Im Gespräch mit Scenario

Aurora im Interview: „Gott ist in uns allen“

Auf ihrem neuen Album „The Gods We Can Touch“ stellt die norwegische Sängerin Aurora nicht nur Bezüge zur griechischen Mythologie her. Sie beschäftigt sich auch mit tiefgreifenden Gefühlen.
Sängerin Aurora hat Ende Januar ihr drittes Studioalbum "The Gods We Can Touch" released. © Universal Music

Aurora ist ein Unikat. Die 25 Jahre alte Popkünstlerin aus Bergen in Norwegen veröffentlichte im Januar ihr kunterbuntes drittes Album „The Gods We Can Touch“, während parallel ihre alte Single „Runaway“ dank der Huldigung einer berühmten Kollegin eine Wiederauferstehung in den Charts feiert.

Billie Eilish schrieb neulich, Auroras 2015 veröffentlichte Single „Runaway“ habe sie als Zwölfjährige inspiriert, selbst mit dem Musikmachen anzufangen. Seitdem geht der Popsong, vor allem auf der Internetplattform TikTok, in seinem zweiten Leben regelrecht durch die Decke. „Das war unerwartet“, so Aurora. „Zugleich ist es superfaszinierend zu sehen, wie das Internet funktioniert, wenn plötzlich die ganze Welt beschließt, einen Song zu mögen.“

Erfolg sollte fürs Essen reichen

Solch ein Monstererfolg mit aktuell 360 Millionen Streams allein auf Youtube, sei ihr sogar eher unheimlich. „Ich brauche das nicht. Mir genügt es, soviel Erfolg zu haben, dass immer leckeres Essen auf dem Tisch stehen kann.“

Aurora, deren Songs man, wenn man möchte, mit denen von Madonna, Björk, Kate Bush, Lykke Li oder Lana del Rey vergleichen kann (während sie selbst als Vorbild Leonard Cohen nennt), zählt zu den aufregendsten und exzentrischsten Popschaffenden dieser Tage. Das spürt man auch im Interview.

Faszination der griechischen und römischen Gottheiten

„Religionen und Gottheiten faszinieren mich zutiefst“, erklärt Aurora zum Grundkonzept ihres Albums „The Gods We Can Touch“. Vor allem die alten griechischen und römischen Götter hätten es ihr angetan, „sie waren so herrlich pur und in keiner Weise perfekt oder gar unfehlbar.“ Auch sei gerade in der griechischen Mythologie die Diversität der göttlichen Wesen doch bereits sehr beträchtlich gewesen, erst recht verglichen etwa mit dem „sehr, sehr, sehr männlichen“ Katholizismus.

„Wenn ich einen Baum umarme, kann ich dem Göttlichen näher sein, als wenn ich in einer Kirche bin“, sagt sie. „Gott ist für mich in der Erde, in den Bäumen, den Vögeln, in uns allen.“ Sie ist überzeugt: „Je mehr wir die Natur lieben und respektieren, desto näher und verständnisvoller stehen wir auch anderen Menschen gegenüber. Die Natur urteilt nicht. Sie kennt keinen Rassismus, keine Homophobie, keine Benachteiligung von Frauen, keine Ausgrenzung. In der Natur sind wir alle gleich.“

Tiefe menschliche Gefühle

Auroras Auseinandersetzung mit den Göttern letztlich auch eine Betrachtung tiefer menschlicher Gefühle, und „The Gods We Can Touch“ nicht nur ein Songzyklus über nahbare Heilige, sondern auch ein außergewöhnlich gelungenes Pop-Album über Scham, Schuld, Sex, Liebe und Vergebung.

Sie habe viel nachgedacht über die Bausteine unserer Gesellschaft, auch über die Regeln, Erwartungen und Tabus, mit denen die Menschen sich selbst im Weg stünden. „Ich wollte ein utopisches Album machen, auf dem die Dinge einfach sind. Ich wollte mir alle musikalischen Freiheiten erlauben, um übers Freisein zu singen.“

Aurora nahm „The Gods We Can Touch“ in einem uralten, leerstehenden Schloss auf der norwegischen Insel Rosendal auf. Alles habe sie mitbringen müssen, sogar die Möbel, nur Bier sei vorhanden gewesen, immerhin. Hier, in einem sechs Meter hohen, akustisch einmaligen Raum habe sie sich austoben können. Und das hört man.

Songs machen Lust auf Tanzen und Festivals

Aurora, die vor sechs Jahren mit dem Debütalbum „All My Demons Greeting Me As A Friend“ erstmals von sich hören ließ, schöpft stilistisch aus dem Vollen. Der House-Hit „The Innocent“ zielt so schamlos auf die Tanzfläche wie die Electro-Pop-Nummern A Temporary High“ oder „Cure For Me“.

„Give In To Love“ lässt Vorfreude auf hoffentlich stattfinden Sommerfestivals aufkommen, während die verträumten Balladen „Exist For Love“ und „This Could Be A Dream“ sehr überzeugend melancholisch klingen.

„Ich wollte einen möglichst großen Facettenreichtum auf dieser Platte haben und so verspielte Musik machen wie nur möglich. Ich lehne es ab, in vorgefertigte Genres passen zu müssen. Ich mag Musik die chaotisch und etwas verrückt ist – so wie ich selbst.“

Der Abend in Recklinghausen

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