Im Gespräch mit Scenario

Leslie Clio im Interview über „Brave New Woman“ und Female Empowerment

In einer Zeit, in der Frauen im Musikbusiness noch immer unterrepräsentiert sind, ist es wichtig, Zeichen zu setzen. Findet auch Leslie Clio und geht mit gutem Beispiel voran.
Leslie Clio stellt sich auf ihrem neuen Album nicht mehr die Fragen, die sie sich mit Anfang 20 gestellt hat, sondern geht confident durchs Leben. © Sarah Köster

Leslie Clio meldet sich musikalisch zurück mit ihrem Album „Brave New Woman“ (VÖ: 4. Februar 2022). Die neuen Tracks unterscheiden sich ziemlich von ihrem letzten Album: alles ist etwas energiegeladener und vor allem selbstbewusster. Das bestätigt die Hamburger Singer-Songwriterin auch im Interview, in dem wir mit ihr über die neuen Songs sowie Female und Self Empowerment gesprochen haben.

Leslie, welche Bedeutung hat Dein neues Album „Brave New Woman“ für Dich?

Für mich ist das Album ein Symbol dafür, immer weiterzumachen, sich selbst treu zu bleiben und an sich selbst und seinen Werten festzuhalten. Manchmal wirft einem das Leben Steine in den Weg – davor ist leider niemand gefeit – aber es geht trotzdem darum, bedingungslos seinen eigenen Weg zu gehen und an seinen Zielen festzuhalten.

Für mich ist „Brave New Women“ das Sinnbild dafür, dran geblieben zu sein und weitergemacht zu haben. Aber auch dafür, Dingen entwachsen zu sein und einfach seine Frau zu stehen.

Im gleichnamigen Song singst Du davon, nach einer Trennung ein neues Ich entwickelt zu haben. Wie äußert sich dieses „fresh new me“, wie Du es besingst?

Den Wandel merkt man zum Beispiel schon thematisch: Auf dem letzten Album war der Ton eher dunkler und ich habe mehr Traurigkeit und Herzschmerz zugelassen, durch Fragen wie „Warum liebt er mich nicht mehr?“ „Was ist falsch mit mir?“. Und das sind Fragen, die auf diesem Album überhaupt nicht stattfinden.

In jedem Song geht es um Self Empowerment, darum, sich selbst treu zu bleiben. Natürlich auch darum, mal zurückzublicken und sich an Schmerzmomente zu erinnern, aber dann immer erhobenen Hauptes daraus zu gehen.

Im Song „abcdef* Off“ singst Du davon, dass Du es satt hattest, ständig zu versuchen, es jemandem recht zu machen und die perfekte Partnerin zu sein. Wie schaffst Du es, rückblickend so selbstbewusst aus der Sache rauszugehen?

Ich glaube, als Frau ist das echt eine Sache des Alters. Es sind zwar nur ein paar Jahre Unterschied im Vergleich, aber mit 30 kommt nochmal ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Es interessiert einen einfach nicht mehr, ob einem ein Typ nicht zurückschreibt, das ist dann sein fucking Pech. Ich habe einfach keine Geduld mehr für so einen Schwachsinn.

Man stellt sich einfach nicht mehr die Fragen, die man sich mit Anfang 20 gestellt hat, und befasst sich mit bestimmten Themen nicht mehr. Kommt also erstmal in mein Alter (lacht).

Welcher Song auf dem Album ist Dir am wichtigsten?

„Girl With A Gun“, der Opener des Albums, ist für mich ein sehr wegweisender Song, weil er alles beinhaltet, worauf der Rest des Albums aufbaut. Aus dem „Girl With A Gun“ wird quasi die „Brave New Woman“. Ich habe den Song als erstes vom Album geschrieben, weit vor den anderen, weshalb er mir gezeigt hat, womit ich diese Reise anfange.

