„Warum nennt ihr mich ,Scheiß Kopftuch-Mädchen‘?“ Meryem (15) wehrt sich gegen Rassismus

Redakteurin
Meryem im Gespräch mit ihren Klassenlehrern Volker Brockhoff und Irina Dömel.
Meryem im Gespräch mit ihren Klassenlehrern Volker Brockhoff und Irina Dömel von der Gesamtschule Suderwich. Die 15-Jährige hat auch mit den beiden Pädagogen über ihre Rassismus-Erfahrungen gesprochen. © Jörg Gutzeit
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Es passiert morgens auf dem Weg zur Gesamtschule Suderwich: Wie die meisten Jugendlichen sitzt auch Meryem mit ihren Kopfhörern im Bus, will einfach nur ankommen. Doch zwei ältere Männer starren die 15-Jährige unverhohlen an, unter ihrem Kopfhörer hört sie, wie einer von ihnen sagt: „Ausländer gehören nicht nach Deutschland.“ Meryem beschreibt das Erlebte: „Die Männer haben mich die ganze Zeit angeschaut, als wäre ich eklig oder hätte etwas Schlimmes getan.“ Doch es kommt noch schlimmer. „Scheiß Kopftuch-Mädchen“, sagt einer zu ihr. Meryem ist verletzt. An der nächsten Haltestelle muss sie aussteigen. Dass sie den Männern nichts gesagt hat, belastet sie bis heute.

„Ich fühlte nur Angst, Wut, Trauer, Einsamkeit und Enttäuschung“, beschreibt die Neuntklässlerin die Situation: „Ich wusste, dass ich meine Stimme erheben sollte.“ Aber in diesem Moment konnte sie es nicht, was sie bis heute bereut. Darum schrieb Meryem einen Brief an unsere Zeitung und erklärte sich – selbstverständlich mit Einverständnis der Eltern – bereit, mit uns über den Rassismus zu sprechen, den sie als Muslima in Recklinghausen erlebt. Der hat zugenommen, seit sie sich vor acht Monaten freiwillig dazu entschied, das Hijab zu tragen. Das Tuch verhüllt Kopf und Hals, Meryems Gesicht ist frei. Und daraus schaut sie mit einem offenen und sehr klaren Blick in die Welt.

„Dass es einem Mädchen von uns passiert, hat mich erschreckt“

Irina Dömel und Volker Brockhoff begleiten das Interview. Sie sind Meryems Klassenlehrer an der Gesamtschule, haben einen guten Draht zu den Kindern und Jugendlichen. „Ich habe an dem Morgen gleich gemerkt, dass mit Meryem etwas nicht stimmt“, berichtet Irina Dömel. „Sie stand völlig neben sich, war ganz anders, als ich sie seit Jahren kenne.“ Als die 15-Jährige ihr von dem Erlebnis im Bus berichtet, ist sie entsetzt: „Man bekommt den Rassismus in Deutschland ja leider mit. Aber dass es einem Mädchen von uns auf dem Schulweg passiert, hat mich sehr erschreckt.“

Dabei war es nicht Meryems erste rassistische Begegnung. Schon als Kind trug sie häufig ein Kopftuch, damals waren die Haare noch nicht komplett verdeckt. „Eltern anderer Kinder sagten, ich sei gefährlich. Ich war erst sieben oder acht Jahre alt, ein Kind, das spielen und Freunde finden wollte.“ Schon damals habe sie sich nach dem Grund für die Blicke dieser Menschen gefragt. „Warum sagen sie, ich sei nicht schlau, nicht gebildet genug oder ich sei zu anders und hätte einen Migrationshintergrund?“ Schließlich ist Meryem in Deutschland geboren, eine gute Schülerin, oft in der Stadtbibliothek anzutreffen, politisch interessiert. „Die Leute sollen einfach mit mir und nicht über mich reden“, wünscht sie sich.

Dann würde die 15-Jährige auch erklären, dass sie das Kopftuch freiwillig und gern trägt. „Es hat mir schon als kleines Kind beim Besuch in der Moschee gefallen, Hijab zu tragen“, erklärt Meryem. Sie selbst habe vor etwa acht Monaten nach reiflicher Überlegung entschieden, künftig Haare und Hals zu verhüllen. „Meine Eltern waren überrascht. Mein Vater hatte Bedenken, weil er Anfeindungen fürchtete“, erzählt sie. Meryems Mutter trägt aus religiöser Überzeugung ebenfalls Hijab: „Sie hat es mir ganz allein überlassen, mich aber auch vor möglichen Folgen gewarnt.“ Ein Grund, warum das Mädchen das Erlebnis im Bus zunächst allein mit sich ausmachte und erst später die Eltern einweihte. „Aber meine Mutter hat nicht locker gelassen, sie ahnte, dass etwas passiert war.“

Anfeindungen nicht ignorieren, sondern darauf reagieren

Eine junge Frau mit grünem Kopftuch sitzt vor einer Tafel.
Meryem ist 15 Jahre jung. Seit acht Monaten trägt sie Hijab. Das Kopftuch bedeckt Haare und Hals komplett. © Jörg Gutzeit

Der mütterliche Rat lautete: „Ignoriere Rassismus nicht, sondern steh auf und sprich mit den Leuten.“ Und eben das will Meryem nun tun, sich nicht klein machen. Schließlich trägt sie das Hijab mit Stolz: „Es gibt mir Sicherheit und Geborgenheit. Ich liebe es.“ Gleichzeitig räumt sie mit Vorurteilen auf, dass sie als Muslima nicht modebewusst sei. „Meine Freundinnen haben mich unterstützt. Anfangs habe ich mit ihnen verschiedene Tücher und Arten, sie zu tragen, ausprobiert.“ Das habe viel Spaß gemacht. Mittlerweile besitzt sie leichte, anschmiegsame Jerseytücher in zehn Farben, die sie nach Lust und Laune auswählt. „Aber Brauntöne mag ich am liebsten“, erzählt sie. Dazu trägt sie lockere Oberteile. Unter dem langen Strickpulli schaut eine modische Hose hervor, die Füße stecken in schwarzen Plateau-Boots.

Auch in der Gesamtschule Suderwich, so betont Volker Brockhoff, sei Meryems Entscheidung ohne Diskussionen akzeptiert worden. „Wir schauen auf den Menschen, nicht auf das Aussehen“, betont er. Überhaupt sei es in der „Schule ohne Rassismus“ immer das Ziel, die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede hervorzuheben. Beispiel Religionen: „In Gesellschaftslehre erfahren die Schüler, dass Islam, Christen- und Judentum sehr viel verbindet“, erklärt Irina Dömel.

In Deutschland herrscht Religionsfreiheit

Für Meryem sind Respekt und Gerechtigkeit hohe Werte. „In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. Das werde ich künftig Leuten sagen, die mich wegen meines Aussehens verurteilen“, sagt sie. Dass im Iran gerade Frauen als Zeichen gegen Unterdrückung und für die Freiheit ihre Kopftücher ablegen, beobachtet auch sie. „Dort geht es nicht um Religion“, erklärt sie: „Die Kultur und der Islam müssen getrennt werden.“ Fragen, über die die 15-Jährige sich viele Gedanken macht. „Frau Dömel sagt immer, ich könnte Bundeskanzlerin werden“, sagt die Schülerin und lacht. In der Politik etwas zu bewirken, das würde Meryem reizen. Den Anfang macht sie mit ihrem Praktikum, das sie im Frühjahr im Düsseldorfer Landtag absolviert.

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