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„Der Palast“: Von Familien-Plattitüden im Friedrichstadt-Palast

Die Zwillingsschwestern Chris und Marlene wissen nicht, dass es einander gibt, bis sie sich im Friedrichstadt-Palast in der DDR gegenüberstehen. Ein dramatisches Täuschungsmanöver beginnt.
Svenja Jung spielt in der Hauptrolle die Zwillingsschwestern Chris und Marlene, die sich plötzlich zum ersten Mal gegenüberstehen. Chris ist Solotänzerin im Friedrichstadt-Palast, Marlene lebt mit ihrem Vater im Westen. Eine schicksalhafte Begegnung. © ZDF

Die DDR war ein sogenannter Schurkenstaat. Die BRD war zu diesem Zeitpunkt vermutlich auch kein Garten Eden. Nicht für jeden, nicht global betrachtet. Die Diskussionen, ob sie das noch immer ist, lassen sich sicherlich unendlich lang führen. Was sie definitiv nicht mehr ist, ist freiheitsgefährend und mit irreparablen moraltheoretischen Schäden versehen.

Damals war „Freiheit“ noch ein unironisch, positiv konnotierter Begriff und vor allem ein handfestes Bedürfnis jener, denen sie geraubt wurde. Den Bürgern der DDR.

Einzelschicksal der DDR-Zeit in Serie

Um zu verstehen, wie das kommunistische System, das definierte Begrifflichkeiten ähnlich kurios verdreht wie Querdenker heutzutage, funktionierte, bedarf es tausender Einzelschicksale, die als Mosaik zusammengesetzt werden. Es bedarf audiovisueller Medien, um uns zu erklären, dass zwar nicht alles schlecht, früher aber gewiss nicht alles besser war.

Spreewaldgurken, die Mietpreise in Berlin und die interdisziplinäre Leidenschaft für Kunst und Kultur vielleicht. Letzteres jedenfalls ist Leitthema der neuen ZDF-Produktion „Der Palast“, in dem ein wahnsinnig guter Cast einen dieser Einzelfälle darstellt.

Zwillingsschwestern treffen unwissend aufeinander

Svenja Jung mimt in einer Doppelrolle das Zwillingspaar Marlene und Chris(tine). Chris ist ambitionierte Varieté-Tänzerin im Friedrichstadtpalast (also im Osten) der späten 1980er-Jahre. Marlene arbeitet unter dem Dach ihrer Wohlstandsfamilie aus Bamberg (also im Westen) als Softwareentwicklerin. Voneinander wissen sie nichts, bis der Zufall im Friedrichstadtpalast auf sie einschlägt und das vordergründige Drama seinen Lauf nimmt.

Der Plot scheint nicht der Zenit der Kreativität zu sein, die Realität ist es jedoch oftmals ebenfalls nicht. Beim Abbilden des Zeitgeschehens muss man dramaturgische Abstriche machen, was der 6-teiligen Mini-Serie keinerlei Charme raubt.

Täuschungsmanöver zum Schutz der Liebsten

Es beginnt ein klassisches Zwillings-Täuschungsmanöver, bei dem Eltern und Freunde hinters Licht geführt werden. Nicht aus unterhaltungstechnischen Schmunzel-Absichten, sondern, weil die Mitwisserschaft illegaler Grenzübergänge oder sonstiger „staats- oder systemfeindlicher“ Handlungen verheerende Konsequenzen mit sich zog.

„Der Palast“ spiegelt unaufgeregt und schlicht die Lebensrealität eines durchschnittlichen Bürgers in der Zeit der innerdeutschen Grenze. Natürlich beleuchtet es diverse Parameter in hellerem Scheinwerferlicht und lässt dafür andere im Schatten liegen. Aus cineastischem Blickwinkel betrachtet, ein plausibler Move. Schließlich sind wir immer noch in Deutschland.

Deskriptives Histotainment-Format

Produktionen sind selten so prätentiös und dramatisch wie in den USA. Es erinnert simpel an die völlig logische Tatsache, dass es Leben gibt und gab, die nichts mit meinem eigenen zu tun haben. Das ist wahnsinnig wichtig für den ungetrübten und dauerhaften Blick über den Frühstücks-Bowl-Rand.

„Der Palast“ ist im Vergleich zu vielen Histotainment-Formaten kein erhobener Zeigefinger, kein plakativer Mahnruf. Die Serie wagt sich in eine eher deskriptive, nicht unheitere Richtung des Genres.

Das Relief der Gefühlsachterbahn ist nicht enorm tief. Richtig feste traurig wird es nicht, richtig feste lustig auch nicht. Es ist schlicht die sehr gut und angenehm schaubare Darstellung einer historisch relevanten Zeit, die für viele Leute sehr lange – manchmal leider, manchmal nicht – „normal“ war.

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