Kicker am Hittorf-Gymnasium Ex-Lehrer schlagen den Bogen von der Kaiserzeit bis zur WM in Katar

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Zwei Männer stehen in Recklinghausen vor der Fassade des Hittorf-Gymnasiums
Haben sich mit der Schul- und der Fußballgeschichte beschäftigt: die ehemaligen Hittorf-Lehrer Heinz-Georg Matuszewski (l.) und Klaus Burghardt. © Kathrin Grochowski
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Generationen von Hittorf-Schülern haben ihn auf dem Weg zum Hof passiert, längst nicht alle werden von ihm jemals Notiz genommen haben, kaum jemand dürfte seine Bedeutung kennen: Die Rede ist von einem steinernen Fußballer an der Fassade. Und der hat schon vor einem Jahrhundert für Aufsehen gesorgt, wie die ehemaligen Hittorf-Lehrer Klaus Burghardt und Heinz-Georg Matuszewski recherchiert haben.

Newton, Helmholtz und Liebig – die Porträts der Naturwissenschaftler prangen seit jeher über dem Portal der einstigen Oberrealschule an der Kemnastraße. In Höhe der Turnhalle ziert seit 1909 die Darstellung eines antiken Diskuswerfers die Außenwand – und wenige Meter weiter findet sich das Relief eines Kickers in kurzen Hosen. Ein gestalterisch mutiger Schritt des Architekten und Regierungsbaumeisters Peter Heil, wie Klaus Burghardt, der fast 40 Jahre am Hittorf-Gymnasium unterrichtet hat, findet.

Fußball galt als „englische Krankheit“

Denn das Fußballspielen an Schulen war im Kaiserreich nicht unumstritten, der Kampf ums runde Leder wurde als „Fußlümmelei“ und „englische Krankheit“ diffamiert. „Auch wenn manch einer der damaligen Pädagogen den Kopf geschüttelt haben mag: Dieser Fußballspieler passt in seiner Modernität zum Schulprogramm einer Oberrealschule“, sagt Burghardt, der nach seiner Pensionierung noch lange Zeit Schulbibliothek und -archiv betreut hat. Einen Widerspruch zur traditionellen Fokussierung der Schule auf Naturwissenschaften sieht der Ex-Lehrer in der Kicker-Darstellung nicht. „Baumeister Heil sah den Fußballsport mit seinen rationalen Regeln wohl als Ausdruck eines kulturell fortschrittlichen Mannschaftssports.“

Relief an der Fassade des Hittorf-Gymnasiums in Recklinghausen
Steinerner Kicker: Dieses Relief prangt seit 113 Jahren an der Fassade des Hittorf-Gymnasiums © Kathrin Grochowski

Doch vor mehr als 100 Jahren wehte in Recklinghausen ein anderer ideologischer Wind. Im Königreich Bayern war Fußball als Schulsport verboten worden, auch in Preußen stand das Kicken auf dem Prüfstand. „Der olle Schäfer“, so nennt Klaus Burghardt den früheren Oberrealschul-Direktor, ließ im Lehrerkollegium darüber abstimmen, ob das Fußballspielen weiterhin in allen Klassen betrieben werden sollte. Am Ende meldete der Direx Dr. Joseph Schäfer der königlichen Behörde in Münster, „daß dieses nicht ungefährliche Spiel leicht zur Rohe und Ungerechtigkeit verleite“ und „daß es gegebenenfalls auf den unteren Klassen beibehalten werden könne“.

Während Klaus Burghardt (76) selbst durchaus eine gewisse Leidenschaft für den Fußball hegt und als Junge in Hochlar so manche Partie auf der Straße ausgetragen hat („Wir von der Rottstraße konnten gegen die von der Wiesenstraße nie gewinnen.“), lässt der Sport den einstigen Schalke-Fan Heinz-Georg Matuszewski heute beinahe kalt. „Die radikale Kommerzialisierung stößt mich regelrecht ab“, sagt der frühere Deutsch-, Philosophie- und Geschichtslehrer. Und der 71-Jährige kritisiert den Fußball „als symbolisches Kriegsspiel mit festen Regeln“.

Auch am Hittorf gab es „Spielkaiser“

Wie Matuszewski weiß, wurde auch am Hittorf in den fußballerischen Anfängen ein „Spielkaiser“ gewählt. „Er übernahm die Verantwortung für den Ablauf des Spiels, vor allem als Streitschlichter“. Erst später etablierte sich die Bezeichnung Schiedsrichter. Dennoch bleibt „Matu“ dabei: „Fußball kann als zivilisierter Kleinkrieg angesehen werden.“ Das äußere sich nicht zuletzt in der Sprache, wenn von Schüssen, Angriff, Verteidigung ebenso die Rede sei wie von Sturmläufen, Sportskanonen oder auch dem „Bomber der Nation“.

Dem „verblassenden Ideal des fairen Sportsmanns vom Typus eines Uwe Seeler steht heute der Typus des Söldners gegenüber“, meint Heinz-Georg Matuszewski. Die „modernen Gladiatoren“ buhlen in den Arenen um die Gunst des Publikums. „In Katar kommt es nun zu einem Welttreffen der Söldner, die um die Erhöhung ihres Marktwertes kämpfen.“ Bei dem Hochlarer bleibt der Fernseher zur WM darum unabhängig von der Menschenrechtssituation in dem Wüstenstaat aus. „Der moderne Fußball ist ein epochales Phänomen, das in Katar eine neue globale Dimension erreichen wird.“