Coronavirus

Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland erstmals über 500: Wie schlimm ist das?

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt und steigt. Einst galt die Marke 50 als kritische Grenze - jetzt ist der Wert rund zehnmal so hoch. Was bedeutet das für Deutschland?
Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Deutschland erstmals über die Marke von 500 gestiegen.
Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Deutschland erstmals über die Marke von 500 gestiegen. © Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Die Infektionszahlen kennen im Moment nur eine Richtung: steil nach oben. So überstieg die vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeldete Sieben-Tage-Inzidenz erstmals die Marke von 500. Vor nicht allzulanger Zeit galt noch 50 als kritische Schwelle.

Nun ist der Wert mit 515,7 mehr als zehn Mal so hoch. Gleichzeitig sind große Teile der Bevölkerung geimpft, zudem gilt die sich rasant ausbreitende Omikron-Variante als weniger krankmachend. Auch deshalb ist ein Kollaps der Kliniken und anderer wichtiger Bereiche bislang ausgeblieben. Doch die Frage steht im Raum, was Deutschland bei einer Inzidenz jenseits der 500 blüht.

Wieler: „Neue Phase der Pandemie“

RKI-Präsident Lothar Wieler sieht mit der rasanten Ausbreitung der neuen Omikron-Variante eine „neue Phase der Pandemie“, in der weniger die reinen Fallzahlen, sondern die Zahl der Schwerkranken entscheidend sein werden. Doch bislang schlägt sich die Omikron-Welle nicht auf die Intensivstationen nieder. Die Zahl der dort behandelten Corona-Patienten ist seit der ersten Dezemberhälfte von rund 5000 auf zuletzt 2799 zurückgegangen. Auch mussten laut RKI zuletzt nur etwa halb so viele Menschen wegen Corona in eine Klinik als Anfang Dezember – mit recht stabilen Werten in den vergangenen Tagen. Allerdings schlagen sich hohe Infektionszahlen erst mit Verzug auf Kliniken und Intensivstationen nieder, weil bis zur Einlieferung einige Zeit vergeht.

Wieler warnt davor, dass durch die Masse an Infektionen – Omikron verbreitet sich deutlich schneller als Delta – auch die Zahl der Hospitalisierungen und der Todesfälle wieder steigen dürfte. Doch die entscheidende Frage ist: Wie stark? Mit Blick auf Intensivstationen sagt Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters: „Einen Wiederanstieg der Zahl der Intensivpatienten in Deutschland dürften wir noch nicht ganz so schnell sehen.“ Während bei Delta rund jeder fünfte Corona-Patient, der in ein Krankenhaus kam, intensivmedizinische Versorgung benötigt habe, sei es bei Omikron nur ungefähr jeder Zehnte.

Sorge um ältere Menschen

Die Frage, ab welcher Inzidenz – Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche – in Deutschland in den kommenden Wochen erneut reagiert werden muss, hängt für Karagiannidis maßgeblich davon ab, ob das Omikron-Wachstum in Deutschland ebenfalls so rasant verlaufen wird wie in anderen Ländern. „Im Moment erwarte ich eher, dass wir es hierzulande gedämpft bekommen, durch die vergleichsweise guten und strengen Maßnahmen, wie zum Beispiel 2G plus.“ Noch seien aber nicht alle Fragen in Hinblick auf deutsche Besonderheiten geklärt: „Offen ist: Was passiert, wenn Omikron bei älteren und hochaltrigen Menschen ankommt? Das bereitet mir noch Sorgen“, sagte er. Die Inzidenzen in Deutschland sind derzeit bei jungen Menschen deutlich höher als bei Älteren.

Rechtzeitiges Gegensteuern bei wachsender Belastung hält Karagiannidis in jedem Fall für möglich. „Es explodiert nicht alles nach zwei Tagen.“ Dass erneut Schwerkranke innerhalb Deutschlands verlegt werden müssen, wie auf dem Höhepunkt der Delta-Welle Ende 2021, erwartet er derzeit nicht.

Experten blicken nach Großbritannien

Wenn deutsche Experten ein Gefühl für einen möglichen weiteren Verlauf der Pandemie bekommen wollen, geht der Blick auch nach Großbritannien. Dort bremsen kaum Maßnahmen Omikron, und die Inzidenz überstieg zeitweise die Schwelle von 2000. Damit lag sie rund vier Mal so hoch wie in der Alpha-Welle vor einem Jahr. Die Zahl der Menschen, die im Krankenhaus künstlich beatmet werden müssen, ist jedoch deutlich niedriger: Durchschnittlich sind dies aktuell etwa 800 Patienten pro Tag, während dieser Wert vor einem Jahr im Schnitt um die 4000 – also etwa fünf Mal so hoch – lag.

Der Mediziner Azeem Majeed vom Imperial College London hält die Infektionszahlen aber auch in Omikron-Zeiten weiterhin für einen wichtigen Indikator. Die Impfungen hätten zwar den Zusammenhang zur Zahl der Krankenhauseinlieferungen geschwächt, aber nicht komplett gebrochen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Aufgrund der schieren Masse an Neuinfektionen ist der Druck im 67-Millionen-Einwohner-Land Großbritannien auf die Krankenhäuser trotzdem groß. Dem „Guardian“ zufolge haben seit Neujahr 24 Krankenhäuser den Ernstfall ausgerufen. Das Militär ist im Einsatz, um Lücken zu stopfen. Tausende Notfallpatienten mussten in den vergangenen Wochen stundenlang warten, bis sie behandelt wurden.

Recht große Impflücke in Deutschland

Allerdings ist die Lage in Großbritannien natürlich nicht eins zu eins mit der in Deutschland vergleichbar. Hierzulande macht die recht große Impflücke Fachleuten Sorge. Sollten die Intensivstationen doch wieder volllaufen, muss die Politik wohl reagieren.

Besonderes Augenmerk gilt neben den Kliniken angesichts rasant steigender Infektionszahlen auch anderen Bereichen der sogenannten kritischen Infrastruktur. Dazu gehört zum Beispiel die Energie- und Wasserwirtschaft, wo nach Angaben des Branchenverbands BDEW insgesamt rund 282 200 Menschen arbeiten. Wie viele davon zum Schlüsselpersonal gehören, etwa als Experten im Entstörungsdienst oder in Leitwarten, kann der Verband nicht sagen.

Notfallpläne in den Unternehmen würden regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst, erklärt der BDEW. „Insbesondere für das Kernschlüsselpersonal bestehen seit Beginn der Pandemie besondere vorsorgende Schutzmaßnahmen, um den Eintrag und die Ausbreitung von Infektionen zu verhindern“, heißt es. Bislang seien aber keine Verschärfungen notwendig gewesen.

Für den Ernstfall vorgesehen sind laut BDEW zum Beispiel Notfallschichtpläne mit verlängerten Arbeitszeiten oder die Aufteilung in Teams, die keinen Kontakt miteinander haben. Zudem sei zusätzliches Personal für besonders wichtige Prozesse geschult worden. „Auch kürzlich in Ruhestand gegangene Beschäftigte können bei Bedarf reaktiviert werden.“

dpa

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