Fußball

Was schaffen „Jogis Jungs?“ – so analysieren Experten die EM-Lage

Jetzt wird es ernst mit dem ersten EM-Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft. Vor dem Spiel gegen Frankreich analysieren Trainer und Funktionäre aus dem Vest die Lage.
Die U21-Auswahl des DFB hat sich bei der Europameisterschaft in Ungarn und Slowenien etwas überraschend den Titel gesichert. Nach dem 1:0 im Finale gegen Portugal war der Jubel groß beim Team von Trainer Stefan Kuntz. Jetzt versucht die A-Nationalmannschaft, es dem Nachwuchs nachzumachen. © imago images/Sven Simon

Die Spannung steigt – auch bei den vielen Fußballern, Trainern oder Funktionären im Kreis Recklinghausen. Und eine Frage beschäftigt alle gleichermaßen: Wer wird Europameister? Deutschland zählt angesichts der zuletzt eher mäßigen Auftritte und vor allem wegen des schlechten Abschneidens bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland zwar nicht zu den ganz großen Favoriten. Dennoch trauen viele an der Fußball-Basis im Kreis „Jogis Jungs“ wieder den Titel zu.

„Schlüsselspiel gegen Frankreich“

Wie etwa Timo Ostdorf, Trainer beim Oberligisten TuS Haltern. Der Oer-Erkenschwicker sagt: „Die erste Partie gegen Frankreich kann ein Schlüsselspiel für uns werden. Wenn wir das nicht verlieren, ist alles möglich.“ Auf Bratwurst, Bier und Ballgeflüster im eigenen oder im Garten von Freunden – natürlich stilecht im Deutschland-Trikot – freut sich „Ossi“ dabei am meisten. „Und dass Fußball endlich wieder vor Publikum stattfinden kann“, sagt der 35-Jährige. „Ich bin ja bereits doppelt geimpft. Und das ist auch schon mehr als zwei Wochen her“, verrät er. Dem Treffen mit Freunden steht also nichts mehr im Wege.

Und was traut er sportlich der deutschen Mannschaft zu? „Auch wenn es abgedroschen klingt, aber wir sind und bleiben eine Turniermannschaft. Der Kader hat Qualität. Und wenn die Truppe zu einem Team zusammenwächst, dann ist alles möglich!“

„Es kann ein Selbstläufer werden“

Nie war der Turnierauftakt für eine deutsche Nationalmannschaft so wichtig wie bei der Europameisterschaft 2021. „Das Frankreich-Spiel ist entscheidend“, vermutet Robert Kubitsch, der sich beim Westfalenligisten TuS 05 Sinsen um die Sponsorenpflege kümmert und „bei dem die EM bisher kaum präsent gewesen ist“.

„Wenn wir da verlieren, kann schon alles vorbei sein. Geht das nicht in die Hose, kann das ein Selbstläufer werden“, hofft Kubitsch. „Bisher hat mich das EM-Fieber noch gar nicht gepackt. Aber mit dem ersten deutschen Spiel wird der EM-Zug ganz schnell Fahrt aufnehmen.“ Auch wenn er selbst schon zweimal geimpft ist, bleibt der 34-Jährige erst einmal sparsam bei den Kontakten. Seine Devise: „Die Spiele gucke ich mir im kleinen Kreis an, am liebsten irgendwo im Garten.“

Die Flagge wurde ausgetauscht

„Ich hoffe natürlich, dass Deutschland im Turnier weit kommen wird, glaube aber, dass andere wie Frankreich, England oder Spanien den Titel unter sich ausmachen werden“, sagt Thomas Sliwa, Trainer beim A-Kreisligisten RW Erkenschwick. Der Marler wird sich die Spiele der deutschen Mannschaft mit seinem Sohn (7) anschauen, die meisten an seinem Zweitwohnsitz in Aerdt (Holland). „Wir haben die BVB-Flagge meines Sohnes im Garten gegen die Deutschland-Fahne ausgetauscht“, erzählt Thomas Sliwa. Dass Jogi Löw Thomas Müller und Mats Hummels wieder ins Team zurückgeholt hat, sei die richtige Entscheidung gewesen, findet er. „Ich hätte sogar Boateng noch mitgenommen“, sagt Sliwa.

