Im Gespräch mit Scenario

Twenty One Pilots im Interview über „Scaled And Icy“ & ihre Musik-Ehe

Mit ihrer neuen Platte wollen die Twenty One Pilots wieder gute Laune verbreiten und ihren Fans und Zuhörern eine Pause vom Negativen gönnen. Das hat Drummer Josh im Gespräch verraten.
Tyler (l.) und Josh mussten ihre neueste Platte pandemie-bedingt zum ersten Mal in getrennten Studios aufnehmen. © Mason Castillo

„Scaled And Icy“ heißt das neue Werk von Tyler Joseph und Josh Dun, den etwas schrulligen Electro-Pop-Nerds von Twenty One Pilots, die mit ihrem Album „Blurryface“ 2015 zur Verblüffung vieler zu richtigen Grammy-dekorierten Weltstars wurden. Wir unterhielten uns mit Schlagzeuger Dun im Videogespräch über die neuen Songs, die erheblich heller und heiterer klingen als bislang von dem Duo gewohnt und die so richtig Bock machen auf einen unbeschwerten Sommer.

„Scaled And Icy“ ist ein sehr sonniges und optimistisch klingendes Album. Euer Beitrag zum Neustart der Welt?

Ja! Wir wollten den Leuten eine Pause von den schlechten Nachrichten ermöglichen und eine Form von Glück erschaffen. Als wir die neuen Lieder schrieben, sah die politische Situation in unserem Land noch grundlegend anders aus als jetzt. Tyler und ich, aber auch viele unserer Freunde, waren einfach fertig mit den Nerven. Und so entschlossen wir uns, den Ton der neuen Stücke bewusst etwas anders zu halten als auf unseren früheren Alben.

Und mit Songs wie „Saturday“, „Shy Away“ oder dem an „Friday I’m In Love“ von The Cure erinnernden „Formidable“ aufs emotionale Gaspedal zu drücken?

Genau. Wir wollten so viel Hoffnung verbreiten, wie wir können, das Trennende und Isolierende überwinden und das Gemeinsame stärken. Unsere Musik hat uns, aber auch den Fans, immer schon durch harte Zeiten geholfen. Warum sollte das dieses Mal anders sein? Ich denke, die helleren Songs passen sehr gut zur allgemeinen Aufbruchstimmung gerade.

Wisst Ihr vorher, welche Eurer Songs Hits werden?

Das wäre toll, aber leider ist dem nicht so. „Stressed Out“, unser nach so ziemlich allen Maßstäben bislang größter Erfolg, war für uns auch nur ein weiterer Song vom „Blurryface“-Album. Der stach aus unserer Sicht nicht weiter raus oder fühlte sich einzigartig an. Aber die Menschen haben ihn für sich entdeckt und liebgewonnen. Jedenfalls viele. Es gibt ja immer auch Leute, denen die Zehennägel einwachsen, wenn sie unsere Musik hören.

Ihr habt das Album größtenteils in Euren jeweiligen Heimstudios, räumlich distanziert voneinander, aufgenommen. War das schwierig?

Es war ungewohnt. Am Anfang ein bisschen schräg. Tyler und ich, wir leben ja fast schon zusammen wie ein Paar, total symbiotisch. Jetzt mussten wir uns Techniken aneignen, mit denen wir separat arbeiten konnten. Aber da sind wir ja nicht die einzigen. Kaum jemand wusste vor achtzehn Monaten zum Beispiel was Zoom ist. Wir waren immer schon kleine Erfinder im Studio, aber nun haben wir nochmal einen Sprung gemacht, was unseren Forscherdrang angeht.

Die Partnerschaft mit Tyler ist das eine, aber wie lief es denn in Deiner Ehe? Viele Paare gingen sich in der Pandemie fürchterlich auf den Wecker, andere wuchsen noch enger zusammen.

Tja, ich bin ein Mann, der in zwei Zweierbeziehungen lebt (lacht). Während ich mit Tyler eine Fernbeziehung führte, sah ich meine Frau Debbie praktisch die ganze Zeit. Und ehrlich, wir haben das genossen. Das Jahr war ein Segen für uns. Wir hatten an Silvester 2019 geheiratet, kurz bevor das Chaos ausbrach. Wir hatten anderthalb Jahre Flitterwochen – und lieben uns noch immer abgöttisch.

Eure Lieder, Josh, klingen immer so angenehm vertraut, obwohl sie neu sind. Wie macht Ihr das?

Unsere Musikschule war YouTube. Es ist schwer, etwas aus dem totalen Nichts zu erschaffen. Unsere Kunst funktioniert eher so, dass wir Sounds und Ideen nehmen, die wir so ähnlich schon mal gehört haben. Nur, dass wir einen eigenen Dreh reinbringen und unser persönliches Ding daraus machen.

Stilistisch ist Euer Schaffen kaum einzuordnen: Üppige Synthie-Flächen, ein wenig Rock, Hip-Hop, Emo und viel Electro-Pop – Twenty One Pilots sind ein munterer musikalischer Gemischtwarenladen.

Aber hallo! Das ist ein Kompliment. Als ich anfing, mich für Musik zu interessieren, kam der iPod gerade auf den Markt. Ich liebte diese Form des zufälligen Auswählens meiner Lieblingsmusik, die bis heute typisch ist für unsere Welt und unsere Art, Musik zu hören. Da die Aufmerksamkeitsspannen immer kürzer werden, ist es gut für uns, unterschiedlichste Sounds und Ideen zu verkörpern.

Stimmt es, dass „Shy Away“ davon handelt, Eure oft jungen Fans zu ermutigen, ihren Weg im Leben zu finden?

Ja. Seit Tyler und ich verheiratet und in einigen Aspekten im Leben angekommen sind, ist es uns noch wichtiger geworden, ein bisschen von unserer Lebenserfahrung weiterzugeben, zum einen an unsere jüngeren Geschwister, aber auch an all die anderen Menschen, die versuchen, durch dieses knifflige Faszinosum zu navigieren, das sich Leben nennt.

Was sind denn Eure Weisheiten?

Das Leben ist nicht unbeschwert. Manchmal ist es ein richtiger Kampf. Doch es ist so wertvoll und so schön, dass es sich lohnt, den Herausforderungen und Nackenschlägen entgegenzuwerfen. Nicht zu resignieren. Man kann in allem das Dunkle sehen. Oder aber man entscheidet sich für die Zuversicht.

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