Gentleman im Interview: „Der Reggae-Vibe ist immer das zentrale Thema“

Seine Teilnahme beim TV-Format "Sing meinen Song" gab Gentleman den letzten Anstoß, selbst mal deutschsprachige Musik aufzunehmen. © Pascal Buenning
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Gentleman (bürgerlich: Tilmann Otto) gilt als einer der größten deutschen Reggae-Musiker. War er früher vor allem für seine englischsprachigen, von jamaikanischen Beats angehauchten Songs wie „Intoxication“ bekannt, hat er mit seiner neuesten Platte „Blaue Stunde“ erstmals ein deutschsprachiges Album rausgebracht. Für uns hat sich Gentleman die Zeit genommen, um über dieses Werk und die kürzlich erschienene Deluxe-Version zu sprechen.

„Blaue Stunde“ ist Dein erstes Album auf Deutsch. Wann ist der Entschluss gereift, auf Deutsch zu singen?

Ich weiß nicht, ob es den ausschlaggebenden Moment gab. Der Gedanke war schon länger da. Als ich 1999 bei den Fantastischen Vier unterschrieben habe, war englischsprachige Musik im Gegensatz zur deutschen sehr gefragt. Über die Jahre kamen immer mehr gute deutschsprachige Künstlerinnen und Künstler, bei denen ich gemerkt habe, Musik in deutscher Sprache kann funktionieren. Mich hat es gewurmt, dass man meine Texte beispielweise auf Festivals nicht verstanden hat.

Als ich bei „Sing meinen Song“ 2017 teilgenommen habe, habe ich von Mark Forster einen Song gecovert. Da habe ich gemerkt, dass es sich vertraut anfühlt und keinen Fremdkörper darstellt. Das Feedback war durchweg positiv und ich glaube, dabei ist die Hemmschwelle gefallen, damit anzufangen.

Der Begriff „Blaue Stunde“ beschreibt eigentlich eine bestimmte Zeitspanne in der Abenddämmerung. Wie definierst Du den Begriff für Dich bzw. wie lässt sich der Begriff auf Dein Album übertragen?

Es ist nicht Tag und nicht Nacht, sondern ein ganz diffuser Raum, wo es kein Ende und kein Anfang gibt. Er ist aber auch fernab von Raum und Zeit, zwischen den Stühlen. Diese Zerrissenheit, wo auch eine unglaubliche Kraft drin enthalten ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das Album.

Ein Song auf dem Album heißt „Time-Out“. Durch Corona hatte die gesamte Welt einen Time-Out. Wie ging es Dir in der Zeit?

Seit 1999 bin ich mehr oder weniger dauerhaft auf Tour gewesen. Seit 2004 habe ich auch viel im Ausland gespielt. Das war für mich das erste Mal, dass ich länger an einem Ort war und ich wusste erstmal nichts mit mir anzufangen. Natürlich war ich todtraurig, dass unsere Tour abgesagt wurde; alle standen unter Schock.

Es hat mir ein Gefühl gegeben, dass sich die Welt an einem Scheideweg befindet und die Gesellschaft überrollt wird. Die Diskussionen um den Klimawandel, die „Black Lives Matter“-Bewegung und dann kam Corona. Gleichzeitig hat mir diese Situation auch extrem viel Input gegeben. So konnte ich Songs schreiben, war viel im Studio und habe das Gärtnern angefangen. Dazu konnte ich viel lesen und Zeit mit meinen Kindern verbringen.

Die Neuauflage des Albums enthält auch den Song „Schöner Tag“ mit Sido. Wie sieht für Dich ein schöner Tag aus?

Der schönste Tag ist für mich, wenn ich morgens aufwache und noch nicht weiß, was ich abends tue. Oder wenn man ein Zitat von Harald Juhnke nimmt: „Keine Termine und leicht einen sitzen.“ (lacht).

Im Songtext geht es um viele lustige Erlebnisse. Gibt es eine Geschichte, die Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Jede einzelne steht für sich. Alle wurden schon einmal vom Tourbus vergessen. Wenn man nachts an der Tankstelle eine Pause einlegt, kurz aus dem Bus steigt, dieser dann losfährt und das Handy im Tourbus liegt. Jeder, der viel tourt, kennt das. Am Ende geht es in dem Lied darum, irgendwann nach vorne zu blicken. Es gibt einfach Tage, an denen nichts funktioniert.

Wie haben sich Deine Musik und Du Dich selbst in den letzten 20 Jahren verändert?

Ich würde niemals einen Beat für einen Song nehmen, den ich nicht selbst mag und fühle. Ich bekomme ganz oft gesagt, schreibe doch nochmal einen Song wie „Dem Gone“ oder „Superior“. Meine Antwort darauf ist meistens: „Dann höre doch einfach die Songs nochmal“ (lacht). Veränderungen sind wichtig. Trotzdem ist der Vibe von Reggae und was ihn ausmacht, immer das zentrale Thema geblieben.

Du wohnst in Köln und bist Fan des 1. FC Köln. Ist Fußball für Dich die passende Ablenkung zur Bühne?

Der 1. FC Köln begleitet mich, seit ich denken kann. Man sucht sich seinen Verein nicht aus – für mich ist er ein Stück Heimat. Fußball vermittelt ein Gefühl von Heimat, da man es von überall auf der Welt verfolgen kann. Ich schaue immer was los ist beim Verein und kann es mir rational nicht erklären, warum ich traurig bin, wenn sie verlieren oder glücklich, wenn sie gewinnen. Aber das ist ja das Schöne am Fußball, dass es sich nicht erklären lässt. Der Song „Blessings“ ist eine Hommage an Köln.

Was würdest Du heute gerne nochmal machen, was Du früher problemlos tun konntest?

Skateboard fahren! Ich war früher leidenschaftlicher Skateboarder, aber mit dem Alter machen sich die Knochen bemerkbar (lacht). Man ist ein bisschen besorgter als früher. Das würde ich gerne nochmal machen wollen.