Kindertagespflege

Weder „Miet-Mami“ noch „Ersatz-Mutti“

Tagesmütter (und auch -väter) wünschen sich mehr Anerkennung. Aber vor allem sind es der „karge Lohn und die schlechten Arbeitsbedingungen“, die ihnen zu schaffen machen.
Sie macht sich für Tagespflegepersonen stark: Ulrike Vatteroth ist 2. Vorsitzende der „Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen“. © Ulrike Geburek

Ulrike Vatteroth ist keine „Miet-Mami“, auch keine „Ersatz-Mutti“. „Ich bin Kindertagespflegeperson“, sagt sie. Nachdem sie gelesen hatte, dass die Stadtverwaltung Recklinghausens dringend neue Tagesmütter sucht, möchte sie einmal die Situation der Frauen (und auch der wenigen Männer) aus der anderen Warte schildern. Als 2. Vorsitzende der „Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen“ weiß sie erst recht, wovon sie spricht.

Denn Fakt ist, so die Hertenerin, die seit mehr als 30 Jahren dabei ist: „Bis auf die zu betreuenden Kinder sind unser Berufsalltag und die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, ganz bestimmt nicht niedlich.“ Der karge Lohn entspreche lange nicht dem, was die Tagespflegepersonen für ein gedeihliches Auskommen benötigten. Die besser Qualifizierten verdienen in Recklinghausen pro Kind und Stunde 5,50 Euro, in Herten sind es zehn Cent mehr. „Damit gilt es, gut zu kalkulieren. Denn wir müssen alles davon bezahlen: das Essen der Kinder, Einrichtungsgegenstände und gegebenenfalls die Miete der Räume“, erzählt sie weiter.

Keine Hobby-Erzieherinnen im Freizeitmodus

Außerdem wünscht sich Ulrike Vatteroth mehr Wertschätzung und Anerkennung. „Wir möchten nicht als Hobby-Erzieherinnen im Freizeitmodus wahrgenommen werden“, sagt die 61-Jährige entschieden, „denn wir leisten eine Menge.“ Es gehe schließlich nicht darum, den Kindern ein Frühstück zuzubereiten, mit ihnen spazieren zu gehen und sie anschließend schlafen zu legen. Individuelle Förderung, Erziehung, Ernährung, die Beratung der Eltern nicht zu vergessen: All das erfordere ein hohes Maß an Kompetenz.

Darum sei die ab 2022 neue 300-Stunden-Ausbildung ein weiterer und wichtiger Schritt hin zu noch mehr Professionalität, Qualität und der Etablierung eines ernstzunehmenden Berufsbildes, weg vom „Not-Nagel-Image“ der Vergangenheit. „Kindertagespflege macht man nicht mal eben, weil die eigenen Kinder einen Spielkameraden brauchen oder man kurz vor der Rente vor Langeweile stirbt. Es ist eine hochverantwortungsvolle Tätigkeit, die neben einem soliden pädagogischen Rüstzeug Herz und Verstand und ein gewisses unternehmerisches Selbstbewusstsein erfordert.“

Viele sind mit der Existenzgründung überfordert

Damit ist sie bei einem weiteren Kritikpunkt: Da Tagespflegepersonen sich selbstständig machen müssen, seien viele von ihnen mit der Existenzgründung überfordert. An dieser Stelle wünscht sich Ulrike Vatteroth ein Angebot der Kommunen. Doch das gebe es nur selten. „Darum schließen wir als Berufsvereinigung mit einem speziellen Programm eine leider oft bestehende Lücke in der Ausbildung.“

Und dann folgt auch schon das nächste Problem: Neben dem pädagogischen Alltagsgeschäft sei der betriebswirtschaftliche Aufwand enorm. „Für das wenige Geld wollen ihn viele Kolleginnen nicht mehr betreiben“, weiß Ulrike Vatteroth, „niemand stellt nach Feierabend lediglich die Stühlchen hoch.“

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