Fußball

Post aus Recklinghausen: „Herr Dzsudzsák, wie bekomme ich ein Trikot“?

Trikots in Deutschland-Farben wird man während des dritten EM-Vorrundenspiels viele sehen. Aber es gibt auch Zeitgenossen, die das ungarische tragen. Mit ungewöhnlicher Vorgeschichte.
Für Lorenz Stickel (r.) und Noel Wiek schlägt während des Spiels Deutschland gegen Ungarn das Herz irgendwie für beide Teams. Auf ihre ungarische Trikots sind sie aber auf jeden Fall stolz. © Jochen Börger

Am ersten EM-Spieltag saßen sie in einer Hausbrauerei in der Recklinghäuser Innenstadt, streiften sich ihre roten Trikots über – und fühlten sich ein bisschen wie Exoten. Lorenz Stickel und Noel Wiek wollten die Begegnung „ihrer“ Ungarn gegen die Portugiesen sehen. Drum herum saßen einige Biergarten-Besucher, plauderten und hatten maximal nur ein Auge für das Spiel übrig. „Wir mussten schon die Bedienung bitten, den Fernseher mal lauter zu stellen“, lachen die beiden. Denn ja, es gibt auch im Kreis Recklinghausen Menschen, die sich für die Ungarn bei der EM interessieren.

Cousins sind „Halb-Ungaren“

Nun ist es noch nicht ganz amtlich, ob es diese beiden jungen Männer am Mittwochabend wieder in eine Kneipe verschlägt. Aber egal, wo Lorenz Stickel (19) und sein Cousin Noel (21) das letzte Vorrundenspiel der Ungarn gegen Deutschland auch verfolgen, es ist ein besonderer Fußballabend für die beiden jungen Männer. Die „Halb-Ungaren“, wie sie sich selbst bezeichnen, brennen geradezu auf das Aufeinandertreffen in München – sie haben sogar kurzzeitig ausgelotet, ob man noch an Karten kommen könne. Und die viel zitierten zwei Herzen in ihrer Brust, wenn sie heute nicht schlagen, wann dann?

„Das Team hat gut mitgehalten“

Sport war und ist ihr Leben, Fußball sowieso. Noel Wiek (21), Schalke-Fan durch und durch und aktiv beim FC 26 Erkenschwick, sieht die Kicker aus dem Land seines Vaters natürlich schon etwas in der Außenseiterrolle. „Aber die Ungarn haben in beiden Vorrundenspielen gegen Portugal und Frankreich gut mitgehalten“, sagt der Recklinghäuser Wirtschaftsinformatik-Student im zweiten Semester.

Und selbst wenn es zum Einzug in das Achtelfinale am Ende nicht reichen sollte, sei eines klar: „Die Mannschaft hat sich sehr gut verkauft, allein das 0:3 gegen Portugal hat doch nicht den Spielverlauf widergespiegelt“, analysiert Lorenz Stickel. Selbst Fußball gespielt hat der Marler in einem Verein zwar nie, dafür war ihm Tennis bei der TG Hüls immer viel zu wichtig.

Seine Sympathien gehören dem BVB. Und Ungarn sowieso: Fußballerisch gerade an Tagen wie diesen, mit Blick auf das berufliche Schaffen aber auch. Ab dem kommenden Wintersemester strebt der 19-Jährige ein Zahnmedizin-Studium an. Die Bewerbungen laufen, die ungarische Universitätsstadt Pécs gilt als eine Option.

Als Balázs Dzsudzsák Post bekam…

Doch jetzt ist erst einmal Freizeit. EM-Zeit – natürlich mit Trikot. „Dzsudzsák“ steht dort in großen Lettern geschrieben. Der Begriff steht nicht für irgendeine Sondervariante-Geheimrezeptes eines schmackhaften Gulasch aus der Puszta, sondern für Balázs Dzsudzsák, einen der bekanntesten und besten Fußballer Ungarns. Und so schwer der Name auch auszusprechen ist, so leicht und gleichzeitig auch ungewöhnlich ist die Geschichte, wie sich Noel Wiek dieses Trikot organisierte. Es begab sich im Jahr 2017, da schaute er sich mal auf Instagram etwas genauer an, was dieser Dzsudzsák alles so der Welt zu erzählen hat und wie es einem Nationalspieler in seinem Alltag bei einem Verein in Abu Dhabi so geht. „Und dann habe ich mir einfach gedacht: Schreib ihn doch mal an, wo ich ein Trikot bekommen kann, die gibt es ja in Deutschland nicht überall zu kaufen.“ Verlieren kann man bei solchen Anliegen sowieso nichts. Noel Wiek gewann.

„Schöne Grüße“ vom Nationalspieler

Zunächst passierte zwar nichts, aber wie aus dem Nichts kam eines Tages der Postbote um die Ecke und hatte das Dzsudzsák-Trikot im Gepäck. „Üdvözlettel“ stand da geschrieben – ungarisch für „schöne Grüße – von einem Mann, der schon 2019 Rekord-Nationalspieler mit 108 Einsätzen wurde. Das ist ein bisschen so, als ob man in Deutschland die virtuelle Welt von Lothar Matthäus durchforstet und der dann in einem Anflug an guter Laune ein Päckchen losschickt. Kann funktionieren, weiß man aber nicht.

Außer bei Dzsudzsák…

Lesen Sie jetzt