Coronavirus

Nebenwirkung bei Corona-Impfung: Sebastian Schönert (37) klagt

Nach den Vektorimpfungen gegen Corona erlitten 232 Menschen eine seltene Hirnvenen­thrombose. Einer von ihnen war Sebastian Schönert. Nun klagt der 37-Jährige gegen Astrazeneca.
Sebastian Schönert erlitt nach seiner ersten Impfung gegen Covid-19 eine Sinusvenen­thrombose. Trotzdem hat er sich die weiteren Spritzen verabreichen lassen.
Sebastian Schönert erlitt nach seiner ersten Impfung gegen Covid-19 eine Sinusvenen­thrombose. Trotzdem hat er sich die weiteren Spritzen verabreichen lassen. © Michael Bause

Die Kopfschmerzen plagen ihn schon seit drei Tagen, als sich Sebastian Schönert am Morgen des 4. Juni 2021 von seiner Freundin zum Marienhospital Brühl bringen lässt. Drei Nächte lang hat er kaum geschlafen, trotz Ibuprofen 800. Dass er die Notaufnahme dennoch recht sorglos betritt, so erinnert er sich, liegt an der Erklärung, die er selbst für diese Schmerzen zu haben glaubt: Die Osteopathie­behandlung, die er wegen seines verspannten Nackens bekommen hatte.

Erst­verschlimmerung, typisch, dachte Schönert. Ins Krankenhaus geht er nur, weil er sich ein anderes Schmerzmittel verschreiben lassen will – es ist der Tag nach Himmelfahrt, sein Hausarzt macht frei, und in zwei Tagen will er nach Rhodos fliegen. Zwei Wochen Sonne, endlich. Und geimpft ist er ja nun auch, er ist also auf der sicheren Seite, denkt er.

Zur Vorsicht nimmt die Ärztin dann doch noch einmal Blut ab. „Als sie den Zettel mit dem Ergebnis bekam“, sagt Sebastian Schönert, „musste sie sich dann erst mal einen Stuhl nehmen.“ Erhöhte Thrombosewerte. Ein Hinweis also auf Blutgerinnsel, die sich irgendwo in seinem Körper gerade festsetzten. Im Rettungswagen bemerkt Sebastian Schönert dann, wie der Fahrer auf dem Weg in die Uniklinik mit Blaulicht und Martinshorn alle Kreuzungen überfährt. „Da habe ich zum ersten Mal begriffen, dass das alles wohl doch viel ernster war, als ich bisher geglaubt hatte.“

Nutzen überwiegt gegenüber dem Risiko

Es sei noch einmal betont: Der Nutzen der Impfstoffe gegen Covid-19 ist – nach allem, was man weiß – weit größer als das Risiko. Sie „sind eine effektive Maßnahme, die Corona-Pandemie einzudämmen und sich selbst vor Covid-19 zu schützen“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in seinem jüngsten Sicherheits­bericht vom 7. Februar. „Die weltweiten Daten zeigen, dass die ganz überwiegende Mehrzahl der Neben­wirkungen (…) vorübergehende lokale und systemische Reaktionen betreffen, wie sie auch schon in den klinischen Prüfungen vor der Zulassung beobachtet wurden.“

Aber das Risiko liegt eben auch nicht bei null. Knapp 149 Millionen Dosen der Impfstoffe von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson wurden bis zum 31. Dezember 2021 in Deutschland gespritzt. Genau 244.576 „Verdachtsfälle einer Nebenwirkung“ wurden dem PEI in diesem Zeitraum gemeldet. Als „schwerwiegend“ klassifiziert das PEI 29.786 Verdachtsfälle, das entspricht einer Melderate von 0,2 pro 1000 Impfungen.

Thrombose ist „sehr seltene“ Folge

Damit ist noch nichts über die Ursache gesagt. Wenn jemand zwei Monate nach einer Impfung einen Herzinfarkt erleidet, bedeutet das nicht, dass das Vakzin der Auslöser war. Deshalb vergleicht das PEI die Zahl der Fälle nach einer Impfung mit dem, was auch sonst statistisch an Krankheiten zu erwarten wäre.

„Als schwerwiegende, in einigen wenigen Fällen auch tödliche Nebenwirkung“ der beiden Vektor­impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson, so schreibt das PEI, wurde aber „sehr selten ein neues Syndrom“ berichtet: eine Thrombose, also der Verschluss eines Blutgefäßes, oft von tief liegenden Hirnvenen, in Verbindung mit einem Abfall der Blutplättchen.

232 Fälle dieser Sinusvenen­thrombose mit Thrombo­zytopenie nach einer Vektorimpfung verzeichnet das PEI. 43 betroffene Männer und Frauen starben. Das ist sehr selten im Vergleich zu den insgesamt 12.738.494 verimpften Dosen Vakzevria und den 3.576.464 Impfdosen von Johnson & Johnson, die verabreicht wurden. Aber „sehr selten“ ist kein Trost, wenn man selbst zu den Betroffenen zählt. Steht ihnen dafür eine Entschädigung zu?

