Ella Henderson im Interview: „Wir sollten jede Minute genießen“

Die 26-jährige Singer-Songwriterin Ella Henderson verarbeitet auf ihrem neuen Album viele alltägliche Dinge: Verliebt-Sein, toxische Beziehungen, Freundschaften und Verluste. © WMG
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Acht Jahre nach ihrem Debütalbum Chapter One“ mit der Erfolgssingle „Ghost“ hat die englische Singer-Songwriterin Ella Henderson nun ihr zweites Album „Everything I Didn‘t Say“ veröffentlicht. Die Songs geben einen Einblick in die Reise, die die 26-Jährige in den letzten Jahren gegangen ist. Uns hat sie im Interview bereits einen kleinen Einblick in diese Zeit gewährt.

Ella, Dein neues Album „Everything I Didn’t Say“ ist endlich draußen. Zwischen Deinem ersten Album „Chapter One“ und dem neuen liegen satte acht Jahre. Warum hast Du mit dem zweiten Album so lang gewartet?

Ich habe mein erstes Album geschrieben, als ich 16 Jahre alt war. Der Song „Ghost“ ging damals sofort viral und es passierte in diesen jungen Jahren schon sehr viel bei mir. Als ich mit dem Schreiben des zweiten Albums anfing, wurde mir klar, dass ich zwar erstaunliche Dinge getan habe, aber ich hatte nichts, worüber ich hätte schreiben können, nichts, was die Zuhörer hätten nachempfinden können.

Für mich ging es dann also erst einmal darum, das Leben zu leben und zu verstehen, wer ich bin – auch außerhalb der Musik. Es ging für mich erstmal um die ganz alltäglichen Dinge, die ich bis dahin nicht hatte, wie mein erstes eigenes Sofa zu kaufen und zu verstehen, wo ich zu Hause bin und wo meine Freunde sind. Im Jetzt fühle ich mich bereit, mich zu öffnen und meine Geschichten zu teilen. Deshalb heißt das Album auch „Everything I didn’t say“ und ich bringe jeden auf den neuesten Stand, was in den letzten sieben bis acht Jahren in meinem Leben passiert ist.

Um beim Titel des Albums zu bleiben: Welche Dinge hast Du in der Vergangenheit nicht gesagt, die Du jetzt auf dem Album sagen wolltest?

(lacht) Da gibt es nicht wirklich ein großes Geheimnis. Ich glaube, es ist einfach die Tatsache, dass ich, als ich jünger war, doch noch ziemlich ängstlich war, auch wenn mein erstes Album sehr ehrlich war. Ich denke, mit all den Dingen, die ich in den letzten Jahren erlebt habe, sei es verliebt zu sein, eine toxische Beziehung zu haben, tolle Freundschaften zu haben, aber auch welche zu verlieren, habe ich mehr Themen, mit denen sich viele identifizieren können.

Ella selbst würde ihr neues Album „Everything I Didn’t Say“ als eine Mischung aus Pop, Soul und Country-Musik beschreiben. © WMG

Es fühlt sich jetzt einfach realer und nachvollziehbarer an. Es gibt also nichts auf dem Album, was ich mich nie getraut habe zu sagen. Es geht vielmehr um Dinge und Erfahrungen, über die ich als Teenager nicht sprechen konnte.

Was bedeutet das Album für Dich persönlich und wie würdest Du es beschreiben?

Ich würde es so beschreiben, dass einfach sehr viele Wörter unkontrolliert aus mir herauskamen – wie Wortkotze (lacht). Das witzige ist, dass ich einige Songs auf dem Album bereits vor ein paar Jahren geschrieben habe. Es beinhaltet also die ganze Reise, auf der ich über den gesamten Zeitraum bis zum letzten Jahr gewesen bin. Man hört definitiv, wie ich als Person gewachsen bin. Bei den Songs, die im Lockdown entstanden sind, hört man viele akustische Klänge oder rauen Gesang, weil ich in dieser Zeit diese Art von Musik hörte. Ich bin ein großer Fan von Country-Musik, also würde ich sagen, es ist ein Pop-Soul-Country-Album.

Im Song „Brave“ geht es darum, sich von dem Stigma zu befreien, dass es schwach ist, auf Hilfe von anderen angewiesen zu sein und diese Hilfe endlich anzunehmen, wenn man sie am meisten braucht. Fällt es Dir persönlich schwer, Hilfe von anderen anzunehmen?

Früher fiel es mir definitiv schwer, um Hilfe zu bitten. Ich will immer perfekt sein und es allen beweisen und ihnen sagen, dass ich alles im Griff habe. Aber meistens war das nicht der Fall, und das ist auch in Ordnung. Ich brauche immer eine helfende Hand. Auch wenn es nur ein aufmunterndes Gespräch ist.

Manchmal muss ich meine Mutter anrufen und eine Tasse Tee trinken oder sie besuchen. Manchmal ist es einfach schön, mit jemandem auf einer persönlichen Ebene zu sprechen. Ich habe diesen verrückten Job und bin nun mal nicht der Gladiator, den man oft sieht. Manchmal ist man gestresst und braucht einfach jemanden, der einem sagt: „Es ist alles in Ordnung, atme mal tief durch.“

Mein persönlicher Lieblingssong auf dem Album ist „Set in Stone“. Darin heißt es: „Wenn wir uns irgendwann vielleicht verlieren, sind diese Erinnerungen in Stein gemeißelt.“ Kannst Du ein wenig über die Geschichte hinter dem Song erzählen?

Ich war für ein Schreibcamp in Großbritannien, als einer meiner Lieblingsproduzenten, ein enger Freund, mit dem ich gerade im Studio war, erfuhr, dass sein Onkel verstorben ist. Ich habe ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nie weinen gesehen. Ich sagte zu ihm: „So traurig das auch ist, wir müssen etwas aus diesem Moment festhalten. Auch wenn es nur für dich ist.“

Wir setzten uns also zusammen und dachten über einen Song zu dem Thema nach; darüber, dass wir immer davon ausgehen, dass alles für immer ist, bis es dann doch ein Ende findet. Über das Ende haben wir keine Kontrolle, aber was wir kontrollieren können, ist die Gegenwart. Wir sollten also jede Minute genießen, die wir miteinander haben und das Beste daraus herausholen. Und das war die Idee zum Song.

Mit welcher Person hättest Du im Nachhinein gerne mehr Zeit verbracht?

Ich glaube, wenn es jemanden gibt, den ich zurückholen könnte, dann ist es mein Großvater. Er ist ein wichtiger Grund, warum ich zur Musik gekommen bin. Meine Oma ist noch da und ich liebe sie so sehr, aber immer wenn wir über ihn reden, wünsche ich mir, ich hätte mehr Zeit mit ihm gehabt. Ich war noch recht jung, als er starb, aber ich habe das Gefühl, dass er einen großen Einfluss auf mein Leben hatte.