Aber auch „Back To You“ ist mir sehr wichtig. Man muss auch mal innehalten und Dingen und Menschen um einen herum danken – und „Back To You“ gehört genau in dieses Kapitel. Gerade, weil es in dem Song um einen Menschen geht, ohne den man nicht die wäre, die man ist, und in meinem Fall ist das mein Opa, an den ich beim Einsingen denken musste. Ja der Song ist sehr cheesy, aber im Kontext mit den anderen „Auf die Fresse“-Songs habe ich ihn mir erlaubt.

Du setzt Dich privat und beruflich viel für Female Empowerment ein. Was steckt für Dich hinter diesem Begriff?

Für mich geht es immer darum, seine Frau zu stehen und den Mut zu haben, Kante zu zeigen. Wir sind in unserer Gesellschaft noch nicht ganz da angekommen, dass wir besonders divers sind und Diversität unter Frauen zulassen. Es gibt immer einen bestimmten Typ Frau, der es nach oben schafft, der aussagt „so musst du sein als Frau und dann schaffst du es“. Das muss sich ändern.

Es kann nicht sein, dass wir nur Helene Fischer und Sarah Connor als Repräsentantinnen der Frauen im Musik-Business haben oder den kompletten Kontrast dazu in Form aller Gangster-Rapperinnen.

Du arbeitest in Deinem eigenen Label, das Du für dieses Album gegründet hast, mit einem rein weiblichen Kernteam zusammen. Ist dieser Entschluss ein Statement gegen die doch noch überwiegend männlichen dominierten Strukturen in der Musikbranche?

Ja genau, denn der einzige Ausweg aus einer männlich dominierten Industrie ist es, Frauen einzustellen. Was nicht besonders kompliziert ist (lacht). Practise what you preach! Man kann davon reden und man kann es machen. Ich war jetzt das erste Mal in der Situation, dass ich ein eigenes Team zusammenstellen durfte, und habe das als Gelegenheit genommen, Frauen einzustellen, und jetzt sind wir tatsächlich ein rein weibliches Team. Und ich finde, das ist ein ziemlich authentisches Bild, für das, was ich sage.

Was denkst Du, sind die Gründe dafür, dass Frauen noch immer unterrepräsentiert sind?

Weil wir keine Quote und somit keinen Druck haben, Frauen in einem Männer-dominierten Business einzustellen. Deshalb bin ich eine große Verfechterin der Frauenquote. Man muss einfach einen Stein ins Rollen bringen und gleiche Bedingungen schaffen. Und das braucht oft nun mal einen gewissen Anstoß und etwas Druck, mit dem man weiß, dass man in seinem Unternehmen auch mal Frauen einstellen muss.

Welche Frauen inspirieren Dich persönlich?

Mich inspirieren Frauen, die lange Karrieren hatten oder sehr verschiedene, diverse Leben in eins reingequetscht haben. Frauen, die sich immer widersetzt haben und sich nie haben diktieren lassen, wie sie zu leben haben. Zum Beispiel Tina Turner, die ein langes erfolgreiches Leben hat mit vielen unterschiedlichen Phasen, sich aber nie hat unterkriegen lassen. Joan Rivers, die leider verstorben ist, war auch eine absolut geile Frau mit ihrer ganzen Karriere.

Hast Du an dieser Stelle noch einen Tipp an unsere Leserinnen, wie sie zu sich selbst finden und stehen lernen können?

Gerade mit Blick auf junge Leserinnen: Verschwendet nicht so viel Zeit an irgendwelche Typen, sondern konzentriert Euch auf Euch selbst. Ich weiß, das klingt einfacher als es ist – ich war mit Anfang 20 auch sehr boy-crazy. Aber guckt auf Euch selbst und auf das, was Euch glücklich macht.

Und: Seid nicht so streng mit Euch. Man denkt immer, man muss alles schon herausgefunden haben und man muss alles wissen, aber nein, das müsst Ihr nicht. Man darf seine Meinung auch mal ändern oder eine neue Karriere beginnen, auch wenn man fünf Jahre schon etwas anderes studiert hat. Wer sagt denn, dass man das, das und das machen muss? Niemand! Nur Ihr selbst wisst, wer Ihr sein wollt.

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