Im Gespräch mit Scenario

Casper im Interview: „Ich glaube fest an den Festivalsommer“

„Alles war schön und nichts tat weh“ heißt das neue Album von Casper. Der Bielefelder Rapper hat uns verraten, was es mit einzelnen Songs auf sich hat und warum er Festivals herbeisehnt.
Casper hat am 25.02.2022 sein fünftes Studio-Album "Alles war schön und nichts tat weh" veröffentlicht. Ein Album, das es, wie er im Interview verrät, an sich nicht leicht in der Pop-Welt hat. © picture alliance/dpa/CheckYourHead

Casper, bürgerlich Benjamin Griffey, sticht seit seinem Debüt „XOXO“ (2011) heraus aus der deutschen Musiklandschaft. Stilistisch schlüpft der Mann mit der extrarauen Stimme, der als Sohn einer Deutschen und eines US-Soldaten die ersten elf Lebensjahre in den USA verbrachte, unter sämtlichen Genrebarrieren zwischen Indie-Rock, Rap, Pop und großen Hymnen hindurch.

Und seine Songtexte sind auf dem von Max Rieger (Die Nerven) produzierten und mit Gästen wie Tua, Haiyti, Kummer oder Lena veredelten vierten Soloalbum „Alles war schön und nichts tat weh“ noch eine Spur tiefer als bisher. Wir unterhielten uns mit Casper.

Casper, auf dem Cover Deines neuen Albums trägst Du einen beeindruckenden Vollbart aus Bienen. Was hat es damit auf sich?

Ich bin beim Zappen im Fernsehen zufällig bei diesem kuriosen Beitrag über einen Mann gelandet, der den Bienenbartrekord gebrochen hatte und wirklich von Kopf bis Fuß mit Bienen bedeckt war. Das fand ich toll.

Und wo ist der Zusammenhang zwischen dem Bienenbartbild und dem Album als solchem?

Das Cover strahlt für mich eine absolute Ruhe und Selbstsicherheit in einer sehr stressigen Situation aus. Da bleibt einer ganz ruhig, während ihn tausende von Bienen belagern – das hat etwas von der Stille im Auge des Sturms. Und ich denke, diese Platte hat etwas von angekommen sein.

Ich habe sonst immer viel mit mir und meiner Arbeit gehadert, es gab immer viel Nervosität und Angst. Jetzt fühle ich mich zum ersten Mal mit einem Album wirklich wohl in meiner Haut und mit meiner eigenen Kunst. Ich habe endlich die Selbstsicherheit, die mir immer gefehlt hat.

„Ich habe heute wieder dran gedacht, dass ich mir zu viele Gedanken mach“, sind Deine ersten Worte im Titelsong „Alles war schön und nichts tat weh.“ Hat Dich dieses Zweifeln und Hadern sehr genervt?

Ja, irgendwie schon. Ich neige sehr dazu, mich gedanklich in Abwärtsspiralen zu verlieren, kommt dann nachts, wenn ich nicht schlafen kann, von irgendwelchen Kleinigkeiten vier Stunden später quasi am Ende der Welt an. Die Ausnahmesituation Corona, in der ich wie alle anderen weitgehend machtlos war, hat mich ein bisschen von meiner Kontrollsucht geheilt.

„Gib mir Gefahr“, ein Duett mit Felix Kummer von Kraftklub, ist ein richtiges Festivalbrett, das an The Prodigy erinnert. Der Song klingt, als reiche es dir jetzt mit der Ruhe, die uns alles zwangsläufig auferlegt wurde.

Absolut, das ist auch so. Als vergangenen Sommer die zweite Festivalsaison ausfiel, wurde es langsam zäh. Ich dachte, ich will mal wieder rausgehen, was erleben, schlechte Entscheidungen treffen, auf Konzerte gehen, bis zum nächsten Morgen unterwegs und dann verkatert sein, das Leben wieder spüren. Mir fehlt das. Auch als Inspirationsquelle ist das Nachtleben wichtig, auch das Kino, Ausstellungen, andere Menschen an sich. Wie oft habe ich schon neben jemandem in einer Bar gesessen, und der sagt einen Supersatz, den ich mir sofort aufschreibe.

Machst Du Dir noch Sorgen um den Festivalsommer 2022?

Nein. Die Entschleunigung tat gut, aber jetzt ist sie vorbei. Ich will wieder beschleunigt werden. Ich glaube fest an den Festivalsommer.

Auf dem Album-Cover trägt Casper einen Bart aus Bienen. Ein Symbol dafür, dass die neuen Songs eine gewisse Ruhe, das Gefühl von angekommen sein, ausstrahlen. © picture alliance/dpa/CheckYourHead

Die Geschichten, die Du auf „Alles war schön und nichts tat weh“ erzählst, sind wirklich fesselnd und ergreifend. Man will beim Hören einfach wissen, wie es den Menschen ergeht, über die Du singst.

