Rundgang

Waldfriedhof: Grausame Schicksale aus dunkler Zeit

Der Waldfriedhof in Recklinghausen macht seinem Namen alle Ehre: ein friedlicher Ort mit üppigem Baumbestand. Zahlreiche Gräber jedoch stammen aus kriegerischen und gewalttätigen Jahren.
Schicksale: Die auf dem Waldfriedhof in Hochlarmark beigesetzte Helene Olschewski wurde 1945 im Alter von 19 Jahren von russischen Zwangsarbeitern erschossen. © Jörg Gutzeit

Helene und Wilhelm Olschewski sind gleich nebeneinander auf dem Waldfriedhof an der Wanner Straße beigesetzt. Die Geschwister wurden wenige Wochen nach Kriegsende auf grausame Weise ermordet. Helene wurde 19 Jahre alt, ihr Bruder Wilhelm nur 16. Georg Möllers vom Verein für Orts- und Heimatkunde hat das Schicksal der Geschwister erforscht. Eine scheinbare Ungereimtheit weckte seine Neugier.

So sind Helene und Wilhelm im Frühsommer 1945 auf einem Hof bei Rinkerode im Münsterland ums Leben gekommen, bestattet wurden sie aber in Hochlarmark. Am 28. Mai 1945 verließ das Geschwisterpaar Recklinghausen. Da war der Krieg nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches gerade drei Wochen vorbei. Doch die Spirale der Gewalt sollte sich weiter drehen. Fest steht für Möllers: Helene Olschewski reiste mit ihrem Bruder gezielt zu jenem Bauernhof in Rinkerode. „Dort hatte sie schon zuvor während des Krieges gearbeitet“, erzählt Georg Möllers. Auf dem Hof erhoffte sich die junge Frau eine bessere Zukunft für sich und ihren Bruder. Eine Zukunft ohne Hunger und Gewalt.

Am Fuße dieses Hochkreuzes auf dem Waldfriedhof ruht der erste katholische Pfarrer Hochlarmarks. August Stewering stand der Gemeinde St. Michael von 1916 bis 1947 vor. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Es sollte anders kommen. Denn gerade zwei Wochen nach der Ankunft von Helene und Wilhelm Olschewski auf dem Gehöft im Münsterland geschieht ein sinnloser Akt der Gewalt: Eine Gruppe ehemaliger russischer Zwangsarbeiter überfällt den Hof. Neun Menschen werden im Schlafzimmer zusammengetrieben und erschossen. Darunter auch Helene und Wilhelm Olschewski.

Das jüngste Opfer ist gerade ein Jahr alt. Diese Informationen hat Georg Möllers aus behördlichen Akten recherchiert. Bei einem Rundgang berichtet Möllers den Teilnehmern sichtlich bewegt vom Schicksal der Olschewskis. Das Theodor-Heuss-Gymnasium hatte gemeinsam mit dem Verein für Orts- und Heimatkunde zu dem Rundgang über den Hochlarmarker Waldfriedhof eingeladen. Die Veranstaltung ist Teil des THG-Gedenkjahrs „Opfern ein Gesicht geben“.

Ewigkeitsgräber als Zeugen der Vergangenheit

Die Gräber von Helene und Wilhelm Olschewski sind sogenannte Ewigkeitsgräber. Sie werden nicht nach 25 Jahren eingeebnet. Sie sollen Zeugnis sein und bleiben. Das gilt ein paar steinerne Kreuze weiter auch für die Gräber von Elsa und Ursula Hofstra. Unter diesen Grabsteinen ruhen Mutter und Tochter. Beide kamen am 9. November 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben. In den Akten steht als Todesursache für beide „Tod durch Verschüttung“. Mutter Elsa wurde 31 Jahre alt, ihre Tochter Ursula gerade einmal eineinhalb Jahre. Die Olschewskis und die Hofstras – vier von insgesamt 311 zivilen Todesopfern in den Kriegsjahren 1939 bis 1945.

Während bei dem Luftangriff auf Hochlarmark im November 1944 genau 23 Menschen starben, gab es die meisten Toten wenige Wochen vor Kriegsende im Frühjahr 1945 bei einem US-amerikanischen Luftangriff auf den Hauptbahnhof und das Nordviertel zu beklagen. 173 Menschen fanden dabei den Tod. Noch heute werden Blindgänger jenes Tages gefunden.

Jürgen Pohl (l.) und Georg Möllers vom Verein für Orts- und Heimatkunde gaben beim Rundgang über den Waldfriedhof den Opfern der NS-Zeit ein Gesicht. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Unweit der Gräber der zivilen Opfer liegen reihenweise Grabplatten. Dutzende Zwangsarbeiter, zumeist aus dem Osten Europas, sind hier beigesetzt, darunter auch mindestens sechs Kinder im Alter zwischen 26 Tagen und sechs Monaten. Sie starben 1943 im damaligen „Entbindungs- und Abtreibungslager für Ostarbeiterinnen“ in Waltrop.

Der Tod der Ostarbeiter wurde in den Kriegsjahren durch die Haft- und Arbeitsbedingungen und gezielte Mangelernährung nicht nur in Kauf genommen, sondern gezielt herbeigeführt. Zu Dutzenden liegen sie auch auf dem Waldfriedhof begraben. Viele Zwangsarbeiter irrten nach Kriegsende durch das Land. Manche nahmen Rache an Deutschen wie Helene und Wilhelm Olschewski, die ihrerseits keine Schuld am Krieg oder den Verbrechen trugen.

Neun tote Kumpel: Kohleabbau ging vor Sicherheit

Opfer des Nationalsozialismus wurden in gewisser Weise auch die auf dem Waldfriedhof bestatteten Bergleute. Neun Kumpel der Zeche Recklinghausen II an der Karlstraße kamen im April 1942 bei einer Schlagwetterexplosion unter Tage zu Tode. Ihre Grabstätte auf dem Waldfriedhof ist ein schlichtes Denkmal. Sieben der Toten waren Deutsche, zwei italienische Gastarbeiter. Anders als die Ostarbeiter hielten sie sich freiwillig in Deutschland auf. Jürgen Pohl vom Verein für Orts- und Heimatkunde berichtete von einer Doppelmoral der Nazis: „Zu Begräbnissen von verunglückten Kumpeln kamen Nazigrößen mit viel Pomp aus dem ganzen Reich. Der Bergmann wurde zum ‚Soldaten der Arbeit‘ verklärt.“ Gleichwohl sei die Sicherheit der Bergleute zu kurz gekommen. Der Kohleabbau sei wegen des Krieges ohne Rücksicht auf Verluste und auf Kosten vieler Bergmannsseelen forciert worden. Die Folge: Gerade in den Jahren des Nationalsozialismus (1933-1945) häuften sich auch in Recklinghausen die Grubenunglücke. Die verunglückten Hochlarmarker Kumpel haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof gefunden – neben Kriegsopfern und Zwangsarbeitern, denen das Schicksal mitunter ein ebenso frühes wie schreckliches Ende bescherte.

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