„Früher war ich aufgeregter“

Jörg Breski, Trainer des Bezirksligisten SV Vestia Disteln, ist unter der Woche beim Studium des Fußball-Fachblatts Kicker aufgefallen: „Richtig, es geht ja schon los.“ EM-Fieber, darf man daraus wohl schließen, ist beim 58-Jährigen noch nicht ausgebrochen. „Früher war ich vor so einem Turnier jedenfalls deutlich aufgeregter.“

Verfolgen wird Breski das Turnier trotzdem. Frankreich ist sein Favorit. Von England erwartet der FC-Liverpool-und-Premier-League-Fan eine Menge. Dass die deutsche Mannschaft unter Trainer Joachim Löw nach der missratenen WM 2018 bei diesem Turnier die Kurve bekommt, da hat Jörg Breski seine Zweifel. „Vermutlich wäre er nach dem WM-Titel 2014 besser gegangen. Aber als Deutscher hoffe ich natürlich, dass die Mannschaft es zumindest bis ins Halbfinale schafft.“

„EM-Hype hält sich in Grenzen“

So weit will Marcel Himmel, Sportlicher Leiter bei der Spvgg. Oberwiese, nicht gehen: „Die Vorrundengruppe ist schwierig, aber es kommen ja einige Mannschaften weiter. Ich glaube zwar nicht, dass wir den Pott holen, aber wenn wir weiterkommen, ist auf jeden Fall was drin.“

Ansonsten zeigt sich der 29-jährige Waltroper ziemlich entspannt. „Also einen EM-Hype spüre ich noch nicht, das hält sich alles in Grenzen.“ Das Fieber werde schon noch kommen, hofft Himmel: „Wenn‘s losgeht, die Deutschen spielen und man zusammen mit ein paar Freunden gucken kann, wird die Lust schon kommen. Die U21 hat Spaß gemacht, wieso nicht jetzt auch Jogis Jungs?“

In Kleingruppen im Garten gucken

„Langsam steigt das EM-Fieber, das kann ich nicht verhehlen“, ist Christoph Meyer, Trainer des Recklinghäuser Fußball-Bezirksligisten SG Suderwich, schon in Turnierlaune. Zwar könne man die Euphorie nicht mit früherem Turnieren vergleichen, aber kalt lasse einen die EM nun auch nicht. „Im Gegenteil, ich werde mir so viele Spiele wie möglich anschauen“, bekräftigt der Coach. „Wenn es funktioniert, dann in kleinen Gruppen im Garten. Das macht doch solche Turniere erst aus, dass man gemeinsam schauen kann. Und die jüngsten Inzidenz-Zahlen geben ja durchaus Hoffnung dafür, wenngleich wir alle weiter aufpassen müssen.“ Der Suderwicher Coach erwartet attraktive und reizvolle EM-Begegnungen. Und wer holt den Titel? „Schwer zu beurteilen. Man hofft natürlich auf die junge deutsche Truppe. Aber Frankreich und auch England haben schon starke Teams“, urteilt Meyer.

„Der Kader hat Qualität“

Endlich wieder Fußball gucken zu können mit Freunden, darauf freut sich auch Meckinghovens Trainer David Krück. „Ich bin zwar nicht so der Ultra-Fan, der sich das Trikot anzieht und Farbe ins Gesicht malt, aber auf die Europameisterschaft hab‘ ich schon Bock“, sagt der Dattelner. Den EM-Auftakt zwischen der Türkei und Italien hat sich der Coach mit einigen seiner Spieler auf der Sportanlage an der Böckenheckstraße angeguckt – nach dem Training.

Wie weit es für Deutschland gehen kann, da ist sich David Krück nicht sicher: „Ich drücke den Jungs natürlich die Daumen. Der Kader hat Qualität und bei solchen Turnieren gehört Deutschland ja eigentlich immer zu den Favoriten. Mit Hummels und Müller sind jetzt auch zwei Spieler mit viel Erfahrung dabei. Das kann sehr wichtig werden. Und auch wenn uns dieses Mal nicht viele den Titel zutrauen, sind wir immer ein Kandidat. Das hat man ja gerade erst bei der U21 gesehen.“

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