Als sich Sebastian Schönert mit dem Astrazeneca-Vakzin am 24. Mai 2021 impfen lässt, ist Vaxzevria, so der Markenname, längst in Verruf geraten. Medien und Behörden haben über Fälle von Sinusvenen­thrombosen berichtet, empfohlen wird der Impfstoff nun nur noch für über 60-Jährige. Zugelassen ist er weiterhin auch für Jüngere – und für wen es auf jeden Tag ankommt, der ist froh über jeden Termin.

Schönert, Vertriebs­mitarbeiter einer Softwarefirma, geht es zu diesem Zeitpunkt gar nicht so sehr um sich selbst. Seine Eltern, die er regelmäßig besucht, pflegen zu Hause seine 94-jährige Großtante. „Ich wollte vor allem andere mit meiner Impfung schützen“, sagt er. Von den Fällen von Sinusvenen­thrombosen nach der Astrazeneca-Impfung hat er gehört. „Aber in den Berichten hieß es, dies treffe Frauen“, erinnert er sich.

Er selbst ist zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt. Gelernt hat er Sport- und Fitness­kaufmann, zeitweise hat er in Münster ein Fitnessstudio geleitet, auch jetzt geht er viermal in der Woche joggen oder spielt Baseball. Er ist 1,83 Meter groß, schlank. Wenn jemand ein niedriges Risiko haben sollte, dann er.

Ein Anruf, dann fuhr er los

Als ihn sein Hausarzt in Münster am frühen Abend des 24. Juni anruft, weil ein Impftermin kurzfristig frei geworden ist, zögert Sebastian Schönert nicht. Für die 170 Kilometer von Brühl nach Münster bleiben ihm knapp zwei Stunden. Sein Auto ist 20 Jahre alt. „So schnell“, sagt er, „bin ich die Strecke schon lange nicht mehr gefahren.“ Um kurz vor acht erreicht er die Praxis. Gerade noch rechtzeitig.

Genau sechs Tage und 23 Stunden später, am folgenden Dienstag gegen 19 Uhr, setzt bei ihm der Kopfschmerz ein. Er zieht sich, so schildert er es, in einem Bogen durch den Kopf, vom Nacken zum Scheitel, nach vorne zur Stirn, hinunter zum Kiefer. „Und manchmal“, so sagt er, „schossen mir Blitze vor die Augen.“

Dem Traum vom Rhodos-Urlaub bereiten die Ärzte in der Uniklinik Köln dann ein rasches Ende. Schönert kommt auf die Schlaganfall-Akutstation, die Stroke-Unit. 13 Tage muss er bleiben. Nach seiner Entlassung ist er noch wochenlang arbeitsunfähig, fühlt sich erschöpft, schwach.

Als er dem PEI seine Geschichte meldet, ist er der 113. Fall. Auf der Liste vor ihm stehen 73 Frauen – und 39 Männer. „Ich hatte zugleich maximales Pech und maximales Glück“, sagt er heute. Maximales Pech, weil ihn diese seltene Nebenwirkung traf. Glück, weil er überlebt hat.

Wer für einen Impfschaden in Deutschland entschädigt werden möchte, hat mehrere Möglichkeiten. Er kann sich an den Staat wenden, der die Impfung zugelassen hat. Die Verfahren ziehen sich oft jahrelang hin, die Grundrente im Fall der Anerkennung liegt zwischen 156 und 811 Euro im Monat. Im Zuge der Corona-Impfungen sind bislang laut einer Umfrage des „Tagesspiegels“ gut 1600 Anträge bei den Behörden eingegangen, nur über einen Bruchteil wurde bislang entschieden.

Gefühlte Gleichgültigkeit bei Hersteller

Dass Sebastian Schönert jetzt gegen den Hersteller vor Gericht zieht, hat für ihn vor allem etwas mit der gefühlten Gleichgültigkeit des Unternehmens zu tun. Der heute 37-Jährige hat Astrazeneca seine Krankengeschichte samt Labordaten zur Verfügung gestellt. Später hat er sich, medizinisch überwacht und wissenschaftlich begleitet, mit mRNA-Impfstoffen auch noch zweit- und drittimpfen lassen.

Für ihn war es auch ein Beitrag dazu, die Impfstoffe sicherer zu machen und Schlüsse aus seiner Geschichte zu ziehen. Eine Anerkennung dafür bekam er nicht. „Hätte sich Astrazeneca mir gegenüber anders verhalten, würde ich nie eine Klage erwägen“, sagt Schönert. „Aber so?“

„Diejenigen aber, die einen Schaden davongetragen haben, sollten auch großzügig entschädigt werden. Dazu besteht meines Erachtens auch eine moralische Pflicht.“

Joachim Cäsar-Preller, Anwalt

Astrazeneca hat allein mit seinem Corona-Impfstoff im vergangenen Jahr einen Erlös von rund 3,5 Milliarden Euro erzielt. Zum Fall des Mannes aus Brühl will sich der schwedisch-britische Konzern auf Anfrage nicht äußern. In einem Brief vom 7. Dezember lehnt das Unternehmen Schönerts Schadensersatz­ansprüche ab.

