Im Gespräch mit Scenario

Tom Odell im Interview: „Weltuntergangsgedanken gehören zu mir“

Der Titel von Tom Odells neuestem Album spricht für sich: Mit „Monsters“ meint der Singer-Songwriter seine Depression und seine Panikattacken. Die hat er in den 16 neuen Songs verarbeitet.
Den meisten unter Euch dürfte Tom Odell durch seinen Song "Another Love" bekannt sein, der aktuell durch TikTok wieder in den Charts landete. © Sophie Green

Der englische Popsänger Tom Odell, vor neun Jahren mit „Another Love“ weltberühmt geworden, hat eine harte Zeit hinter sich. An Angst und Panikattacken leidend, ging für den 30-Jährigen eine Weile gar nichts mehr. Bis er sich mit den neuen Songs seines vierten Albums „Monsters“ am eigenen Schopf aus der Misere zog. Wir haben mit ihm gesprochen.

Tom, man kannte Dich bisher als den Fachmann für Pianoballaden mit einer großen Affinität für die Musik der 70er und für Kollegen wie Elton John oder Billy Joel. Wie kam es zu der Entwicklung hin zu einer stärker elektronisch ausgerichteten Platte?

Mein vorheriges Album „Jubilee Road“ stand ganz in der Tradition der von dir angesprochenen Singer-Songwriter, die ich sehr verehre. Doch jetzt war es mir wichtig, meine Einflüsse ein Stück weit loszulassen und noch mehr auf meine eigene Inspiration zu vertrauen. Ich habe mich ganz bewusst vor eine weiße Leinwand gesetzt und geguckt, was passierte.

Und?

Als erstes schrieb ich „Numb“, den Song, der auch das Album eröffnet. Er beginnt mit der Zeile „I hold my hand over the flame to see if I can feel some pain“ („Ich halte meine Hand über die Flamme, um zu sehen, ob ich den Schmerz spüre“). Ich fand es interessant, aus einem Zustand der totalen Apathie heraus zu beginnen und zu schauen, wo mich das alles hinführt. An „Numb“ habe ich insgesamt Monate gearbeitet, mir den Song wieder und wieder vorgeknöpft und kleinste Nuancen verändert.

Du hast seit einigen Jahren mit Panikattacken zu kämpfen. Entwickelte sich die Krankheit plötzlich oder schleichend?

Die körperlichen Attacken fingen abrupt an. Aber so eine zugrundliegende Angst, die habe ich schon lange. Ein gewisser Hang zu Weltuntergangsgedanken gehört zu mir, und er manifestiert sich sehr unterschiedlich. Eine Variante ist die, dass ich sehr besessen werde von meiner Musik und einen Song 500 mal anhöre, um immer wieder noch etwas zu ändern.

Schon bei „Another Love“ war ich ewig nicht zufrieden und schlug mich ohne Ende mit dieser Produktion herum. Mein Kumpel, der den Song mit mir produzierte, wurde wirklich wütend. Nun ja, und dann geriet „Another Love“ zum Riesenerfolg und belohnte meine Angewohnheit somit noch. Das war nicht förderlich.

Hast Du mittlerweile etwas mehr loslassen können bei der Arbeit?

Ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten für dich. Aber die Antwort ist nein. „Monsters“ zu beenden war ein Horror. Meine arme Freundin hat mich ganz toll unterstützt, aber an manchen Abenden rupfte ich mir buchstäblich die Haare aus. Ein Alptraum. Zum Teil hatte ich fünfzehn fertig aufgenommene Fassungen eines Songs, weil ich mich nicht für eine entscheiden konnte.

Geht es in dem romantischen „Lose You Again“ um Deine Freundin und Dich?

Ja. Der Song kam instinktiv über mich, ohne jede Vorwarnung. Ich mag das Lied gern, weil es so angenehm unschuldig ist. Ich schrieb es sehr schnell in einem Gitarrenladen in Boston, als ich vor zwei Jahren dort auf Tour war.

Fällt es Dir leicht, offen über Deine Krankheit zu sprechen?

Nein. Aber ich weiß, dass mir das hilft. Mein Herz ist wirklich bei allen, die unter Problemen mit ihrer Psyche leiden. Ich denke, je mehr solche Promitrottel wie ich darüber sprechen, desto mehr hilft es den anderen, die im Dunkeln leiden. Diese Krankheit ist wirklich schlimm. Deinem Kopf nicht mehr vertrauen zu können, macht dich so einsam und so traurig, so verzweifelt und so allein. Jetzt darüber zu sprechen und ein Album über das Thema geschrieben zu haben, fühlt sich an wie die Befreiung aus einem Verließ.

Du singst „You are just a monster and I’m not scared“. Ist das Monster Deine Depression?

Ja. Diese existentiellen Angstattacken haben meinen Körper wahnsinnig unter Stress gesetzt. Alles in meinem Körper ruft in solchen Momenten, zu rennen und die Panik hinter sich zu lassen, aber du kannst nun einmal nicht vor dir selbst flüchten. Also musste ich lernen, mich zu überzeugen, dass die Panikgefühle irrational sind.

Der Song „Money“ hört sich erstmal recht flott und eingängig an. Aber das, was Du da singst, hat es in sich. Worum geht es?

Ich will etwas ausholen: Ich denke nicht, dass der Grund für meine mentalen Probleme in erster Linie in meiner Kindheit zu finden ist. Ich glaube eher, dass mir unsere Gesellschaft als solche zusetzt und Denkprozesse in Gang gesetzt hat, die mich angriffen haben.

Du bist selbst ein wohlhabender Mann mit einem schicken Eigenheim in London. Siehst Du Geld dennoch als die Wurzel des Übels an?

Nicht das Geld als solches, aber den Umgang mit ihm. Ich sehe, wie viel manche Menschen haben und was sie mit ihrem Reichtum anfangen, und es macht mich wütend. Nehmen wir doch nur mal Jeff Bezos. Der Mann wird jeden Tag um ein paar Milliarden reicher, und was tut er? Lässt sich ins All schießen. Das wirkt auf mich einfach lächerlich. Warum gibt er nicht ein bisschen was von seinem Geld ab und löst damit viele Probleme? Ja, der Song ist auch ein wenig übertrieben polemisch. Ja, ich lebe in einem Townhouse, das sich die meisten meiner Freunde nicht leisten könnten. Aber deshalb kann ich die Welt doch trotzdem beängstigend ungerecht finden.

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