Wilhelmine im Interview: „Die Antwort steckt in uns selbst“

In ihren Songs zeigt sich Wilhelmine meist von einer sehr persönlichen, intimen Seite. So machte sie in ihrer ersten Single "Meine Liebe" gleich ihr Coming-Out zum Thema. © Annika Gerhard
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Die Berliner Singer-Songwriterin Wilhelmine ist gleich mal mit einer neuen Single ins Jahr gestartet – „besonders“. Worum es im Song geht, wie sie im Schulkind-Alter zur Musik fand und wie sie das Thema Selbstfindung definiert, hat uns Wilhelmine im Interview verraten. Per Videocall stand sie uns in der Sonne Kaliforniens Rede und Antwort.

Wilhelmine, kannst Du kurz erklären, worum es in Deiner neuen Single „Besonders“ geht?

„Besonders“ ist nach einer euphorischen Sommerwelle entstanden, bei der ich davon ausgegangen bin, dass wir die Pandemie hinter uns lassen. Es beschreibt eine Kennenlernphase, in der man noch nicht genau einordnen kann, ob sie für immer bleibt. Man weiß aber, dass es sich besonders anfühlt, da es etwas in jemandem auslöst. Es ist die Zeit, in der man noch nicht weiß, was als nächstes kommt.

Du hast schon im Kindesalter angefangen, Musik zu machen. 2018 ist Deine erste Single erschienen. Wie bist Du zur Musik gekommen?

Der Auslöser war eine Situation im Musikunterricht mit meinem damaligen Lehrer. Er nutzte während des Unterrichts ein Headset, sodass wir ihn immer gehört haben, wenn er gesungen hat. An dem Tag hatte er ein zweites Headset und er fragte in die Klasse, ob es jemanden gibt, der mit ihm mitsingen möchte.

Ich saß in seiner Reichweite und er hat mir das Headset einfach aufgesetzt. In diesem Moment haben mich zum ersten Mal mehrere Menschen singen hören. Zu dem Zeitpunkt war ich elf Jahre alt.

Im Anschluss bin ich in mehrere Schulbands und Musikprojekte der Schule gegangen, habe beim Abschluss gesungen und bin mit meiner ersten Band von Bühne zu Bühne gezogen. Am Anfang habe ich viele Coversongs gesungen, und irgendwann wollte ich dann über meine eigenen Geschichten sprechen.

Welche musikalischen Vorbilder hattest Du in Deiner Anfangszeit?

Ich nehme Maggie Rogers gerne als musikalisches Vorbild, weil das Thema Leichtigkeit in der Melodiefindung von ihr so perfektioniert wurde, dass ich es gerne als Vorbild nehme. Sie schafft mit ihren Songs eine Melodienwelt, bei der sie mich egal um welches Thema es geht, komplett abholt. Im deutschsprachigen Bereich gefällt mir Madeline Juno sehr. Sie ist sehr inspirierend und ich höre ihr neues Album zur Zeit rauf und runter.

Du wärst gerade eigentlich auf Headliner-Tour – wie sehr schmerzt es, dass die Livekonzerte doch noch warten müssen?

Ich glaube, wenn ich jetzt aktuell in Deutschland wäre und meine Tour erneut verschieben müsste, wäre ich sehr traurig. Aus diesem Grund habe ich bewusst die Entscheidung gefällt, den Winter in der Sonne zu sein. Ich vermisse die Bühnen unendlich, aber ich versuche mir auch vor Augen zu führen, dass die gesamte Veranstaltungsbranche leidet und es kein Einzelschicksal ist. Es gibt Menschen, die es viel härter trifft.

Welche drei Wörter beschreiben Dich und Deine Musik am besten?

Authentisch, lebendig und leicht.

Du sprichst in Deiner Musik über Themen wie z.B. Diskriminierung, gleichgeschlechtliche Liebe oder Selbstfindung. Wird Deiner Meinung nach noch zu wenig über solche Themen gesprochen?

Ich glaube, es wird generell zu wenig darüber gesprochen, dass ein Mensch meist die Antwort in sich selbst findet, wenn es um Selbstakzeptanz und Selbstliebe geht. Ich finde, es wird zu wenig darüber gesprochen, dass es ganz viele Antworten gibt, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt.

Man ist immer auf der Suche nach Veränderungen, die man mit Faktoren von außen begründen kann. Ein Ziel meiner Musik ist es, einen Raum zu geben, der zeigt, dass Veränderungen im Inneren eines jeden Einzelnen beginnen. Musik regt zum Denken an und dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Deine Songs sind alle sehr ehrlich und persönlich. In deiner ersten Single „Meine Liebe“ ging es beispielsweise um Dein Coming-Out. Kostet es Dich Überwindung, Dich so offen und teils ja auch verletzlich in Deinen Songs zu zeigen?

Ich habe das ehrlicherweise nicht einkategorisiert. Mir hilft es nicht, wenn ich einen Song schreibe, darüber nachzudenken, dass diesen mehrere Millionen Leute hören könnten.

Ich schließe erst den inneren Schaffungsprozess ab und habe für mich entschieden, dass es keinen anderen Weg geben soll, als über mich und meine Geschichte zu berichten. Dementsprechend handle ich auch und versuche, alles andere auszublenden. Wenn ich im Umgang mit einer Thematik mit mir selbst zufrieden bin, kann es auch die Öffentlichkeit so wahrnehmen.

Ein Song, den vermutlich viele von Dir durch die sozialen Netzwerke kennen, ist „Eins sein“. Wie war das für Dich, als Du gemerkt hast, dass immer mehr Menschen auf Deine Musik aufmerksam wurden?

Es ist total abgefahren, wenn Leute mir schreiben, dass sie das Lied auf der Hochzeit oder zu anderen Anlässen hören. Ich finde es schön, dass Musik so etwas kann – Lieder, die mir etwas bedeuten, Menschen in anderen Situationen auch berühren.