Ruhrbesetzung 1923-1925

Vor fast 100 Jahren tobte in Recklinghausen ein Krieg um die Wahrheit

Das Projekt zur Erforschung der Besetzung Recklinghausens durch französische Truppen von 1923 bis 1925 schreitet voran. Eine neue Erkenntnis: Damals tobte ein Medienkrieg.
Blick in die Münsterstraße über das Lohtor. In dem imposanten Gebäude rechts betrieb der vorübergehend inhaftierte Martin Lux in den 1920er-Jahren sein Zigarrengeschäft. Die Postkarte gehört zur Sammlung des Historikers Jürgen Stewen. © Jürgen Stewen

Zur Zeit der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Soldaten verantwortete Verleger August Bauer die Recklinghäuser Zeitung. Der Mann hatte offenbar Mut und keine Angst vor persönlichen Repressalien. Bauer weigerte sich im Frühjahr 1923, eine Erklärung der französischen Besatzer abzudrucken. Dabei ging es um den Tod zweier französischer Offiziere in Buer. Die Franzosen machten deutsche Widerstandskämpfer für die Ermordung verantwortlich. Auf deutscher Seite hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass die Offiziere bei Streitigkeiten unter Franzosen umkamen. Für seine Weigerung, die Verlautbarung der Franzosen abzudrucken, verschwand August Bauer für einen Monat im Gefängnis. Außerdem musste er eine hohe Geldstrafe zahlen. Auch der damalige Geschäftsführer der RZ, Bernhard Hemigfeld, wurde verhaftet, weil er sich weigerte, ein Plakat der Franzosen ins Schaufenster der Zeitung an der Breiten Straße 4 zu hängen.

Der französische Historiker Dr. Benjamin Volff forscht derzeit regelmäßig im Recklinghäuser Stadtarchiv an der Hohenzollernstraße. Er sichtet behördliche Dokumente, private Notizen (wie etwa auf Postkarten) und auch die damaligen Zeitungen. Daraus versucht der Geschichtswissenschaftler herauszudestillieren, was damals genau geschah in Recklinghausen, wie die Stimmung war. Klar ist für ihn: Nicht alles, was da schwarz oder blau auf mitunter vergilbtem Papier zwischen Aktendeckeln schlummert, ist wahr. Schon vor knapp 100 Jahren ging es für jede Seite darum, die eigene Sicht der Dinge darzustellen, die Deutungshoheit zu erlangen.

RZ wurde viermal verboten

Twitter und Facebook gab es damals noch nicht. Gedruckte Zeitungen sehr wohl. Die Recklinghäuser Zeitung wurde während der Besetzung der Stadt gleich viermal verboten, berichtet Benjamin Volff. Nach dem Bericht über die gewaltsame Beendigung einer Aufführung im damaligen Stadttheater an der Breiten Straße 16 im Februar 1923 durfte die RZ zunächst drei Tage nicht erscheinen. Die Berichterstattung sei zu scharf gewesen, urteilte der Chef des französischen Zivilbüros, J. Prudhomme. Im März folgte ein achttägiges Erscheinungsverbot. Der Grund diesmal: „Ungenauigkeiten“ in einem Artikel sowie die Veröffentlichung einer Protestnote der deutschen Reichsregierung.

So sah die Breite Straße Anfang des 20. Jahrhunderts aus. © Jürgen Stewen © Jürgen Stewen

Noch im März verhängten die Besatzer ein sechswöchiges Erscheinungsverbot. Später folgte ein zehnwöchiger Bann. Die Provinzregierung im nicht besetzten Münster reagierte mit einer Medienoffensive, in die sie viel Geld steckte. Journalisten sollten so angeworben werden.

Verlag unterlief Erscheinungsverbote

Die Verbote bedeuteten jedoch nicht, dass es in Recklinghausen keine Zeitung gab. August Bauer unterlief die Anordnung, indem er in Buer als Alternative die „Neuesten Nachrichten“ drucken ließ. „Es ist erstaunlich, wie modern dieser Medienkrieg heute anmutet“, meint Recklinghausens Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes. Dabei geben die archivierten Zeitungsseiten auch im Anzeigenteil Auskunft über die damalige Zeit. Die am Königswall 31 angesiedelte Firma Tepper wirbt im März 1923 für „Herren-Schlüpfer“. Das Stück für 65.000 Mark, „solange Vorrat“. Der astronomische Preis ergibt sich aus der damals galoppierenden Inflation. Täglich schwand der Wert des Geldes. Für Benjamin Volff ist dieser tägliche Überlebenskampf ein Grund dafür, dass sich die Lage auch in Recklinghausen nach April 1923 beruhigte. „Die Bevölkerung war einfach müde“, sagt der aus dem Elsass stammende Historiker, der mit seiner deutschen Frau in Mülheim an der Ruhr lebt. Das Misstrauen den französischen Besatzern gegenüber blieb jedoch.

Übergriffe der bis zu 4000 in und um Recklinghausen stationierten französischen Soldaten kamen vor. So berichtet die Recklinghäuser Zeitung in ihrer Ausgabe vom 10. Februar 1923 unter dem Titel „Gewaltsame Wegnahme von Milch“ von einem Vorfall, der sich in Hochlar zugetragen haben soll. Auf dem dortigen „Holthof“ sollen in Herten stationierte französische Pioniere Milch entwendet haben. Auch der Hinweis der Bäuerin, dass die Milch vor allem für Kinder und Kranke bestimmt sei, habe die Soldaten nicht von ihrem Diebstahl abhalten können. Benjamin Volff hält es für möglich, dass solche Meldungen gezielt verbreitet und veröffentlicht wurden, um den Ruf der Besatzer zu schädigen. Zur Wahrheit gehöre jedoch auch: „Gerade am Anfang der Besatzung war die Versorgung der französischen Soldaten sehr schlecht.“ Die im Januar begonnene Besetzung des Ruhrgebiets zur Erzwingung von Kohlentransporten unter Berufung auf den Versailler Vertrag sei schlecht vorbereitet und eilig durchgeführt worden. Volff weiter: „Die Franzosen gingen offenbar davon aus, dass sie Lebensmittel vor Ort kaufen könnten.“

Deutsche Behörden riefen zum Boykott auf

Doch die deutschen Behörden riefen zum Boykott der Franzosen auf. Deutsche Händler sollten ihnen nichts verkaufen. Diesen Aufruf beherzigte auch der Recklinghäuser Zigarrenhändler Martin Lux. Er wohnte 1923 an der Breiten Straße 13, sein Zigarrengeschäft lag am Lohtor, auf dem Grundstück der heutigen Sparkassen-Zentrale. Als sich Lux weigerte, den Franzosen die Glimmstängel zu veräußern, verhaftete ihn die Besatzungsmacht Mitte Februar 1923. Die Folge war eine Welle der Empörung in der deutschen Bevölkerung. Sie gipfelte im April in der Sprengung des Kanaldükers durch Kumpel der Zeche König Ludwig.

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt