Musik

Coldplay: Die Welt ist nicht genug

Das neue Coldplay-Album „Music Of The Spheres“ ist eine seltsam überfrachtete Enttäuschung, findet Steffen. Wie er zu diesem Entschluss kommt, verrät er im ausführlichen Album-Überblick.
Coldplay, die Band rund um Sänger Chris Martin (2. v. l.), hat sich auf der neuesten Platte "Music Of The Spheres" nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wie Steffen findet. © James Marcus Haney

Am Ende, bevor ein letzter Song die Hörenden durch- und aufatmen lässt, ist der Kopf schon längst am Pochen. „Music Of The Spheres“, das neunte Studioalbum der vier Engländer Chris Martin, Jonny Buckland, Guy Berryman und Will Champion, lässt an einen dieser Kindergeburtstage denken, bei dem die Eltern aber mal wirklich so alle Register ziehen wollen.

Erschöpfung statt Erholung

Es gibt einen Clown, einen Zauberer, einen DJ, eine Hüpfburg, ein Monsterbüffet mit süßem Glibberzeug, Smarties-Muffins, Burgern und Würsten, zwischendurch wird noch schnell ein Alpaka durch den Garten geschleift – und am Ende sitzt der junge Mensch überreizt und verstört in der Ecke, möchte am liebsten sofort den Lieblingsschlafanzug anziehen und vor allem: seine Ruhe.

Immer weiter Weg von den Anfängen

Die Platte, netto nach Abzug dreier Einsprengsel aus neun Songs bestehend, überwältigt kolossal. Aber, das gleich mal vorweg, sie begeistert nicht und berührt auch nicht besonders. So gut wie nichts erinnert an die alten Coldplay, die im Jahr 2000 mit dem Album „Parachutes“ und Songs wie „Yellow“ mit Melancholie und lyrischer Kraft überzeugten. Die ersten beiden Platten boten quasi Gedichte in Liedform.

Doch dann begannen die Musiker, Abzweigungen zu nehmen. Eine künstlerische Entwicklung sei jeder Band gegönnt, doch viele der frühen Coldplay-Fans hatten den Eindruck, dass diese quasi zu ihren Lasten geht und wandten sich ab. Andere kamen hinzu, als Coldplay mit dem hymnischen „Viva La Vida“ 2008 ihre erste US-Nummer-Eins feierten, oder später 2015 auf „Hymn For The Weekend“ Beyoncé mitsingen ließen.

Visionen außerhalb der Erde

Zuletzt, 2019, wagten sie mit dem experimentellen und introvertierten „Everyday Life“ noch einmal ein kleines besinnliches Zwischenspiel, doch nun packen sie nicht nur den Hammer aus, sondern alle anderen verfügbaren Werkzeuge gleich mit.

Es passt, dass die vorab veröffentlichte Single „Higher Power“ ihre Premiere auf der internationalen Raumstadion ISS feierte. Die Erde ist dieser Band zu eng geworden. Sie kreierte für „Music Of The Spheres“ ein imaginäres Planetensystem, das mit reichlich audiovisuellem Buhei eingeführt wurde. Das aber, wenn Intro und „Higher Power“ mal verklungen sind, auch total schnell egal wird.

Das Album „Music Of The Spheres“ umfasst neben drei kurzen Instrumental-Stücken neun vollwertige Songs. © WMG © WMG

Stattdessen fallen der etwas hohle Pomp sowie der megamassive Einsatz von Synthesizern auf, mit denen nicht nur, aber auch das Stück „Humankind“ zugekleistert wird. Die Nummer, in der es irgendwie um die Menschlichkeit der Menschen geht, riecht ein wenig nach Plastik und erinnert an The Weeknd. Seele? Eher Fehlanzeige.

Wilder Genre-Mix und Star-Kollaborationen

Auf die Spitze aber treibt man das Collagen-artige Konzept mit „People Of The Pride“. Der Song klingt, als hätten Coldplay versucht, alle etwa 5783 Musikgenres dieser Welt in dreieinhalb Minuten zusammenzufassen. Bisschen Hard Rock, bisschen Synthie, bisschen alles, doch der Kern von Coldplay liegt unter all dem verschüttet.

Ob dieses Lied nun nach dem Zufallsprinzip zusammengestückelt wurde oder komplett und detailliert durchdacht ist? Beides ist möglich.

Auch gibt es Kollaborationen, und sie machen den Anschein, als hätte man sich gezielt Zustimmung und Reichweite dazugekauft. Ex-Teenie-Star Selena Gomez singt mit Chris Martin ein vergleichsweise zurückhaltendes und ganz schönes, am Rande an „Everything I Do“ von Bryan Adams anknüpfendes, Trennungslied namens „Let Somebody Go“.

Und Chris reiste sogar eigens nach Seoul, um mit den sieben K-Pop-Boys von BTS, der global gerade wohl erfolgreichsten Popband der irdischen Welt, das supereingängige, konsequent überzuckerte, doch ganz charmante „My Universe“ einzusingen. Kann man machen. In die US-Charts schoss „My Universe“ vergangene Woche übrigens direkt auf Platz Eins.

Zehnminütiger Abschluss als leichte Versöhnung

Nach dem ganzen Remmidemmi, überreich an Facetten, aber arm an Nuancen und lyrisch fast durchgängig enttäuschend trivial, machen die vier denjenigen ihrer Fans, die sie vor Jahren schon verprellt haben und mit diesem eigenartig extravaganten Album auch kaum zurückgewinnen werden, noch ein überraschendes Versöhnungsangebot.

„Coloratura“, 10 Minuten 18 Sekunden lang, ist ein liebevoll verspieltes und entspannend zartes Mini-Musical mit all jener emotionalen Tiefe und Wärme drin, die man dem Rest des Albums aus unerfindlichen Gründen abgepresst hat.

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.