinnen. Diese Küchen, erklärt Dr. Kordes, waren oft gut besucht.

In 50 im Stadtarchiv lagernden Aktenordnern ist die Korrespondenz zwischen den französischen Besatzern und den Recklinghäuser Beamten von 1923 bis 1925 lückenlos dokumentiert. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

In anderen Berichten ist von Geschlechtskrankheiten die Rede. Wurden sie womöglich nicht nur bei freiwilligen Liebschaften, sondern auch bei Vergewaltigungen übertragen? Wollten die Franzosen ein Bordell für ihre Soldaten fernab der Heimat einrichten, um solche Übergriffe zu verhindern?

Ausstellung folgt in zwei Jahren

Noch sind viele Fragen offen. Aber noch hat Dr. Benjamin Volff auch zwei Jahre Zeit zu forschen. Dann jährt sich der Einmarsch der französischen Truppen zum 100. Mal. In Recklinghausen soll es dann eine Ausstellung geben. Volff wird dazu einen Vortrag in Recklinghausen halten – und womöglich das ein oder andere Geheimnis lüften. Gefunden hat der Historiker in den ihm als Quelle dienenden Postkarten auch einen Sinn für schwarzen Humor. So schickte ein französischer Soldat eine Postkarte mit deutschen Kanonen der Firma Krupp nach Hause.

Seinen eigenen Landsleuten beschert der Historiker mit seiner Arbeit einen Perspektivwechsel: „In Frankreich sehen wir die Deutschen mit Blick auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg in erster Linie als Besatzer und nicht als Besetzte.“

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt