Musik

Gracie Abrams: „Ein bisschen antisozial“

Gracie Abrams‘ Gedanken und Sorgen fließen per Stift aufs Papier und werden dann zu tollen Pop-Songs. Das Schreiben gibt ihr Geborgenheit, wie sie im Gespräch über ihr Debütalbum verrät.
Gracie Abrams hat ihr Debütalbum „This Is What It Feels“ veröffentlicht und reiht sich musikalisch in die Sphäre rund um Lorde und Billie Eilish ein. © Universal Music

Die melancholischen Lieder der US-Amerikanerin Gracie Abrams tun gut wie eine heiße Tasse Kakao an einem eisigen Spätherbstabend. Gerade hat die 22-Jährige ihr Debütalbum „This Is What It Feels“ veröffentlicht. „Das Schreiben von Songs“, sagt Gracie Abrams, „ist die heiligste Sache überhaupt in meinem Leben. Es ist meine definitiv bevorzugte Art, mich mit den Fragen und Problemen im Leben auseinanderzusetzen.“

Ungewohnte Erfahrungen auf der Bühne

Vor wenigen Wochen hat sie das letzte Konzert ihrer ersten Tournee überhaupt gespielt. „Jede einzelne der 16 Shows war eine tolle Lernerfahrung“, so Gracie, die vorher noch nie ein Konzert in ihrem ganzen Leben gespielt hatte. „Ich kam mir in den letzten Wochen so ein bisschen vor wie ein Kind, das mit dem Zirkus durchgebrannt ist.“

Gracie Abrams ist 22 Jahre alt und lebt noch, besser gesagt wieder – denn zwischenzeitlich hatte sie knapp zwei Jahre am renommierten New Yorker Barnard College Internationale Politik studiert – daheim bei den Eltern in Los Angeles.

Von Tagebüchern zu Song-Lyrics

Sie ist die Tochter des berühmten Regisseurs J.J. Abrams („Star Wars“, „Super 8“). Ihre Mutter Katie McGrath ist eine einflussreiche Film- und TV-Produzentin und zudem eine der Wortführerinnen in der „Time’s Up“-Bewegung gegen Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz.

Und Gracie schreibt, seit sie des Schreibens mächtig ist. Erst Tagebücher, die sie kistenweise sammelt. Seit sie acht ist, komponiert sie auch Songs. „Wenn ich schreibe, fühle ich mich getröstet und geborgen“, so Abrams. „Oft schreibe ich, wenn es mir nicht so gut geht. Meine Sorgen und meine Ängste werden dann kleiner.“

Arbeitsplatz im Kinderzimmer

In Interviews ist sie offen und zugewandt, doch müsse man sich Gracie Abrams schon als einen Menschen vorstellen, der die allermeisten Dinge zunächst mal mit sich selbst ausmache. „Ich bin ganz sicher eine sehr introvertierte Person“, so Gracies Selbsteinschätzung. „Die Arbeit an meiner Musik hilft mir dabei, mich zurechtzufinden in der Welt. Und das ist sehr wichtig für jemanden wie mich, die ein bisschen antisozial ist.“

Abrams, die 2019 ihren ersten Song „Mean It“ veröffentlichte, schreibt sämtliche Lieder in ihrer Kreativhöhle namens Kinderzimmer. „Ich lebte schon weitgehend isoliert, noch bevor mich die Pandemie dazu zwang“, sagt sie und muss lachen. Noch in ihrer frühen Jugend wäre sie nicht im Traum auf die Idee gekommen, selbst mit ihrer Musik nach vorne zu drängen, sie wollte eigentlich nur für andere schreiben.

Nachdenkliche Träumerei trifft Euphorie

Gracies Songs sind zwar durch und durch im Pop angesiedelt, aber sie sind, wen wundert’s, auch ganz schön melancholisch. Lieder wie „Rockland“, das sie mit Aaron Dessner von der Band The National schrieb, klingen verträumt und nachdenklich. Aber sie kann auch anders, wie sie im fast schon euphorischen „Feels Like“ unter Beweis stellt. „Mir gefällt die Balance zwischen traurigen und fast überschwänglichen Liedern“, sagt Gracie Abrams.

Oft sind Gracies eher leise Lieder, die an Kolleginnen wie Lorde, Billie Eilish und Phoebe Bridgers erinnern (mit allen drei ist Abrams übrigens befreundet), sowohl süß als auch bitter. Gerade, wenn es um Fragen rund um das leidige Thema Liebe geht.

In „Mess It Up“ vermasselt sie es immer wieder, auch frühere Songs wie „21“ oder „Minor“ sind Schnappschüsse einer Jugend, die langsam zu Ende geht. Und einer Entwicklung, die Gracie Abrams durch ihre Songs von innen wie von außen gleichermaßen betrachten kann „wie eine Fotografin“, so ihr Eindruck.

„In den Jahren um die 20 bleibt sehr wenig, wie es war. Freundschaften verändern sich, Beziehungen verändern sich, man wird reifer, man nabelt sich ab. Alles geht einfach so schnell, dass es mich ängstigt und auch verwirrt. Ich fürchte, ohne meine Musik wäre ich im Leben ganz schön verloren.“

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