Gebäude mit Geschichte(n)

Salon Rewinkel: Als Schnurbart-Stutzen noch fünf Pfennig kostete

Wer die Rösterstraße vom Kiepenkerl Richtung St.-Peter-Kirche in Waltrop entlanggeht, erfreut sich an der hübschen Fassade des Friseursalons. Aber welche Geschichte steckt hinter dem Gebäude?
Ein Foto aus alter Zeit: Damals trugen die Friseure noch Kittel. © Heimatverein

Älter als 120 Jahre ist das Gebäude, in dem Christa Wabnitz ihrem Beruf nachgeht. Sie ist Friseurin und arbeitet in einem Haus, das jede Menge Geschichte vorweisen kann und in dem schon lange Menschen verschönert wurden. 1898 wurde das Gebäude erbaut, weiß die jetzige Inhaberin. 1904 habe dort eine Rasierstube eröffnet, aus der dann ein Friseursalon wurde. Christa Wabnitz: „Nach Josef Rewinkel und seinem gleichnamigen Sohn gehörte der Friseursalon Willibald Ostermann. Das waren erst Großvater, Vater und dann Onkel von meinem früheren Chef. Zwischenzeitlich wurde der Laden von einem Herrn Zibel geführt“, berichtet Christa Wabnitz. „Nachdem Reinhard Rewinkel seine Meisterprüfung abgelegt hatte, übernahm er dann 1971 den Laden seines Onkels, führte somit den elterlichen Betrieb weiter.“ Von ihm übernahm Christa Wabnitz den Laden, nachdem sie zuvor jahrelang für ihn gearbeitet hatte.

Noch immer ziert die alte Fassade das Gebäude an der Rösterstraße in Waltrops Innenstadt. © Elena Schulze Langenhorst © Elena Schulze Langenhorst

Sie selbst kam 1977 durch Heirat nach Waltrop und arbeitete zunächst im Salon Gerken an der Dortmunder Straße, bevor sie 1986 zu Reinhard Rewinkels Friseursalon wechselte. Um den Salon nach dem Tod ihres Chefs, der 2013 verstarb, übernehmen zu können, musste sie eine Meisterprüfung ablegen. Anstatt jedoch dafür zur Schule zu gehen, ließ sie sich die Unterlagen zukommen und lernte nach der Arbeit zu Hause. „Ich hatte ein halbes Jahr Zeit, mich auf die Prüfung vorzubereiten.“ Seit 2014 kann sie sich nun „gleichgestellte Meisterin“ nennen – im Unterschied zu „normalen“ Meistern, die eine Meisterschule besucht haben.

Christa Wabnitz (l.), hier mit ihrer Kollegin Simone Hebing, führt heute den „Salon Rewinkel“. © Schulze Langenhorst © Schulze Langenhorst

Als sie vor 44 Jahren nach Waltrop gekommen sei, erzählt die Friseurin, habe sie sich manchmal als Außenseiterin gefühlt. „Einmal hat ein Kunde sich geweigert, sich von mir bedienen zu lassen, als er festgestellt hat, dass ich keine Waltroperin bin.“ Zu dem Zeitpunkt habe sie gerade vier Wochen hier gelebt. „Das war ein richtiger, alteingesessener Waltroper. Er sagte, ich dürfe mich erst als Waltroperin bezeichnen, wenn ich 25 Jahre hier gelebt hätte.“ Fortan habe er sich nicht mehr von ihr die Haare schneiden lassen. Mittlerweile fühle sie sich schon lange als „echte Waltroperin“ – und da könne sicher auch jener Herr nichts mehr dran auszusetzen haben, scherzt sie.

Früher war der Laden in Kabinen unterteilt. © Heimatverein © Heimatverein

Die Atmosphäre im Salon Rewinkel sei von jeher familiär gewesen. „Hier wird viel gelacht. Man tauscht persönliche Geschichten mit den Kunden aus und scherzt miteinander.“ Die fröhliche und lebhafte Atmosphäre sei also geblieben. „Ansonsten hat sich aber viel verändert!“ Abgesehen von technischen Neuerungen bei Apparaten, Stühlen und dem Haarewaschen, die die Arbeit eines Friseurs erleichtern, hat sich der Laden über die Jahre immer wieder an die Zeiten angepasst. „Als aus der Rasierstube ein Friseursalon wurde, hatte jeder Kunde eine eigene Kabine. Trennwände und Gardinen dienten als Sichtschutz und sorgten für Privatsphäre. Andere sollten lieber nur das Ergebnis sehen, nicht aber den Prozess.“

Früher war einiges schambehafteter

Denn: „Früher war da einiges schambehafteter als heute. Die Damen wären sicher nicht gerne gesehen worden, während die Farbe einwirkt oder sie eine Dauerwelle bekommen. Heute ist der Laden offen und freundlich gestaltet. Auch die Einstellung der Kunden ist offener als früher.“

„Es ist schön, in einem so einzigartigen Gebäude zu arbeiten.“ Gerade die aufwendig verzierte Fassade gefalle ihr – und auch ihrer Kundschaft – sehr. „Es ist toll, dass es so was überhaupt noch gibt!“ Immerhin sehe es nicht nur hübsch aus, sondern habe auch Geschichte und somit noch einen ganz eigenen Charme.

Friseurmeister Josef Rewinkel machte übrigens auch sein Hobby zum Beruf und eröffnete 1899 das Fotoatelier „Waltropia“. Dort befindet sich heute das Fotoatelier Ostermann von Lara Witthaut. „August Rewinkel, der nachher das Atelier übernahm, war ein Onkel meines Chefs, Reinhard Rewinkel“, so Christa Wabnitz.

Info

Das waren die „Preise für Bedienung“ ab 15. Juli 1914

  • 1914 kostete eine Rasur 15 Pfennig und ein Haarschnitt 35 Pfg. Am Wochenende zahlte man Aufpreise.
  • Das Monats-Angebot „Im Monat wöchentlich 1mal rasiert mit Haarschneiden“, wie es damals hieß, kostete 75 Pfennig, zweimal wöchentlich wurden 1,50 Mark fällig.
  • Weitere Preise: Bartschneiden 20 Pfg.; Schnurbart-Stutzen 5 u. 10 Pfg.; Bartausziehen 25 Pfg.; nasse Frisur 20 Pfg.; gebrannte Frisur 50 u. 75 Pfg. und Kopfwaschen 30 Pfg.
  • Preise für Kinderhaarschnitte variierten je nach Länge und Wochentag zwischen 15 und 50 Pfg.

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