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Wenn Captain Hannes für zittrige Hände sorgt

Dass Silke Hönig mit zittrigen Händen vom Pferd steigt, ist nicht die Regel. Die Waltroperin gilt schließlich trotz ihrer 32 Jahre als routiniert. „Schuld“ daran ist Captain Hannes.
Springreiterin Silke Hönig (32) aus Waltrop hat sich mit einem kleinen Ausbildungsstall selbstständig gemacht und im Juni 2021 einen großen Erfolg gefeiert, als sie den sechsjährigen Hengst Captain Hannes mit einer Wertnote 8,2 für das Bundeschampionat qualifizierte. © Olaf Krimpmann

Es war ein Turnier in Südlohn-Oeding, das bei der Reiterin für ungewohnte Gefühlswallungen sorgte. Zu reiten war ein Ein-Sterne-M-Parcours, was normalerweise nicht der Rede wert ist. Aber Captain Hannes ist erst sechs junge Jahre alt, und es ging in dieser Prüfung um nichts anderes als um die Qualifikation fürs Bundeschampionat.

Dabei bei der wichtigsten deutschen Nachwuchsschau

Nach bangen und gefühlt ziemlich langen Sekunden das Ergebnis: Die Richter vergaben eine stolze Wertnote von 8,2. Was bedeutet: Das Paar darf im August nach Warendorf fahren und sich bei der bedeutendsten deutschen Nachwuchsschau messen – und damit dort, wo die Merschformanns und Schockemöhles ihre vierbeinigen Talente vorstellen und alle nicht nur insgeheim darauf hoffen, den großen Wurf landen zu können. „Das waren schon besondere Emotionen, die da frei wurden“, berichtet Silke Hönig daher über ihren Ritt von Südlohn-Oeding.

Fleiß und Beharrlichkeit zeichnen sich aus

Im Vergleich mit vielen etablierten Turnierställen betreibt die 32-Jährige einen sehr übersichtlichen Ausbildungsbetrieb. Neun Pferde stehen aktuell bei ihr und ihrem Lebensgefährten Michael Hölscher auf dem Hof in den Rieselfeldern, zwei weitere Boxen sind in der Planung. Silke Hönig ist, wenn man es salopp formuliert, ein kleiner Krauter in einem Geschäft, in dem nicht oft, aber eben ab und zu ein paar Krumen abfallen.

Die sie es sich zweifellos verdient hat, sagt ihr Partner Michael Hölscher: „Die Qualifikation fürs Bundeschampionat ist Belohnung für ihren Fleiß und ihre Beharrlichkeit.“

Wichtig ist ihr die Beziehung zu den Pferden

Und natürlich auch des Talents von Captain Hannes. Den Braunen und seine Reiterin verbindet eine ganz besondere Vorgeschichte. Hönig, 2016 aus Baden nach Waltrop gekommen „weil das im Pferdesport eine ganz andere Welt ist“, war zwei Jahre lang Bereiterin im Stall von Hannes Rüter, der einer der bekanntesten westfälischen Züchter war. Als der Heiligabend 2018 überraschend im Alter von 62 Jahren verstarb, stand Hönig erst einmal buchstäblich auf der Straße.

Was tun? Der Wunsch, einen eigenen Ausbildungsstall zu betreiben, war bei der gelernten Bürokauffrau, die auf dem elterlichen Hof schon in Pampers im Reitsattel saß, immer groß gewesen. „Wobei ein Reitbetrieb, in dem man die Pferde eins nach dem anderen bewegt, nichts für mich ist. Ich möchte schon eine Beziehung zu ihnen aufbauen können“, sagt sie.

Sprung in die Selbständigkeit in schwierigen Zeiten

Nach einigem Überlegen wagte sie vor knapp zwei Jahren den Sprung in die Selbständigkeit, seitdem stehen bei Hölschers in den Rieselfeldern wieder Pferde. Michael Hölschers Vater hielt viele Jahre schwere Arbeits- und Kutschpferde, nach dessen Tod aber wurde der Betrieb eingestellt.

Ausgerechnet in Corona, in Zeiten ohne Turniere, arbeitete Silke Hönig mit ihrer kleinen Schar, die neben dem 25-jährigen „Rentner“ Enton ausschließlich aus Nachwuchspferden besteht. Die meisten davon hat sie selbst angeritten. Und zu denen gehört eben Captain Hannes.

Der wurde bewusst nach ihrem verstorbenen Mentor Hannes Rüter benannt und galt frühzeitig als hochtalentiert: Der heute Sechsjährige ist ein Nachfahre von Comme il faut, der 2005 bei Beerbaums in Riesenbeck das Licht der Welt erblickte und in dessen Adern das Blut von Cornet Obolensky und Ratina Z fließt.

Angebote hatte es frühzeitig gegeben

„Da steckt schon viel Geschichte drin“, sagt die Reiterin. Frühzeitig hatte es bereits Angebote gegeben, schon vierjährig hätte sie ihn verkaufen können. „Das Papier springt schon alleine, sagen einige“, so die Reiterin mit einem Lächeln. Denn sie weiß: So einfach ist es nicht.

Der Weg in den Turniersport bleibt lang und beschwerlich, noch braucht Hannes den richtigen Schliff. Umso bemerkenswerter, dass der Braune gleich bei der ersten Quali-Prüfung fürs Bundeschampionat souverän ablieferte: Wegen Corona ist die Hallensaison bekanntlich weitgehend ausgefallen, dann legte das equine Herpesvirus den Pferdesport in Deutschland lahm, und auch die Startmöglichkeiten für Berufsreiter waren im Frühjahr eher übersichtlich.

Alle Kritiker wurden widerlegt

Das Bundeschampionat ist ein erstes Etappenziel, im August muss sich das Waltroper Paar dann mit ganz anderer Konkurrenz messen als in Südlohn. Angst und bange ist Silke Hönig nicht, im Gegenteil. Die 32-Jährige ist zumindest gedanklich in der Abteilung Attacke unterwegs, denn die 8,2 von Südlohn hatten ihr, der „kleinen Krauterin“, nicht alle zugetraut. „Der eine oder andere hat im Vorfeld gesagt: Da ist nicht genug drin“, sagt sie, was bedeuten soll: Das Pferd werde wohl überbewertet, trotz der erlesenen Abstammung.

Das haben Silke Hönig und Captain Hannes eindrucksvoll widerlegt. Und wer weiß, bestimmt schaut aus dem Himmel auch Hannes Rüter zu und lächelt stolz.

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