Sophie Jones im Interview: „Man lebt nur, um Gott zu dienen“

Sophie wagte den Schritt in ein neues Leben und verließ die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas. © Robert Müller
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Sophie Jones ist in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas aufgewachsen. Mit 18 Jahren wagt sie den Austritt aus der Gemeinde, mit 23 Jahren outet sie sich in einem YouTube-Video als Aussteigerin und nun mit 25 Jahren erzählt sie ihre Geschichte in ihrem Buch „Erlöse mich von dem Bösen“. Wir haben Sophie zum Interview getroffen und mit ihr über ihr Leben vor und nach dem Ausstieg bei den Zeugen Jehovas gesprochen.

Wie genau sieht ein Leben in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas aus?

Es betrifft natürlich jeden Lebensbereich. Es ist nicht so, dass man nur zu gewissen Terminen mal in die Kirche geht, sondern es ist eine komplette Lebenseinstellung. Gott ist das Wichtigste im Leben eines jeden Zeugen und man lebt quasi nur, um Gott zu dienen.

Wie die meisten wissen, feiert man keine Feste: keine Geburtstage, kein Weihnachten, kein Silvester. Man hat keinen Sex vor der Ehe. Man hat hauptsächlich Kontakt mit anderen Zeugen Jehovas. Die so genannten „Weltmenschen“ sind die Ungläubigen und gelten als schlechter Einfluss, weil sie einen dem geistigen Ziel nicht näherbringen.

Bei mir war es zum Beispiel so, dass mein Vater aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde und ich dann den Kontakt zu ihm abbrechen musste, weil er dann als Abtrünniger galt. Und das macht ja eigentlich deutlich, wie sehr diese „Religion“ Einfluss auf das Leben jedes einzelnen Mitgliedes nimmt.

Wie war es für Dich als Kind zu sehen, dass Klassenkameraden Geburtstage feiern?

Ich fand das immer ganz komisch, weil es für mich eben überhaupt keine Bedeutung hatte. Ich habe es nie gemacht und deshalb irgendwo auch nie vermisst, weil ich es eben nicht kannte. Ich habe mich immer mehr darüber gewundert, was die anderen da machen. Wobei es natürlich auch blöd war, wenn die anderen dann ihre Geschenke bekommen haben und ich nicht. Ich konnte da nie mitreden.

Gab es einen konkreten Auslöser für Dein Umdenken bzw. einen konkreten Grund für Deinen Ausstieg?

Ja, als ich dann für meine Taufe den Kontakt zu meinem Vater abbrechen musste. Es gibt keine Baby-Taufen, wie man das aus anderen Religionen kennt, sondern man muss sich bewusst dafür entscheiden und sein Leben dementsprechend gestalten.

Und eine dieser Anforderungen ist eben der Kontaktabbruch zu Ausgeschlossenen, auch wenn es die Familie ist oder die engsten Freunde sind. Ich habe meinen Vater natürlich geliebt, aber wusste eben auch, was das für mich bedeutet, wenn ich weiter in dieser Religion bleiben möchte. Das habe ich dann aber überhaupt nicht gut verkraftet. Dieser Schritt hat irgendwie alles in mir aufgewühlt und ich habe alles infrage gestellt.

Wie läuft der Ausstieg dann ab?

Eigentlich hat man, wenn man die Gemeinschaft verlassen will, Gespräche zu führen. Bei diesen Gesprächen wird man dann natürlich dazu angehalten, es nicht zu tun. Es werden also wieder Schuldgefühle aufgeweckt. Das war mir im Vorfeld alles klar und ich wusste, dass ich so ein Gespräch nicht überstehen werde, weil ich total anfällig für diese Schuldgefühle war. Deswegen bin ich einfach ein letztes Mal zur Zusammenkunft gegangen und habe meinen Entschluss dann nach dem Programm einigen Leuten, die mir wichtig waren, mitgeteilt. Und dann bin ich einfach gegangen und nicht mehr wiedergekommen.

Hast Du Dich bis zum Zeitpunkt Deines Austritts immer strikt an die Regeln gehalten?

Nein ich habe tatsächlich „Sünden begangen“, aber ich glaube, jeder tut das. Keiner ist perfekt und die, die sagen sich machen es nicht, machen es auch. Es ist natürlich klar, dass diese ganzen verbotenen Sachen – und das sind eine Menge Sachen – einen gewissen Reiz ausüben, den es nicht gäbe, wenn man sie offiziell machen dürfte. Ich habe zum Beispiel geraucht oder mit nem Jungen rumgeknutscht. Das war für mich immer total aufregend, weil ich wusste, ich darf es nicht, aber danach kamen dann auch immer mit voller Breitseite die Schuldgefühle zurück.

Wie war es für Dich, dann plötzlich aus dieser eigenen kleinen Welt herauszukommen und ein Leben fernab der Regeln zu führen?

Es ist nicht so, dass ich direkt alles gemacht habe, was ich vorher nicht durfte. Ich hatte natürlich immer noch das Denkmuster von vorher und es war immer eine gewisse Angst da, dass man was falsch macht. Ich habe also nicht gleich Vollgas gegeben, sondern echt lange gebraucht, um mich wie ein normaler Mensch zu verhalten, mich zu integrieren und mir Freunde zu suchen.

Feierst Du heute Feste wie Weihnachten, Ostern oder Geburtstage?

Ich fühle mich immer noch super komisch bei solchen Anlässen. Es ist auch einfach seltsam, wenn man dann mit 20 Jahren anfängt seinen Geburtstag zu feiern (lacht). Eine gute Freundin hat dasselbe erlebt, wie ich und wir verreisen dann meist über Weihnachten zusammen, weil sie das auch nicht richtig feiern kann.

Manchmal erinnert mich das alles noch an die Vergangenheit und ich werde traurig, weil ich dann wieder vor Augen geführt bekomme, dass ich all diese Erlebnisse, die ein normaler Mensch von Kind an erlebt hat, nie erlebt habe und das auch nicht mehr wiederkommt. Aber ich kann durch all das Erlebte auch den Sachen, die ich jetzt erleben darf, viel mehr Wertschätzung entgegenbringen als Leute, für die das normal ist.

Hast Du zu Deiner Familie noch Kontakt?

Meine Mutter ist noch Zeugin Jehovas, zu ihr habe ich seit rund sieben Jahren keinen Kontakt mehr. Mein Vater ist ja aus der Gemeinde ausgeschlossen und zu ihm habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Außer ein paar Leuten, die ebenfalls ausgestiegen sind, habe ich mir aber einen komplett neuen Freundeskreis aufbauen müssen.

Sophie Jones: „Erlöse mich von dem Bösen Meine Kindheit im Dienste der Zeugen Jehovas“ Lübbe Verlag, ISBN: 978-3-431-05016-5, Kosten:18 Euro

Bist Du heute noch gläubig?

Ich glaube schon, dass es eine höhere Macht gibt, die alles ins Gleichgewicht bringt. Ähnlich wie Karma oder der biblische Spruch „was man säht, wird man ernten“. Aber ich kann mir das nicht als Gott vorstellen. Ich will mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass es im Himmel einen Typen gibt, der über die ganze Erde herrscht und sich sagt „heute möchte ich, dass Sophie einen schlechten Tag hat!“ Eine höhere Macht gibt es bestimmt, aber ich glaube, der Mensch sollte auch gar nicht verstehen, was dahintersteckt.