Ehrenamtliches Engagement

Vom Übergangsheim in die eigene Wohnung ist es ein weiter Weg

Jahre haben sie in Flüchtlingslagern und Unterkünften verbracht. Doch erst mit einer Aufenthaltsgenehmigung dürfen Geflüchtete in eine eigene Wohnung ziehen. Ein starkes Team hilft.
Das Wohnungsteam des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) hilft bei der Wohnungssuche und packt beim Umzug kräftig mit an. Das Foto zeigt v.l. Ecki Görlitz, Mahamadou Diarra, Astrid Balzer, Michael Gulik, Hans Jürgen Schröer und Wei Xia. © Meike Holz

Sie sind Ausländer, sie sprechen wenig Deutsch, die wenigsten haben Arbeit – auf dem angespannten Wohnungsmarkt ist es da für Geflüchtete besonders schwer, eine Wohnung zu finden. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der mit seinem Migrationsdienst Asylbewerber begleitet, ist auch dann zur Stelle. Und kann mit seinem ehrenamtlichen Wohnungsteam auf tatkräftige wie kompetente Unterstützung zählen. Von der Suche nach einer Wohnung über Anträge bei Behörden, die Renovierung, das Einrichten, den Einzug und das Einleben: Die Helferinnen und Helfer sind zur Stelle.

„Aber es gibt kein Rundum-sorglos-Paket von uns“, betont Julia Krause, die als SkF-Ehrenamtskoordinatorin das Team betreut. „Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.“

Eine aus dem Team ist Astrid Balzer. Sie weiß, wie es ist, in einem fremden Land neu anzufangen, die Sprache und Kultur nicht zu verstehen, sich in einem anderen politischen System zurechtzufinden.

1984 zog sie mit ihrem niederländischen Mann nach Holland. „Es ist ein europäisches Nachbarland, für mich war es eine ganz andere Welt, denn ich kam aus der DDR“, erzählt sie. Ein Kind wurde geboren, die Ehe ging in die Brüche, und zu all den Problemen kam die Furcht, zurück in die Unfreiheit der DDR zu müssen. „Denn nach der Scheidung brauchte ich eine Aufenthaltsgenehmigung“, blickt Astrid Balzer zurück.

Helfen ist Balsam für die Seele

Diese Last hatte sich in die Seele der Baukonstrukteurin gebrannt: „Als 2015 die vielen Flüchtlinge zu uns kamen, konnte ich ihre Not so gut nachempfinden.“ Sofort engagierte Astrid Balzer sich, übernahm im DRK-Zeltlager den Küchendienst: „Das hat meine eigene Seele geheilt.“

Corona hat die „Flüchtlingskrise“ aus den Nachrichten verdrängt . Aber es gibt sie immer noch, die Menschen aus anderen Ländern, die auf eine Zukunft in Recklinghausen hoffen. Die, die nicht wieder abgeschoben werden und eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, haben eine Hürde genommen. Erst dann dürfen die Asylbewerber die Unterkunft verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen. Durchschnittliche Wohndauer im Übergangsheim: zwei Jahre. „Die beengten Wohnverhältnisse und die fehlende Privatsphäre machen den Menschen zu schaffen“, weiß Julia Krause.

Jeder Ehrenamtliche im Wohnungsteam hat andere Stärken. Michael Gulik war 40 Jahre Schulleiter, als Pensionär gab er zunächst Deutschunterricht in den Unterkünften. Sein Organisationstalent bringt er nun im Wohnungsteam ein. „Zuerst musst du Vertrauen zu den Geflüchteten aufbauen, viele haben aufgrund der Erfahrungen in ihrer Heimat ein tiefes Misstrauen“, weiß er.

Annoncen in der Zeitung und online studieren

Erst dann kann die Wohnungssuche beginnen. Gulik studiert Zeitungsannoncen und das Internet, schreibt Wohnungsgesellschaften an, spricht bei Privatvermietern vor. „Ich bin ein Dolmetscher und Türöffner“, sagt er. Ein Besichtigungstermin ist ein Erfolg, wenn die Wohnung auch noch passt und der Vermieter eine Zusage gibt, die Freude riesig.

„Dann folgen die Verhandlungen und der Schriftverkehr mit dem Jobcenter“, erklärt Gulik. Die Wohnung darf nicht zu groß oder teuer sein. Ist der Mietvertrag unterzeichnet, geht es darum, Hilfen für Erstausstattung und Renovierung zu beantragen. Günstigste Strom- und Telefonanbieter müssen gefunden werden.

Nach der Schlüsselübergabe übernimmt oft Astrid Balzer die Begleitung bei der Einrichtung der Wohnung. Sie hat ein Händchen für Schnäppchen in Baumärkten, kennt sich in den Sozialkaufhäusern der Umgebung aus, hat ihre verlässlichen Quellen für Sachspenden. „Es macht Spaß. Jeder hat einen eigenen Geschmack, die Leute müssen sich in ihrer Wohnung wohlfühlen“, sagt sie.

Mit dem Privattransporter auf Tour

Wenn es darum geht, Material und Möbel zu transportieren, sind Ecki Görlitz und Hans-Jürgen Schröer zur Stelle. Auch Görlitz war Lehrer und ist über einen Deutschkurs beim SkF gelandet. Im Wohnungsteam tatkräftig mit anzupacken, sei eine neue Facette der ehrenamtlichen Arbeit. „Man tut es für die anderen, aber auch für sich“, gesteht er.

Schröer stellt seinen eigenen Transporter zur Verfügung. „Wenn wir gemeinsam im Auto sitzen, lerne ich so viel über die Menschen und Länder. Das hilft unweigerlich, eigene Ressentiments zu reflektieren“, erzählt er. Seit zwei Jahren ist er dabei. „Ich bedaure nur, dass ich erst so spät angefangen habe.“

Die empfangene Hilfe zurückgeben

Wei Xia ist 2001 als Student nach Deutschland gekommen und arbeitet heute als Chemiker. Er weiß, wie schwer es ist, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen. Xia ist der Experte für Renovierungen und ein versierter Heimwerker. Ebenso wie Mahamadou Diarra. Der 23-Jährige flüchtete vor vier Jahren allein aus Mali. Das Team unterstützte ihn bei der Suche nach einer Wohnung. „Das hat mich so beeindruckt, dass ich jetzt helfe“, erklärt der junge Mann. Sein Talent will er beruflich nutzen. Im August beginnt er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.

Die Ehrenamtskoordinatorin ist stolz auf ihr gemischtes Team. „Oft helfen die Mitbewohner aus den Übergangsheimen mit. Die Solidarität ist groß“, sagt Julia Krause. Rund 50 Menschen – Familien und Alleinstehende – leben dank ehrenamtlicher Hilfe in einer eigenen Wohnung. Jeder weitere Umzug ist ein Glücksfall, und zwar nicht nur für die neuen Mieter.

INFO: Wer helfen will, mit Zeit oder Sachspenden, meldet sich unter Telefon 02361/4859827 oder per E-Mail an julia.krause@skf-recklinghausen.de

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