Schalke 04

Ein anderer Weg: Kein Schalke-Profi geworden, aber immer Fan geblieben

Rudolf Schonhoff hat zwei Bundesliga-Spiele für Schalke absolviert, die Profi-Karriere winkte. Doch Schonhoff entschied sich anders - über diesen „anderen Weg“ hat er ein Buch geschrieben.
„Bürgerlicher Beruf“ statt Fußball-Profi: Rudolf Schonhoff, zweifacher Schalker Bundesliga-Spieler, ging „den anderen Weg“ - und hat darüber nun ein Buch geschrieben. © privat

Ehre, wem Ehre gebührt. Also hat auch Rudolf Schonhoff seinen eigenen Wikipedia-Eintrag, in dem der Grund dafür kurz und knapp beschrieben steht: „Rudolf Schonhoff, geboren 1. September 1951, ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler. Der Abwehrspieler hat in der Saison 1975/76 beim FC Schalke 04 zwei Spiele in der Fußball-Bundesliga absolviert.“

„Nicht eine Sekunde bereut“

Es hätten wohl mehr werden können als die Einsätze gegen den MSV Duisburg und bei Eintracht Braunschweig. Aber der gebürtige Emsländer verzichtete im Prinzip freiwillig auf die große Fußball-Karriere, anstatt des möglicherweise kurzen Ruhms und des großen Geldes entschied er sich für einen „bürgerlichen Beruf“ und machte seinen ebenfalls erfolgreichen Weg als Kaufmann in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft. Klingt auch gut, aber natürlich nicht so aufregend wie das schillernde Leben eine Profi-Kickers. Aber man kann nachbohren, wie man will, über Schonhoffs Lippen kommt nicht ein Wort des Bedauerns, die Profi-Chance nicht ergriffen zu haben: „Nicht eine Sekunde“, so der in Gladbeck wohnende Schonhoff, habe er seine Entscheidung bereut.

Von Berni Klodt „entdeckt“

Das ist natürlich schwer nachzuvollziehen in einer Zeit, in der junge Fußballer schön möglichst früh in Leistungszentren untergebracht werden, die ja im Prinzip nichts andere als Ausbildungsstätten für potenzielle Fußball-Profis sind. Als Schonhoff mit seinen Freunden aus reinem Spaß an der Freud hinter dem runten Leder herjagte, gab es noch keine Nachwuchs-Leistungszentren, keine Jugend-Akademien, keine am Reißbrett entworfenen Pläne für möglichst junge Karriere-Durchstartet.

Nachdem Rudolf Schonhoff mit seiner Familie im Ruhrgebiet gelandet war, wurde auf Bolzplätzen und Hinterhöfen gekickt, es war die Zeit der Straßenfußballer. Irgendwann sah Berni Klodt, Kapitän der letzten Schalker Meistermannschaft von 1958, den jungen Rudolf spielen und brachte ihn in der Schalker Jugend unter, wo Klodt mittlerweile engagiert tätig war.

„War das wirklich so damals?“

Schonhoff, damals wie heute Schalke-Fan durch und durch, spielte in den Amateuren, als ihn wegen Personalmangels bei den Profis der Ruf „von oben“ ereilte. Die Geschichten, die Rudolf Schonhoff darüber zu erzählen hat, klingen wie aus einer anderen Welt. Alles irgendwie nahbarer, alles noch ein Stückchen bodenständiger, und irgendwie auch alles ein bisschen menschlicher. Und wenn Schonhoff im Laufe der Jahre darüber erzählte, machte er die Erfahrung, „dass vor allem junge Leute aus dem Staunen gar nicht mehr herauskamen und mich gefragt haben: War das wirklich alles so damals?“

Ja, war es. In Rudolf Schonhoff reifte der Gedanke, darüber mal ein Buch zu schreiben. Auch um den jungen Leuten zu zeigen, dass das Glück der Welt nicht unbedingt nur in der großen Profi-Karriere liegen kann. So wie bei Rudolf Schonhoff, der „den anderen Weg“ gegangen ist.

Zeitreise ohne erhobenen Zeigefinger

Auf 273 Seiten beschreibt Schonhoff diesen anderen Weg, es ist im Prinzip eine Zeitreise, die in Wort und Bild vor allem in die 70-er Jahre entführt. Diese Zeitreise kommt ohne erhobenen Zeigefinger daher und ist vor alem auch eins: Eine Liebeserklärung an den Fußball, vor allem an den FC Schalke 04. In guten wie in schlechten Zeiten. Schonhoff kam seinen Idolen ganz nah, war plötzlich mittendrin.

Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann, Aki Lütkebohmert, Klaus Fischer, Norbert Nigbur, die Kremers-Zwillinge, Rüdiger Abramczik, den er noch aus der Jugend kannte – unter den Trainern Max Merkel und Friedel Rausch wurde Schonhoff zum „Profikumpel“, wie ihn sein damaliger Mitspieler Norbert Elgert später einmal nannte. Die Verbindung beispielsweise zu Klaus Fichtel oder Elgert ist immer geblieben – Schalkes international anerkannter A-Juniorentrainer schrieb das Vorwort zu Schonhoffs Buch, ein anderes Vorwort verfasste Knappenschmiede-Gründer Bodo Menze.

