Im Gespräch mit Scenario

Alessia Cara: „Wir sind nicht so wichtig, wie wir glauben“

Selbstreflexion - ein dominantes Thema auf dem neuen Album von Alessia Cara. Im Interview hat sie uns verraten, wie sie es schafft, in ihren Songs so offen zu sein und was ihr Angst macht.
Alessia Cara hat für ihr neuestes Album einiges dazugelernt. Zum Beispiel, wie sie zu Hause selbstständig ihre Vocals aufzeichnet. © Shervin Lainez

2016 ist die Kanadierin Alessia Cara mit ihrer Single „Scars To Your Beautiful“ in den Top 20 der Deutschen Charts gelandet. Fünf Jahre später hat die Pop-Sängerin nun ihr drittes Album „In The Meantime“ veröffentlicht. Wir haben mit der 25-Jährigen im Interview über ihre neuen Songs und das Thema Selbstreflexion gesprochen.

Dein neues Album „In Rhe Meantime“ wurde kürzlich veröffentlicht. Es ist Dein drittes Album. Kannst Du uns etwas über den Entstehungsprozess erzählen?

Der Prozess war dieses Mal definitiv anders, weil ich das Album während einer Pandemie geschrieben habe. Ich habe mit meinen eigenen Fähigkeiten und dem, was ich zu Hause hatte, gearbeitet. Es waren zwar schlechte Voraussetzungen, aber ich bin froh, dass ich dennoch die Möglichkeit hatte, es zu tun.

Ich habe mir selbst beigebracht, wie ich alleine arbeiten kann und wie ich selbst Songs aufnehme. Viele der Vocals, die man auf dem Album hört, habe ich selbst zu Hause aufgenommen.

Woher hattest Du die Ideen für Deine Songs und was hat Dich in dieser Zeit des Stillstandes inspiriert?

Mein Alltag und meine persönlichen Erfahrungen. Ich war eine lange Zeit zu Hause, nachdem ich sieben Jahre lang um die Welt gereist war. Ich hatte nie die Zeit, mich hinzusetzen und meine Gefühle zu verarbeiten. Die Stille inspirierte mich dazu, viel über mein Leben und meine Beziehung zu mir selbst nachzudenken.

Du beschäftigst Dich auf dem Album viel mit dem Thema Selbstreflexion. Das spiegelt sich z.B. in Songs wie „Box in the Ocean“ wider. Da gibt es eine Zeile, in der es heißt: „What if they forget about all I’ve done/ If I built it up just to be no one.“ Welche Rolle spielt die Selbstreflexion für Dich in der Musik, aber auch in Deinem Privatleben?

Ich habe immer mit dem Thema Tod und Sterben gekämpft und mit der Frage, was der Sinn des Lebens ist. Ich habe das große Glück, als Künstlerin eine unglaubliche Aufgabe zu haben. Ich habe Musik in die Welt hinausgeschickt, und hoffentlich wird sie auch nach meinem Tod noch existieren. Aber trotzdem gibt es immer einen Teil von mir, der sich fragt: „Was ist der Sinn dieser ganzen Sache?“

Werden sich die Menschen, zum Beispiel meine Enkelkinder, an mich erinnern und sich für mich interessieren? Das ist das Beängstigende am Leben, das es immer weitergeht. Die Dinge relativieren sich, und man erkennt, was wirklich wichtig ist. Das kann traurig sein, aber es kann auch schön sein zu wissen, dass das Leben das ist, was man daraus macht. Wir sind nicht so wichtig, wie wir glauben.

Fällt es Dir schwer, in Deinen Songs so offen zu sein?

Es kann manchmal schwierig sein. In der Woche vor der Veröffentlichung eines Albums denke ich nicht darüber nach und dann bekomme ich doch Angst und realisiere, dass die Leute all das hören werden (lacht). Wenn ich schreibe, mache ich das für mich selbst. Es ist wie eine Art Therapie. Das ist eine gute Sache, wenn man Angst vor manchen Dingen hat und davor, was passieren wird.

Was sollen die Leute von Deinem Album mitnehmen?

Ich hoffe, dass sie es sich anhören und sehen können, dass ich genauso viel durchmache wie sie. Wenn man eine schwere Zeit durchmacht, ist es irgendwie unmöglich zu denken, dass jemand anderes das Gleiche durchmacht, wie man selbst. Hoffentlich können die Leute erkennen, dass es eine andere Person gibt, die sie verstehen kann und, dass es ihnen nach ihrer schweren Zeit gut gehen wird.

Mit elf Jahren hast Du angefangen, Gitarre zu spielen, und mit 14 Jahren hast Du Deine eigenen Videos auf YouTube hochgeladen. Würdest Du diesen Weg heute wieder gehen?

Ich mag nicht alle Videos, die dort zu sehen sind. Das ist einerseits der Grund, warum ich es nicht wieder tun würde. Andererseits sind diese Videos der Grund für meinen Beruf als Musikerin und sie haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es angefangen hat.

„In The Meantime“ ist Alessias drittes Album. Die Platte enthält 18 Songs. © Def Jam Recordings © Def Jam Recordings

Ich war ein schüchternes Kind und es war mir sogar peinlich, vor meinen eigenen Eltern zu singen. Ich habe heimlich Videos auf YouTube gepostet, in denen ich laut und ohne Publikum singen konnte. Das war mein Ding, und niemand wusste davon, außer meinen Eltern.

Inwieweit hast Du Dich seit dieser Zeit verändert?

Es gibt viele Teile von mir, die sich verändert haben. Natürlich bin ich nicht mehr so nervös oder versteinert, wenn ich vor einem Publikum singe. Ich fühle mich wohler mit mir und meiner Stimme. Aber die Essenz dessen, was ich bin, ist immer noch dieselbe.

Was sind Deine zukünftigen Ziele?

Das größte Ziel, das ich habe, ist, dass die Leute meine Musik weiterhin hören oder wiederentdecken. Außerdem ist Chris Martin von Coldplay eine große Inspiration für mich, und es wäre toll, einen Song mit ihm aufzunehmen. Eine andere Sache, die ich gerne einmal erreichen möchte, ist, auf Tournee zu gehen und zum Beispiel auch Deutschland einen Besuch abzustatten. Ich habe noch nie ein Konzert in Deutschland gespielt, und ich würde es lieben. Berlin und Köln sind fantastische Städte. Ich hoffe, dass ich das in der Zukunft machen kann.

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