Im Gespräch mit Scenario

Sam Fender im Interview über eine Jugend ohne Glück

Songs wie „Dead Boys“ und „Play God“ machten Sam Fender weltweit berühmt. Doch trotz des Erfolges blieb der junge Engländer voller Selbstzweifel, wie er im Interview zum neuen Album verrät.
Sein Debütalbum „Hypersonic Missiles“ ebnete Sam Fender den Weg einer steilen Musik-Karriere. Nun ist seine zweite Platte draußen, auf der der 27-Jährige viel Privates offenbart. © Jack Whitefield

Vor zwei Jahren machte Sam Fender mit seinem vollumfänglich gelobten Debütalbum „Hypersonic Missiles“ von sich reden und stand am Beginn nicht nur einer großen Karriere, sondern zunächst mal einer ausgedehnten Welttournee.

Doch die fiel virusbedingt ins Wasser und Fender, 27, hatte plötzlich viel Zeit – die er auch nutzte: Der Singer-Songwriter aus einem Kaff bei Newcastle ging gründlich in sich und arbeitete – therapeutisch und künstlerisch – seine missliche Jugend auf.

Das resultierende Album heißt „Seventeen Going Under“, liegt stilistisch irgendwo zwischen dem britischen Indie-Rock der Nullerjahre und Fenders großem Idol Bruce Springsteen und steckt voller Hymnen über Wut, Selbstakzeptanz und das Erwachsenwerden.

Sam, das Album beginnt mit dem Titelsong „Seventeen Going Under“ und der Zeile „I remember the sickness was forever“. Um welche Krankheit geht es da?

Um meine. Anfangs wollte ich dieses Lied über jemand anderes schreiben, doch ich merkte schnell, das hat keinen Sinn. Also habe ich mich geöffnet und alles rausgelassen in diesem Text, ja im gesamten Album.

Möchtest Du darüber sprechen, was dir fehlt?

Mit 20 war ich sehr krank. Die Details möchte ich nicht teilen, jedenfalls leide ich seitdem an einem eingeschränkt funktionsfähigen Immunsystem, was sich wiederum auf meine Lebenserwartung auswirkt. Ich fühlte mich seinerzeit nicht nur meiner Gesundheit, sondern gleich meiner Jugend beraubt. Ein Teil von mir war außer Kontrolle, und ich reagierte mit extremem Frust, mit Verzweiflung und auch Wut.

Das neue Album ist ein klassisches Coming-of-Age-Werk, die Aufarbeitung deiner Jugend. Wann hast Du Dich zu dieser Offenheit entschieden?

Ich bin seit einigen Jahren in Therapie. Während der Sitzungen ist so viel hochgekommen – Probleme mit meiner Familie, Probleme mit meinen Freunden, Probleme mit meinen Freundinnen. Probleme mit mir selbst und meinen Gefühlen. Es ist alles ziemlich verquast gewesen. Das Album sehe ich als eine Art musikalischen Begleiter meiner Therapie. Musik hat mir immer schon geholfen, näher bei mir selbst zu sein und mich etwas besser zu fühlen.

Hat Dir der Erfolg Deines Debütalbums „Hypersonic Missiles“ denn nicht zu einem größeren Selbstvertrauen verhelfen können?

Nein, ich schaffte es nicht, den Erfolg zu genießen. Ich hatte einen Plattenvertrag, spielte ausverkaufte Konzerte, das Album kam auf Platz Eins in Großbritannien: Ich war für Außenstehende ein erfolgreicher junger Mann – aber in mir selbst sah es immer noch so unaufgeräumt aus wie vorher.

Geht es Dir jetzt besser?

Ich bin auf einem guten Weg. Ich habe inzwischen gelernt, meine Karriere und vor allem mich selbst stärker wertzuschätzen. Aber noch immer bin ich sehr stark davon eingenommen, dass wieder irgendetwas schiefgehen oder zerbrechen könnte. Die Angst, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, schwingt immer mit.

Rein musikalisch klingen viele Deiner neuen Songs, etwa „Gettin‘ Started“ oder „Get You Down“, sehr aufbauend, positiv und wie gemacht für Arenen und Festivals. Ein bewusster Kontrast?

Ja. Das habe ich von ABBA gelernt, der Lieblingsband meines verstorbenen Opas. ABBA sind die Königinnen und Könige trauriger Worte und euphorisierender Melodien. Ich denke, von ABBA kannst du genauso viel lernen wie von den Beatles. Schön, dass sie wieder da sind.

Bei Deinen Shows 2019 hast Du als Zugaben „(What’s The Story) Morning Glory?“ von Oasis und „Dancing In The Dark“ von Bruce Springsteen gespielt. Neben ABBA Deine Lieblingsbands?

Das sind zwei meiner wichtigsten Einflüsse. Mein älterer Bruder hat Oasis gehört bis zum Umfallen, ich bin 1994 geboren, also im selben Jahr, in dem das Oasis-Debütalbum rauskam. Auch Springsteen lief ständig bei uns zu Hause. Ich liebe seine Art, wie er Geschichten erzählt.

„The Dying Light“, der letzte, sehr traurige Song Deines Albums erinnert also nicht zufällig an Springsteens „Thunder Road“?

Nein. Die Parallele ist mir bewusst. „The Dying Light“ ist eine Fortsetzung meines Liedes „Dead Boys“ vom ersten Album. Darin sprach ich über die Freunde von mir, die sich umgebracht haben.

Seit es rauskam, sind zwei weitere gestorben, einer durch Suizid, der andere an einer Überdosis. Und vielen anderen meiner Kumpels geht es ökonomisch gerade beschissen. Viele haben während Corona ihre Arbeit verloren und sind jetzt noch ärmer als vorher schon. Mir geht es gut, ich habe Geld verdient und greife gerade dem einen oder anderen unter die Arme.

Gibt es auch Hoffnung?

Obwohl der Song düster ist, ist er ein Aufruf an alle, mehr und besser aufeinander zu achten und aufzupassen. Das Bewusstsein für Mental-Health-Themen insgesamt ist gewachsen. Das ist die gute Nachricht.

Und was ist die Schlechte?

Speziell online behandeln sich eine Menge Leute immer noch wie Scheiße. Es gibt keine Diskussionen, keinen Mittelweg mehr. Alle brüllen sich nur noch an, es herrscht im Netz eine unglaubliche Feindseligkeit nach der Devise „Entweder du stimmst mir zu oder du kannst mich am Arsch lecken“. Am besten wäre, wir alle würden unsere verdammten Smartphones in den nächsten Teich werfen.

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