Fähigkeiten richtig eingeschätzt

Eine recht rationale Denkweise ließ in Schonhoff den Entschluss reifen, auf die Profi-Karriere zu verzichten – die Möglichkeit dazu hätte es auch auf Schalke gegeben, denn wenn Schonhoff, ob nun bei seinen zwei Bundesliga-Einsätzen oder bei internationalen Turnieren oder Freundschaftsspielen (einmal sogar im direkten Duell mit Österreichs Sturm-Legende Hans Krankl), bei den Profis eingesetzt wurde, war auf ihn Verlass. „Aber ich wusste meine Fähigkeiten immer einzuschätzen“, gibt Schonhoff zu, dass es bei einem ja stets ambitionierten Klub wie Schalke möglicherweise nicht nachhaltig gereicht hätte. „Und ich wollte eigentlich nur für Schalke spielen. Mein damaliger Mitspieler Wolfgang Reichel ging von Schalke zum KSV Baunatal – so etwas wollte ich nicht machen.“

Es muss, erinnert sich Schonhoff, wohl auch mal ein Angebot des damaligen Zweit-Bundesligisten Wattenscheid 09 gegeben haben. Schonhoff schmunzelt: „Aber das habe ich erst hinterher von Charly Neumann erfahren, fast beiläufig. Man hatte mir von dem Angebot gar nichts gesagt, weil man wohl der Meinung war, ich wolle ohnehin nur für Schalke spielen…“ Das war ja im Prinzip auch richtig. Schonhoff blieb noch bis 1979 bei den Amateuren, blieb dem Fußball aber treu und wechselte zum B-Ligisten TSV Feldhausen.

Faible für „harte Hunde“

Schonhoffs Buch wimmelt nicht von Mahnungen, dass früher alles besser war, es war halt anders. Aber der Autor lässt eine gewisse Skepsis gegenüber einigen Entwicklungen im aktuellen Fußball-Geschäft schon durchblicken – und auch eine gewisse Sympathie für Trainer-Typen, die meistens mit einem negativen Zungenschlag versehen als „harte Hunde“ bezeichnet werden. Ob nun ein Max Merkel, den Schonhoff als Aktiver selbst erlebt hat, oder später ein Felix Magath, den Rudolf Schonhoff als Schalke-Fan beobachtet hat – eine gewisse Autorität, daraus macht er auch aus seiner eigenen Berufs-Erfahrung keinen Hehl, kann zumindest nicht schaden: „In der Fußball-Bundesliga ist sie unabdingar“, schreibt Schonhoff in einem eigenen Kapitel über Magath.

So schafft Schonhoff mit seinem Buch auch den Sprung in die jüngere Vergangenheit, in der „sein“ FC Schalke 04 immer eine große Rolle gespielt hat. Das Trauma um die 4:38-Minuten-Meisterschaft vom 19. Mai 2001 wird mit einer detaillierten Kritik an Schiedsrichter Dr. Markus Merk aufgearbeitet – was wegen der vorher erfolgten Drucklegung des Buches, an dem Schonhoff vor allem in den letzten anderthalb Jahren beinahe täglich gearbeitet hat, natürlich fehlt, ist eine aktuelle Saisonbilanz. Schonhoff blutet wie allen Schalkern das Herz wegen des Abstiegs, so richtig überraschend kommt er für ihn aber nicht: „Im Prinzip hat sich das in den letzten Jahren ja schon angedeutet. Und nun war die Fehlerkette einfach zu lang. Aber Schalke wird nicht untergehen!“

„Schalke wird nicht untergehen“

Schonhoff wird Schalke, keine Frage, treu bleiben. Obwohl, vielleicht aber auch gerade weil er „den anderen Weg“ gegangen ist. Denn so bleiben fantastische Erinnerungen an eine Zeit, in der er als Fan plötzlich ein wichtiger Teil des ganzen war und sich trotzdem nicht zu wichtig genommen und vor allem wohl stets richtig eingeschätzt hat. Wenn Rudolf Schonhoff auf dem Buch-Cover über den Fußball als „herrlichste Nebensache“ der Welt schreibt, ist das Buch selbst der Beweis, dass das keine leeren Worte sind – auch seine Erinnerungen an seine Zeit beim TSV Feldhausen sind eine Freude für jeden Fußball-Fan.

„Ein anderer Weg“ – bevor es richtig losgeht, wird in dem Buch der Dichter Jean Paul zitiert: „Die Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Es sind die Erinnerungen von Rudolf Schonhoff. Zwei Bundesliga-Spiele für den FC Schalke 04. Das ist schon was. Aber nicht alles.

Info:

Rudolf Schonhoff: „Ein anderer Weg“ (edition fischer, ISBN 978-3-86455-201-4), 273 Seiten, 29,90 Euro, www.edition-fischer.com

Aus dem Eigenerlös des Buchs wird Rudolf Schonhoff dem Internationalen Hilfsfonds e. V. und der Organisation „Brot für die Welt“ eine Spende zur Verfügung stellen.

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