In den Produkt­informationen seien Thrombo­embolien als Risiko bereits genannt, argumentiert das Unternehmen. Zudem seien die Nebenwirkungen „angesichts des überragenden medizinischen Gesamtnutzens nicht unvertretbar“, das Risiko-Nutzen-Verhältnis sei eindeutig positiv.

Für „überragend“ halten den Astrazeneca-Impfstoff heute allerdings nur noch die wenigsten. Seit dem 1. Dezember kommt der Astrazeneca-Impfstoff Vaxzevria „in Deutschland gar nicht mehr zum Einsatz“, heißt es vom Bundes­gesundheits­ministerium. Auch Joachim Cäsar-Preller hält die Argumentation von Astrazeneca für zweifelhaft.

Der Wiesbadener Anwalt vertritt nach eigenen Angaben rund 180 Geschädigte von Corona-Impfungen, Tendenz steigend. Er habe auch mit mehreren Herstellern bereits außergerichtliche Einigungen geschlossen, erklärt Cäsar-Preller. Eine Angabe, die sich allerdings nicht überprüfen lässt. Der Anwalt verweist auf Vertraulichkeits­vereinbarungen; eine Sprecherin von Biontech wiederum bestreitet, dass es außergerichtliche Einigungen gebe. Astrazeneca lässt auch diese Frage unbeantwortet.

Kein Rechtsschutz

Erstmals will Cäsar-Preller nun auch in zwei Fällen gegen einen Vakzinhersteller klagen. Im Falle Sebastian Schönerts hat er sich mit Astrazeneca auf Köln als Gerichts­standort geeinigt, die Klage soll beim Landgericht noch im Februar eingehen. Als Schadenssumme sind 30.000 Euro angesetzt; da Schönert über keine Rechtsschutz­versicherung verfügt, sei die Summe eher niedrig angesetzt.

Cäsar-Preller will sich ebenso wenig wie sein Mandant als Impfgegner verstanden wissen. Die allermeisten hätten die Impfungen gut vertragen, betont er. „Diejenigen aber, die einen Schaden davongetragen haben, sollten auch großzügig entschädigt werden. Dazu besteht meines Erachtens auch eine moralische Pflicht.“

Zugleich kritisiert er die oft niedrigen und zögerlichen Entschädigungen durch den Staat: „Diese Kleinlichkeit passt nicht zu dem öffentlichen Druck, der im Fall der Covid-19-Impfungen bestand und weiter besteht.“ Welches Risiko bei einer Impfung bestand, hätten Einzelne nach dem langen Hin und Her der Empfehlungen gerade im Fall Astrazenecas im vergangenen Frühjahr kaum mehr überblicken können. Hat die Klage Aussicht auf Erfolg?

Es handele sich um einen Präzedenzfall, betont die Medizin­rechtlerin Alexandra Jorzig, Anwältin mit Kanzleien in Berlin und Düsseldorf. Entscheidend werde die Frage sein, ob der Patient die Nebenwirkungen bewusst in Kauf genommen habe – und die Kausalität.

„Ich bin jetzt die Promenaden­mischung unter den Geimpften.“

Sebastian Schönert (37), Betroffen von einer schweren Nebenwirkung nach einer Impfung

Zumindest in diesem Punkt – ob die Impfung also die eindeutige Ursache für die Krankheit war, sonst stets der heikle Punkt bei Klagen nach Impfschäden – stehen die Chancen für Sebastian Schönert gut. Ein unbestechlicher Laborwert dient in diesem Fall als Beweis: „Dass die Sinusthrombose durch eine Vektorimpfung immunogen verursacht wurde, lässt sich durch einen spezifischen Plättchenfaktor-4-Antikörper belegen“, erklärt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

„Diesen Befund sehen wir bei anderen Thrombosen nicht.“ Bei Sebastian Schönert war genau dieser Wert laut Laborbefund „stark positiv“. Auch die Ärzte der Uniklinik Köln schreiben daher in ihrem Bericht von einer „vakzin­induzierten“, also durch die Impfung ausgelösten Thrombo­zytopenie und Sinusthrombose.

„Eine Promenadenmischung“

Sebastian Schönerts Leben ist bis heute belastet. Der 37-Jährige muss weiter einen erneuten Gefäßverschluss fürchten. Auch künftig muss er ein Medikament nehmen, das sein Blut verdünnt. Er war in Lebens­gefahr, war monatelang geschwächt, und bis heute spielt er nicht wieder Baseball, wegen der herabgesetzten Gerinnung, die ihn bei Verletzungen gefährdet. Zum Impfgegner ist auch er dennoch nicht geworden.

„Ich bin jetzt die Promenaden­mischung unter den Geimpften“, sagt er im Scherz, weil er auch noch die Vakzine von Biontech und Moderna erhielt. Zur Krönung hat er sich dann vor Kurzem auch noch mit Corona infiziert – und über mehrere Tage unter Grippe­symptomen gelitten. „Das war natürlich bitter“, sagt Schönert heute. „Aber insgesamt halte ich die Impfung dennoch für richtig.“

Der Artikel "Nebenwirkung bei Corona-Impfung: Sebastian Schönert (37) klagt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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