Thilo Mischke: „Ich bin bereit, Risiken für meine Storys einzugehen“

Thilo Mischke ist vielen von Euch vielleicht durch sein "Galileo"-Format "Uncovered" bekannt. Seit dem 1. März 2022 ist nun sein Buch "Alles muss raus" auf dem Markt. © Florian Baumgarten
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Afghanistan, der Irak oder jüngst die Ukraine – alles Orte, die von den Allermeisten mit Krieg und Gefahren in Verbindung gebracht werden. Thilo Mischke berichtet u. a. in seinem „Galileo“-Format „Uncovered“ von den Orten auf der Welt, wo die wenigsten von uns gerne sein würde. Viele dieser Erlebnisse hat er in seinem neuen Buch „Alles muss raus – Notizen vom Rand der Welt“ festgehalten. Ein Gespräch über die tägliche Arbeit eines Extremreporters, den Umgang mit dem Tod und das optimale Reisegepäck.

Thilo, in Deinem Buch beschreibst Du Deine verschiedenen Reisen, die teils durch beeindruckende wie dramatische Erlebnisse geprägt sind. Wie verarbeitet man sowas?

Ich habe das große Glück als Journalist in verschiedenen Medien tätig sein zu können. Ich darf Podcast machen, darf Bücher schreiben, Artikel schreiben und Filme daraus machen. Mir ist es erst sehr spät in meinem Leben aufgefallen, dass die Art wie ich über etwas schreibe und berichte, eine Form der Verarbeitung ist. Der Konsument oder die Konsumentin nimmt teil an der Verarbeitung meiner Erlebnisse. Das ist vermutlich der Grund, warum sich das Buch anders liest als ein klassisches Kriegsberichterstatter-Buch.

Wie sehen bei Euch die Planungsprozesse für Themen und Reisen im Vorfeld aus?

Alles beginnt mit einer Idee – mittlerweile sind wir ein großes Team von fast zwanzig Leuten, die an einem Thema arbeiten. Oft beginnt es mit einem Wort oder Satz. Um ein Beispiel zu geben: Im Freundeskreis ist die Serie „Euphoria“ sehr beliebt und alle schauen sie. In der Serie geht es um die Generation Z. Vor kurzem saß ich mit einer Kollegin im Büro und wir sprachen darüber, was die Generation Z ausmacht und wer sie ist. Nun arbeiten wir aktuell daran, wie wir dieses Thema spannend erzählen können. Das ist der erste Schritt.

Wenn wir diese Idee aufgeschrieben haben, stellen wir sie meist dem Sender vor, die uns da sehr vertrauen. Dann geht die Suche nach Ansprechpartnern los und im Anschluss der organisatorische Teil: Kalkulationen erstellen, Termine im Ausland vereinbaren. Daran hängt meist eine lange Folgekette: Mietwagen, Beantragung von Visa. Das muss alles geklärt sein, damit es vor Ort reibungslos läuft.

Du lernst häufig Menschen kennen, die schwere Schicksale mitbringen. Ein Beispiel ist die Geschichte von Gabi und ihrem Enkel Lukas. Lukas ist als Terrorist nach Syrien gezogen und sitzt im Gefängnis. Gabi durfte ihn nach sieben Jahren wiedersehen – ein emotionales Aufeinandertreffen. Wie schaffst Du es, Dich von solchen Schicksalen abzugrenzen?

Das kann man nicht ausblenden. Das ist der Preis, den ich bezahle, wenn ich solche Recherchen mache und das werde ich vermutlich auch nie wieder los. Möglicherweise könnte eine Therapie helfen, aber in dem Moment hat auch das Buch geholfen und, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe.

Auf über 200 Seiten verarbeitet Thilo Mischke einen Teil seiner beruflichen Erlebnisse der vergangenen Jahre. © Droemer Knaur Verlag

Ich habe in dem Moment viel verstanden, dass es sich nicht um eine Religion, sondern um eine Ideologie handelt und was es für eine Oma bedeutet, wenn sie ihren Enkel wiedersieht. Das ist ein Trauma, dessen bin ich mir bewusst, und das ist das Berufsrisiko. Dieses Risiko bin ich bereit einzugehen, um solche Geschichten erzählen zu können.

