Organspende

Wenn Liebe durch die Niere geht

Elisabeth-Krankenhaus-Chefin Ulrike Much hat ihrem Mann Detlev, der Pfleger im gleichen Hospital ist, eine Niere gespendet. Und ihn damit vor Jahren des Wartens auf das richtige Organ bewahrt.
Eine neue Niere ist wie ein neues Leben: Ulrike Much, Geschäftsführerin des Elisabeth-Krankenhauses in Recklinghausen-Süd, ist als Organspenderin für ihren Mann Detlev eingesprungen. © Meike Holz

„Dass das so gut gelaufen ist, kann ich bis heute nicht glauben“, sagt Ulrike Much, Geschäftsführerin des Elisabeth-Krankenhauses an der Röntgenstraße in Süd. Im März hat die 58-Jährige ihrem Mann Detlev (61) eine Niere gespendet und ihm somit eine belastende Dialyse und jahrelanges Warten auf ein geeignetes Organ erspart. Blutgruppe Null sei Dank.

„Was Steinmeier kann, kann ich auch“, habe sich die Krankenhaus-Chefin gesagt. Frank-Walter Steinmeier – damals Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion – hatte 2010 seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere überlassen. „Diesen großen Schritt kann ich auch für meinen Partner gehen“, war sich Ulrike Much sicher.

Win-Win-Situation

Sie habe diesen Gedanken von Anfang an im Kopf gehabt, als ihr Mann, der Pfleger im Elisabeth-Krankenhaus ist, krank geworden war. Seit 27 Jahren sind die beiden verheiratet. Mit zwei jeweils 15 Zentimeter langen Narben haben sie den Bund der Ehe in gewisser Weise erneuert. „Wir machen als Partner wieder Dinge, die vorher nicht möglich waren.“ Es sei eine Win-Win-Situation, so die Krankenhaus-Chefin. Sowohl der gesundheitliche Zustand ihres Mannes, als auch seine Behandlung zuhause hätten die Lebensqualität des Paares stark beeinträchtigt.

Bis zur Transplantation war Detlev Much Nacht für Nacht für eine Bauchfelldialyse an einen Kasten angeschlossen, der fünf Liter Flüssigkeit durch den Bauchraum spülte. „Das hat aber nicht so funktioniert, wie es sollte“, sagt der 61-Jährige. Statt zu sinken oder wenigstens stabil zu bleiben, seien die Nierenwerte gestiegen. „Der Spitzenwert lag bei 17, da landen andere auf der Intensivstation“, so der Pfleger. Er sei weiter arbeiten gegangen, bis zur Transplantation.

Körper vergiftete sich selbst

Vor gut zehn Jahren haben die Beschwerden angefangen. „Es war ein schleichender Prozess“, berichtet Detlev Much. Schmerzen habe er keine gehabt. Er sei zusehends matter, müder, lustloser und desinteressierter geworden: „Wenn wir abends mit Freunden zusammengesessen haben, war für mich um 21 Uhr Schluss, weil ich so müde war.“ Gewissheit brachten dann Untersuchungen im Zusammenhang mit seiner ersten Hüft-OP. Da hatte der maßgebliche Kreatininwert, der bei einem gesunden Menschen bei ungefähr 1 liegt, bereits 2,5 betragen. Als ein Dreivierteljahr später die zweite Hüft-OP anstand, lag der Wert bereits bei 4. Die Funktion der Niere war erheblich eingeschränkt, der Körper vergiftete sich selbst.

„Als der Wert bei 7 lag, haben wir gesagt: ,Jetzt wird es langsam Zeit.‘“, erinnert sich Ulrike Much. Ein befreundeter Arzt stellte den Kontakt zur Uniklinik Düsseldorf her. „Retten kann man Ihre Niere nicht mehr“, war die Nachricht, die Detlev Much dort bei einer Untersuchung im September 2020 bekam. Das hatten er und seine Frau zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr erwartet.

Sieben bis acht Jahre dauere es in der Regel, bis eine Person, die auf der Warteliste von Eurotransplant steht, ein neues Organ bekommt. „9000 Menschen in Deutschland warten auf ein neues Organ, die meisten auf eine Niere“, sagt Ulrike Much. Neben der Niere sei stückweise die Leber das einzige Organ, das durch eine Lebendtransplantation verpflanzt werden könne.

Blutgruppe Null ist der „Joker“

Die Elisabeth-Geschäftsführerin hat Blutgruppe Null, die mit allen anderen Gruppen kompatibel ist. „Das ist fast der Joker, jetzt müssen wir noch den Rest klären“, habe die behandelnde Nephrologin am Uniklinikum gesagt. Nach drei Wochen die frohe Kunde: Ulrike Much kommt als Spenderin für ihren Mann infrage.

Verwandte ersten oder zweiten Grades dürfen ihre Niere ebenso hergeben, wie Ehegatten, Verlobte oder andere Personen, die dem Empfänger nahe stehen. Um die Transplantation durchführen lassen zu können, musste Ulrike Much zuvor bei einer Ethikkommission in Essen vorsprechen. „Dort musste ich unsere Situation schildern und darlegen, warum ich spenden möchte“, so die 58-Jährige. So soll illegaler Organhandel unterbunden werden. „Das ist gut geregelt in Deutschland“, sagt sie, „die Mechanismen greifen.“ Auch bei dem Beratungsgespräch in Düsseldorf sei ein unabhängiger Arzt anwesend gewesen.

Kopfkino im Krankenhaus

Angst habe sie erst gehabt, als sie mit dem Koffer vor der Klinik gestanden habe. Sie habe zwar gewusst, dass man mit nur einer Niere problemlos leben könne. „Aber wenn einem dort vor dem Eingriff noch einmal alle Risiken dargelegt werden, macht das schon etwas mit einem“, erinnert sich die Spenderin.

Und auch Detlev Much durchlebt unmittelbar vor der Transplantation eine schlimme Zeit. Seine Frau sei eine Stunde vor ihm in den OP gebracht worden: „Man liegt da eine Stunde lang bei vollem Bewusstsein, und das Kopfkino geht los: Ist das alles richtig, was hier passiert? Was ist, wenn es schiefgeht?“

Körper nimmt die Niere an

Es ist nicht schiefgegangen. Beide werden etwa vier Stunden lang operiert. Kurz danach bekommt Ulrike Much, die als Spenderin eine Nacht auf der Intensivstation verbringen muss, die erlösende Nachricht: Die Niere läuft. „Sie hat auch sofort Urin produziert und ausgeschieden wie ein Weltmeister“, erinnert sich Detlev Much. Angst, dass sein Körper das fremde Organ doch noch abstoße, habe er nicht. „Ich habe das manchmal im Hinterkopf“, sagt seine Frau. Beide hätten bereits vor der Erkrankung von Detlev Much selbstverständlich einen Organspendeausweis gehabt.

Und nicht nur die Niere, auch das Leben läuft wieder: Die Muchs spielen Golf, fahren Rad, treffen sich abends mit Freunden. Ende Juli geht es für die beiden in die Reha, im Herbst wollen sie Urlaub auf Sylt oder Mallorca machen. „Unfassbar, dass das so gut gelaufen ist“, sagt der Bespendete. „Ich wäre ansonsten jetzt jeden Tag bei der ambulanten Blutdialyse und würde auf eine Niere warten.“

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