Persönliches

Berlin für Anfänger und Fortgeschrittene

Auf in die Hauptstadt: Sophia hat es gewagt und Berlin noch mal eine Chance gegeben. Die Zeit dort war sehr ereignisreich und der Berliner Lifestyle gefällt ihr allmählich doch ganz gut.
Berlin bietet so viel mehr, als nur die typischen Touristen-Attraktionen. © pixabay.de

Wie fängt man bloß an, einen Text über Berlin zu schreiben? Wenn man als Touristin in der Stadt gewesen ist und sich extra keinen Stadtplan gekauft hat, um eben nicht als solche erkannt zu werden? Alles, was über Berlin geschrieben werden kann, wurde schon geschrieben.

Und dennoch wage ich es. Ich bin so kühn, einen Reisetext zu verfassen über die Stadt, die niemals schläft. Die Stadt, in der Die Ärzte ihre ersten Auftritte als Punkband hatten, Anfang der 80er-Jahre. Dabei mochte ich Berlin lange Zeit nicht: zu voll, zu laut, zu viel Plattenbau und DDR.

Eine harmonische Zugreise sorgt für Verwirrungen

Aber dann las ich Bücher über die Stadt, schaute Serien, die dort spielten und irgendwann juckte es mich dann doch in den Fingern, mal wieder dort vorbeizuschauen. Also zack, Zugtickets gebucht, zack, Couchsurfing-Host gefunden, zack, auf ins Abenteuer.

Zumindest die Fahrt Richtung Gesundbrunnen (so ein schöner Name für einen Bahnhof!!) war dann aber so überhaupt nicht außergewöhnlich. Das Personal im Abteil war so freundlich wie noch nie, auf der Toilette roch es nach Parfum und wir waren überpünktlich.

Ich war dermaßen irritiert, dass ich am Hauptbahnhof zielgerichtet am falschen Ausgang rausging und verwirrt meine gekritzelte Wegbeschreibung anstarrte. Wie das eben immer so ist. Ist eigentlich schon mal jemand auf die Idee gekommen, am Berliner Hbf eine Schnitzeljagd zu veranstalten, oder Verstecken-Fangen? Da könnte man jeden Kindergeburtstag mit füllen!

Auffällige Kleidung und Englisch im Ohr

Eine Millionenstadt erkennt man ja meistens daran, dass die Leute Englisch reden und komische Sachen anhaben. Ich war begeistert! Es war laut, es war bunt, es war trubelig – vor allem als ich dann in Richtung Kreuzberg/Neukölln kam, wo ich bei Katrin übernachten sollte. Zu ihr gelangte ich durch ein Labyrinth an Hinterhöfen und Hausfluren, die vollgestellt waren mit Kinderwagen und in denen es muffig roch.

Vor ihrer Haustür im Innenhof des Altbaus wuchs eine monstermäßig majestätische Kastanie, die den Platz vollkommen ausfüllte. Katrin selbst wohnte in einer minimalistischen 1-Zimmer Wohnung. Die zwei vorhandenen Möbel hatte sie vom Sperrmüll, das Geschirr stammte von ihren Ausgrabungen und war zum Teil über hundert Jahre alt. Sie hatte Ägyptologie studiert und war ihres Zeichens Archäologin – wie spannend!

Wie eine Szene aus „4 Blocks“

Wir machten uns auf in Richtung Kreuzberg, ich war barfuß, weil ich die falschen Schuhe mitgenommen hatte. Die Straßen wimmelten nur so vor Menschen, die vor den jemenitischen und syrischen Restaurants saßen, überall spielte Musik, Obdachlose und Kinder bettelten, während ihre Mütter daneben standen und sich mit anderen Müttern über Buggies hinweg unterhielten. Die Straßen rochen nach Regen und Gras und ich musste an die Serie „4 Blocks“ denken.

In Prenzlauer Berg weht ja wiederum ein ganz anderer Wind. Eine Freundin von mir verkauft dort samstags immer Gemüse von ihrem Bauernhof, und so machte ich am nächsten Tag einen Spaziergang quer durch die Stadt. Als ich ankam, wurde jedes Klischee bedient.

Gefallen am Berliner Leben gefunden

Von den Hipstern mit teuren Designer-Sneakern, die in den Szene-Cafés saßen, bis hin zu den dünnen Muttis in Yoga-Klamotten, die ihre Kinder nach dem Geigenunterricht noch mit zum Biomarkt schleppten. Auf dem Spielplatz sah ich einen Typ mit einer riesigen rosafarbenen Schleife auf dem Kopf, die das Man-Bun und den Vollbart ein kleines bisschen weniger ultracool wirken ließen.

Am Abend, als ich mir die dreckigen Füße wusch, dachte ich mir, dass man in Berlin wohl nie alleine ist. Das Gefühl ist ziemlich schwer zu beschreiben, aber wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Geburtstagsfeier in einer Dönerbude am Urban-Krankenhaus und einem hübschen Gasthof in der hessischen Provinz, dann würde ich jedes Mal zur Dönerbude tendieren. Darauf eine extra gentrifizierte Bio-Ingwer-Rhabarber-Schorle!

Der Abend in Recklinghausen

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