Vielen Dank. Ich habe, da von außen ja kaum Input kam, viele private Erlebnisse genommen und sie zu Liedern verarbeitet.

In „Billie Jo“ etwa erschießt ein amerikanischer Kriegsheimkehrer seine Frau, seine zwei Kinder und sich selbst.

Diese Geschichte ist leider Gottes so passiert. Billie Jo, die Frau des Soldaten, war meine Cousine. Ich wollte immer schon einen Song über sie schreiben, und jetzt hat es gepasst. Ich sehe diese persönliche Tragödie aber auch in einem größeren Zusammenhang. In den USA werden sehr viele Soldaten in Kriege geschickt, aber die Nachbereitung von Traumata ist oft sehr mau. Für mich lässt sich „Billie Jo“ auch als Antikriegssong oder als Kommentar zur Opioidkrise lesen.

Du bist in Lemgo zur Welt gekommen, hast aber dann in der Nähe von Atlanta gelebt, bis Du elf warst und mit Deiner Mutter nach Ostwestfalen gezogen bist. Hat sich Dein Blick auf die USA noch mal verändert?

Als ich in den 80er und frühen 90er Jahren dort aufgewachsen bin, war es noch das Land von Coca-Cola, Michael Jordan, Prince und Madonna. Heute findet man ein gespaltenes Land mit extremen Unterschieden zwischen arm und reich vor, und politische Dispute werden auf einer Lautstärkeskala von 0 bis 10 auf Stufe 11 ausgetragen. Die Grautöne werden total ausgeblendet. Ich könnte mir momentan nicht vorstellen, wieder in den USA zu leben.

In „Zwiebel & Mett“ erzählst Du von den Abgehängten und nach rechts Abgedrifteten hierzulande. Sind diese Leute verloren?

Das weiß ich nicht. Es gibt bei uns allerdings einen nicht von der Hand zu weisenden Aufschwung der Rechtsextremen über die letzten Jahre, und jeder, der meinen Weg verfolgt hat, weiß, dass ich eher auf der Gegenseite stehe.

Das abschließende, sehr lange, Stück „Fabian“ ist die wahre Geschichte eines Freundes von Dir, der an Leukämie erkrankt war. Das muss man sich erst mal trauen, oder?

Ja, das mag sein. Aber „Fabian“ ist kein Lied über den Tod, sondern ein Lied über das Leben, eine Feier des Lebens sogar. Er gehört zu dem Freundeskreis, den ich seit frühen Jugendtagen habe, und natürlich war das eine ganz schlimme Zeit für uns. Wegen der Pandemie konnten wir ihn ja auch kaum besuchen. Aber ich fand auch beeindruckend, wie so ein Schock uns als Freunde wieder zusammengeschweißt hat. Wir haben das wirklich gemeinsam durchgestanden, und Stand jetzt ist alles gut ausgegangen.

Musikalisch scheinst Du Dich auf der neuen Platte stark an Deinen amerikanischen Wurzeln zu orientieren. Die Songs klingen teilweise deutlich nach Gitarrenfolk und Indierock.

Ich wollte einen Querschnitt durch meine ersten drei Alben machen. „XOXO“ war progressiv Richtung Indie, „Hinterland“ war rockig und mit Country-Elementen, „Lang lebe der Tod“ hatte was Düsteres, fast wie eine Industrial-Platte. Und dazu kamen natürlich neue Wege und Einflüsse.

Ich finde, „Alles war schön und nichts tat weh“ ist in der heutigen Poplandschaft zu großen Teilen eine unkonventionelle Platte. Viele Songs haben Überlänge, jede Menge Text und manche keinen klassischen Refrain. Eigentlich ist alles so, wie es auf keinen Fall sein sollte, wenn man auf den Streaming-Portalen leicht konsumierbar sein will.

Bist Du etabliert und erfolgreich genug, um auf so etwas keine Rücksicht nehmen zu müssen?

Ich habe das große Glück, eine sehr leidenschaftliche und diverse Fanbasis zu haben. Bisher haben die jede Neuausrichtung mitgemacht, und deswegen fühle ich mich auch nicht diesem riesigen Hit-Druck ausgesetzt. Meine Hörerinnen und Hörer kommen aus allen Altersgruppen, sind Emos, Teenies, Rap- und Rock-Fans. Das ist ein wunderbares Gefühl, ins Publikum zu gucken und jegliche Art von Menschen zu sehen. Dass meine Musik übergreifend berührt, bedeutet mir sehr viel.

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