Im Gespräch mit Scenario

LEA im Interview über Frauen im Musikbusiness und das Gendern

LEA hat uns verraten, dass sie es liebt, ihren Fans mit ihren Songs Interpretationsspielräume zu lassen; sie sollen ihre eigenen Geschichten einbringen können. Auch auf dem Album „Fluss“.
Lea hat vor ein paar Jahren ihr eigenes Label gegründet, um ihre musikalische Vision bestmöglich in die Realität umsetzen zu können. Mit ihrem Label will sie auch Frauen in der Musikbranche unterstützen. © Calvin Müller

LEA alias Lea-Marie Becker zählt zu einer neuen Generation von deutschsprachigen Sängerinnen, die mit Talent und einer gesunden Dosis Selbstbewusstsein ausgestattet sind. Auf ihrem melancholischen vierten Album „Fluss“ wird die zarte, aber ausdrucksstarke Stimme aus Kassel von Antje Schomaker, Luna und Casper unterstützt. Wir sprachen mit LEA über Frauen im Musikbusiness, das Gendern und das neue Album.

Im Song „Sommer“ auf Deinem neuen Album „Fluss“ geht es um eine Sommerliebe, Liebeskummer und das Schuleschwänzen. Ziehst Du gerne Songs aus eigenen Erfahrungen?

„Sommer“ basiert auf jeden Fall auf eigenen Erfahrungen mit der ersten Liebe. Das Gefühl Liebeskummer kannte ich damals noch gar nicht. Ich denke gerne an meine Jugend in Kassel zurück, weil es spannend war, sich dort selbst zu entdecken. Alles hat irgendwie geflimmert. Eine besondere Zeit, in der man sich von den Eltern ablöst und entdeckerisch wird.

„Ich glaube, ich habe nie so viel geweint“ heißt es in dem Lied auch. Wie bist Du mit Liebeskummer umgegangen?

Die Liebe und der Liebeskummer, die ich da beschreibe, sind eher ein Schwärmen für einen Sommer. Den ersten richtigen Liebeskummer hatte ich dann mit Anfang 20, wo ich dachte, die Welt geht unter.

Du schreibst in Deiner Muttersprache. Welchen Anspruch hast Du an Deine Texte?

Ich möchte den Hörer:innen einen Interpretationsspielraum lassen. Es beeindruckt mich, wie Menschen in meine Songs oftmals etwas ganz anderes hineininterpretieren, als eigentlich von mir gemeint. „Wenn du mich lässt“ zum Beispiel habe ich für jemanden geschrieben, der große Selbstzweifel hat und nicht im Gleichgewicht mit sich selbst steht. Dem möchte man gerne sagen: Ich werde dich lieben, wenn du mich lässt.

Viele Hörer:innen haben da aber ihre eigene Geschichte hineininterpretiert und das Lied als pure Liebeserklärung gesehen. Das finde ich toll.

Mit welchen deutschsprachigen Künstlerinnen und Künstlern bist Du aufgewachsen?

Ich versuche, nicht allzu viel andere deutsche Musik zu hören, damit ich nicht aus Versehen etwas nachmache. Aber ich bewundere schon Songschreiberinnen wie meine gute Freundin Antje Schomaker. Sie hat eine wunderschöne Sprache und benutzt Bilder, die ich so noch nicht gehört habe.

Aber auch die junge Selfmade-Künstlerin Luna aus Passau, die ich für mein eigenes Label „Treppenhaus“ gesignt habe. Sie ist erst 18 und schreibt bereits unglaubliche Songs. Sie kommt auf Melodien, die völlig fresh und neu klingen.

Hast Du Dein Label vor allem als Plattform für junge Künstlerinnen gegründet?

Dadurch, dass Frauen im Musikbusiness unterrepräsentiert sind, liegt unser Fokus auf ihnen. Aber ich würde einen unglaublich talentierten männlichen Künstler nicht ablehnen. Ich habe das Label zusammen mit meinem Management und meiner langjährigen Vertrauten Angelina gegründet. So kann ich meine Visionen am Besten umsetzen.

Werden in der Musikindustrie die Entscheidungen hauptsächlich von Männern getroffen?

Ich persönlich habe früher vorwiegend mit Männern gearbeitet. Das ist erst einmal okay, aber beim öffentlich-rechtlichen Radio entscheiden auch hauptsächlich Männer über das, was gespielt wird. Das wirkt sich natürlich darauf aus, ob im Radio auch mal Musik von Frauen läuft oder immer nur von den gleichen bekannten Männern.

Durch das Gendern sollen sich Männer, Frauen und überhaupt alle Menschen in der Sprache mit einbezogen fühlen. Möchtest Du die Sprache der Liedermachenden mit den Wünschen der Gendergerechtigkeit synchronisieren?

Ich selber brauchte eine Weile, um zu realisieren, warum das Gendern so wichtig ist. In Songs kommt es selten vor, weil man zum Beispiel aus der Ich-Perspektive erzählt. Nachdem ich viel darüber gelesen hatte, begriff ich, warum es notwendig ist. Mit vom Gendern genervten Menschen, die davon nicht persönlich betroffen sind und nie diese Diskriminierung erfahren, könnte ich stundenlang diskutieren.

Denen versuche ich auf feinfühlige Weise zu erklären, warum man gendern sollte. Gendern ist Teil eines Wandels, an den man sich erst einmal gewöhnen muss, aber es ist machbar. Man übt es ein bisschen, und dann fällt es einem gar nicht mehr auf.

Heutzutage wird man im Netz wegen seiner Meinung schnell gecancelt. Wie denkst Du darüber?

Gerade durch Social Media ist der Druck noch sehr viel höher, weil durch die Anonymität viel mehr Hass möglich ist. Wenn man sich nicht direkt gegenübersitzt, kann man ganz neue Rollen einnehmen, die man sich bei einem persönlichen Gespräch nicht trauen würde. Es ist schlimm, wie die Menschen im Internet miteinander umgehen.

Kannst Du in Zeiten von Twitter und TikTok überhaupt noch ein normales Leben führen?

Ich habe für mich von Anfang an entschieden, dass ich Social Media nicht so extrem nutze. Ich begrenze das sehr stark auf meinen Beruf. Es gibt auch viele Musiker:innen, die jeden Tag ihres Lebens filmen und hochladen und zu allem eine Story machen. Durch meine Striktheit haben meine Kanäle nicht diesen krass privaten Touch wie die anderer Personen. Aber das nehme ich gern in Kauf.

Ich finde, es gibt kein gutes Dazwischen. Wenn man sich für Privates entscheidet, hat man die ganze Zeit eine Social-Media-Brille auf und lebt sein Leben, um diese Storys oder den Feed zu füllen. So will ich nicht mit Social Media umgehen. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst und poste Sachen zu meiner Musik und zu Themen, die mir am Herzen liegen. Das ist gesünder.

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