Persönliches

Wie einem die Bombenentschärfung den Tag versaut

Man hört oft, dass Wohngebiete wegen Entschärfungen evakuiert werden. Annika ist bisher immer daran vorbeigeschrappt. Doch nun war sie direkt betroffen, obwohl sie doch so viel vorhatte.
Beim Blick aus dem Fenster auf die eintreffenden Einsatzkräfte war Annika klar, dass sie dieses Mal nicht um eine Evakuierung herumkommt. © picture alliance/dpa

Direkt im Herzen einer großen Stadt zu wohnen, gefällt mir richtig gut. Alles, was ich brauche, ist in der Regel fußläufig erreichbar – Banken, Ärzte, Restaurants, ÖPNV und vieles mehr – und gegen die Lautstärke, die sich hier manchmal abspielen kann, bin ich schon immun.

Eines nervt aber ein bisschen: Das Herz einer Stadt war leider früher auch gerne mal das Ziel eines Alliierten-Bombenangriffs. Da waren scheinbar auch einige Blindgänger dabei, die jetzt nach und nach zu Tage treten.

Erschreckend, wie oft man unwissend durch die Stadt lief

Ich meine, es vergeht ja kaum ein Tag, ohne dass man von einer Evakuierung hört und sich freut, dass man nicht davon betroffen ist. Bis zu dem Moment, wo man dann doch betroffen ist.

Vor drei Jahren gab es schon mal eine ähnliche Situation. Da wurde in der Einkaufsstraße eine Kriegsbombe bei Bauarbeiten für meinen Geschmack erschreckend nah unter der Bodenoberfläche gefunden. Erschreckend vor allem wenn man bedenkt, wie viele Jahre lang super viele Menschen – unter anderem auch ich – tagein tagaus drüber gelatscht sind, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben.

An meinem damaligen Zimmer fuhren die Evakuierungsfahrzeuge vorbei und ich hab das Radio eingeschaltet, um weitere Infos zu bekommen. Als das Sperrgebiet veröffentlicht wurde, hatte ich Glück. Ich bin in meiner WG knapp außerhalb des Evakuierungsgebiets gewesen. So konnte ich mich entspannt zu Hause zurücklehnen und das Spektakel bei Twitter verfolgen.

Evakuierung und Pandemie passen schlecht zusammen

Dieses Mal habe ich die Nachricht über Freunde erhalten und wollte grade auf die Karte des Sperrgebiets schauen, als ich aus meinem Wohnzimmerfenster heraus ein großes Aufgebot an Fahrzeugen von der Kampfmittelbeseitigung gesehen habe.

Tja, die Frage, ob ich im Sperrgebiet wohne, hat sich damit erledigt. Die Bombe lag keine 100 Meter Luftlinie von meiner Wohnung weg. Und nun die große Frage: wohin? Eine Evakuierung ist schon zu normalen Zeiten keine einfache Sache, denke ich jetzt mal, ohne Erfahrung zu haben.

Doch wenn dann auch noch Corona dazu kommt und gefühlt 20 Altenheime, die in diesem Bezirk liegen, dann wird das schon mal eine ganz delikate Angelegenheit. Mit meinem Grundvertrauen in das Gute im Leben wollte ich den Beginn der Evakuierung eigentlich ein Stück weit hinauszögern – ich wusste schließlich nicht, wie lange ich nicht in meine Wohnung zurückkehren konnte.

Zum Glück gibt es Freunde

Doch mein Freund fühlte sich mit der Zehn-Zentner-Bombe im Hinterhof irgendwie nicht mehr ganz so wohl und wollte direkt aufbrechen – nicht in eine der Notunterkünfte, sondern zu einem Freund, der uns großzügigerweise seine Wohnung überlassen hat, um zu arbeiten und notfalls auch dort zu schlafen.

Wiederwillig die Arbeit ruhen lassen

Ich habe mich breitschlagen lassen und wir sind direkt aufgebrochen. Vermutlich auch vernünftig so, um den Rettungskräften bei der Evakuierung zu helfen, aber ich hatte doch noch so viel zu tun. Mal wieder ein gutes Beispiel dafür, wie Deutsch man sein kann. Ich habe mich tatsächlich darüber geärgert, dass eine BOMBE meinen ARBEITSALLTAG durcheinander gebracht hat – obwohl sie die Macht gehabt hätte, noch weit mehr als nur meine Arbeit durcheinander zu bringen.

Gedanken an weitere Evakuierungen vorerst verdrängen

Zum Glück ist alles gut gegangen und wir konnten unbeschadet in unsere Wohnung noch VOR der Ausgangssperre zurückkehren. Ich ziehe meinen Hut vor den ganzen Rettungskräften und vor denen, die ebenfalls beteiligt waren. Und versuche den Gedanken daran, dass wahrscheinlich noch ein paar mehr Bomben in unserer Nähe liegen, zu verdrängen.

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