Wünscht Du Dir manchmal vielleicht, nicht der Reporter zu sein, der ständig um sein Leben fürchten muss?

Das denke ich immer dann, wenn es mir wirklich schlecht geht. Wenn ich gar keine Kraft mehr besitze, möchte ich alles hinschmeißen und habe keine Lust mehr – aber so geht es jedem in jedem Beruf. Jeder kann seinen Beruf blöd finden oder ihn lieben. Ich finde meinen Beruf nie schlecht, es ist nur hart wie sehr er mich manchmal erschöpft.

Es ist eine schwer zu vergleichende Erschöpfung. Es ist nicht der Redakteur, der durch Deadlines den Druck hat, pünktlich fertig zu werden. Zum Ende des Jahres lastet meist ein hohes Gewicht auf meinen Schultern, sodass ich einfach nicht mehr kann. Dann stelle ich mir die Frage, ob ich das Richtige tue. Wenn ich eine kurze Pause hatte, weiß ich aber wieder, dass es der einzige Beruf ist, den ich in meinem Leben je ausüben wollte.

Du schreibst in Deinem Buch, dass Du mit 37 Jahren im Irak so richtig erwachsen geworden bist. Du hast dort junge Mädchen gesehen, die als Soldatinnen kämpfen und Schusswechsel hautnah miterlebt. Wie hat sich Dein Verhältnis zum Tod geändert?

Ich habe das gleiche Verhältnis zum Tod wie viele Mitteleuropäer. Der große Unterschied ist, dass ich in sehr vielen Regionen der Welt gesehen habe, wie normal das unnatürliche Sterben sein kann. Für uns ist es nicht normal und eine Katastrophe, wenn Menschen in Berlin auf dem Breitscheidplatz in einem terroristischen Akt sterben.

Der Tod ist die Erlösung, der Weg dorthin ist die Grausamkeit für viele Menschen. Ich würde behaupten, ich habe aufgehört, mich vor dem Tod zu fürchten, weil ich gelernt habe, dass es dann vorbei ist. Egal ob man ein schlechter oder guter Mensch ist, im Tod sind wir uns alle einig.

Ein Satz in Deinem Buch ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es geht an diese Stelle um Deinen Vater: „Das Leben ist wie ein Bergwerk, wir bauen darin ab, holen die Kohle aus den Tiefen unserer menschlichen Substanz, wandeln sie in Energie und nennen das, was wir mit ihr erzeugen, Karriere, Familie, Glück.“ Wie sieht Dein Bergwerk aus?

Ich baue gut in meinem Bergwerk ab und es werden viele Kohlen für das lodernde Feuer – was ich Journalismus nenne – nach oben gefördert. Bei mir läuft das Bergwerk gut, es gibt eine Gewerkschaft und die Menschen die in meinem Bergwerk arbeiten sind glücklich. Es ist trotzdem nur ein begrenzter Platz und Vorrat vorhanden, das wollte ich mit diesem Bild ausdrücken und so etwas darf man nicht vergessen.

Gibt es Themen, über die Du nicht berichten würdest?

Nein. Für mich ist wichtig, dass es Relevanz besitzt. Es gibt vielmehr Dinge, für die ich mich nicht interessiere. Ich wollte zum Beispiel nie Sportjournalist sein.

Du bist immer viel unterwegs. Welche Gegenstände trägst Du auf Reisen immer bei Dir?

Du brauchst immer genau zwei Dinge: Deinen Reisepass und Deine Kreditkarte. Mit diesen zwei Dingen kannst Du um die ganze Welt reisen und brauchst nichts mehr. Generell reise ich immer nur mit Handgepäck. Es macht freier und man ist immer der erste, der den Flughafen verlässt.