Buch-Tipp

„Vox“: Eine feministische Dystopie, die nicht richtig überzeugen kann

In Christina Dalchers Roman „Vox“ sind Frauen wieder vollends unmündig und unselbstständig. Doch was passiert, wenn eine dieser Frauen, das Staatsoberhaupt retten könnte?
Der Roman "Vox" ist frisch in Karos Bücherregal gewandert. © Karo Jankowski

100 Wörter am Tag, mehr dürfen Frauen nicht sprechen. Das sind etwa zwei Tweets. Und wenn doch, werden sie pro Wort mit einem Elektroschock bestraft, der aus dem misogynen Accessoire kommt, das dekorativ an ihrem Handgelenk prangt.

Zudem dürfen sie nicht arbeiten, selbstständig ihre Finanzen regeln, die Post öffnen oder in irgendeiner Form hedonistischer Bedürfnisse nachgehen. Was klingt, wie die Schnittmenge zwischen Ära Adenauer und Polen in zwei Jahren ist das Setting des Romans „Vox“ von Christina Dalcher.

Ein Präsident ohne Sprache und eine Unmündige mit Heilmittel

Jean ist promovierte Neurolinguistin und lebt in dem Amerika, von dem Donald Trump schon so lange träumt. Frauen werden buchstäblich entmündigt, Männer unter Aufsagung perverser theokratischer Credos – ebenfalls buchstäblich – vergöttert.

Ironischerweise erleidet Rädelsführer und Präsident Bob Myers einen Unfall, der sein Sprachzentrum zerstört. Wie günstig, dass Jean vor dem Raub ihrer Rechte an einem Serum arbeitete, das Sprachzentren nach solchen Unfällen wieder repariert. Ein dramaturgisch raffinierter Zufall.

Auf 400 Seiten entwickelt Autorin Christina Dalcher die feministische Dystopie, in der ihre Protagonistin Jean zu leben lernen muss. © Fischer Verlag

Die Handlung ist insgesamt ein wenig umständlich inszeniert und das Buch nicht sonderlich leidenschaftlich übersetzt worden. Oftmals muss man Sachverhalte einfach hinnehmen, ohne dessen Herleitung geboten zu bekommen.

Man kann nicht sagen, dass ich das Buch nicht gern gelesen habe. Ich habe es schließlich in wenigen kleinen Rutschen beendet und ich bin nicht böse um die aufgewendete Zeit. Es hat mich dennoch etwas ratlos zurückgelassen.

Viele offene Fragen nach Beenden der Lektüre

Ich habe Fragen – allen voran: Cui bono? (Direkt danach: „Wieso ist das Gewicht des Amazonen-Archetypus, der eindeutig an Janis Joplin angelehnt ist, so wichtig, dass es mehrfach betont wird?“ Feminismus, Galore!). Sozialkritik schön und gut, aber dafür schreit es bedeutend zu leise in den Gehörgang des Patriarchats.

Zum reinen Zeitvertreib völlig in Ordnung, da okaye Botschaft. Dafür schnarchiger Stil und wenig Chuzpe. Bisschen als hätte im Writers Room von „In aller Freundschaft“ jemand gesagt „Wir brauchen mal ein bisschen mehr Black Mirror“.

Einzig und allein Sohnemann Steven weist einen soliden Character Arc auf, der an den eigenen Emotionen kitzelt.

Christina Dalcher: „VOX“
Fischer Verlag, 400 Seiten,

ISBN: 978-3-596-70451-4, 12 Euro (Taschenbuch)

Science-Fiction, feministische Gesellschaftskritik und Familiendrama sind drei Themen, die mit der notwendigen Finesse eine erstklassige Melange ergeben können.

„Vox“ ist da eher der Raststättenkaffee unter den dystopischen Heißgetränken. Was gar nicht so fürchterlich absolut gemeint ist, wie es klingen mag. Die beste Begleitung für eine Apokalypse ist schließlich der gute, alte Filterkaffee. Fragt mal Micky Beisenherz.

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