Dr. Julius Weinrich

Unermüdlich im Einsatz: der vergessene Mitbegründer der Kinderklinik

75 Jahre Vestische Kinderklinik: Dass Dr. Julius Weinrich aus Recklinghausen ein Mitbegründer war, weiß fast niemand mehr. Zuvor war sein Kinderkrankenhaus in Recklinghausen zerbombt worden.
Blick in einen Saal des Säuglings- und Kinderheims am Börster Weg. Kinderkrankenschwestern vom „Orden der Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ pflegten die Patienten von Kinderarzt Dr. Julius Weinrich. © Stadtarchiv

Seit mehr als 100 Jahren steht der Name Weinrich in Recklinghausen für Kinderheilkunde. Dr. Maria Julius Weinrich, 1878 in Worbis geboren, hatte seine Praxis ab 1914 im Haus Am Lohtor 4. Er hatte zunächst Pharmazie studiert und erst danach beschlossen, Arzt zu werden. „Er war lange der einzige Kinderarzt im Vest“, schrieb der Ärzteverein für den Stadt- und Landkreis Recklinghausen in seinem Nachruf auf den am 20. Juli 1963 verstorbenen, geschätzten Kollegen. Und nicht nur das: Er war ärztlicher Gründungsvater der Vestischen Kinderklinik in Datteln, die in diesem Jahr ihr 75. Jubiläum feiert.

Kinderarzt Dr. Julius Weinrich (1878-1963) hatte eine eigene Praxis in Recklinghausen und leitete medizinisch das Säuglings- und Kinderheim mit 60 Betten am Börster Weg. Nachdem das Haus 1945 ausgebombt worden war, baute er in Datteln ein neues Kinderkrankenhaus mit auf: die heutige Vestische Kinderklinik. © privat © privat

Rückblick: Bereits 1913 hatte sich in Recklinghausen ein Verein für Säuglingspflege gegründet. Erst war eine ambulante Anlaufstelle für bedürftige Mütter geplant. „Doch sehr bald nach dem Ersten Weltkrieg war man in der Lage, mit Unterstützung des Magistrats, des damaligen vaterländischen Frauenvereins und vieler Sponsoren aus der Bürgerschaft ein Städtisches Säuglings- und Kinderheim zu errichten“, schrieb Prof. Dr. Hans Röttger in einem Aufsatz im Vestischen Kalender 1999. „Es war in steinbarackenförmiger Bauweise am Börster Weg dicht neben dem früheren Waisenhaus entstanden.“ Und auch Räume im angrenzenden St.-Vincenz-Haus der Caritas konnten genutzt werden.

Eine Postkarte aus dem Buch „Recklinghausen in alten Ansichten“ von Kurt Siekmann: das katholische Caritashaus St. Vincenz am Börster Weg, in dem sich auch das Säuglings- und Kinderkrankenhaus befand. © Postkartensammlung Kurt Siekmann © Postkartensammlung Kurt Siekmann

Starkes Team der „göttlichen Vorsehung“

Ab 1915 standen im Nordviertel bis zu 60 Betten für Kinder zu Verfügung. Dr. Julius Weinrich hatte von Beginn an die medizinische Leitung. Der „Orden der Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ aus Münster konnte gewonnen werden, die Pflege zu übernehmen. „Unter einer hervorragenden und tatkräftigen Leitung entwickelte sich das Heim innen und außen zusehends“, berichtete Stadtrat Dünnebacke in einem 1928 erschienenen Buch über Recklinghausen (Dari-Verlag).

Junge Patienten der Säuglings- und Kinderstation wurden von den Ordensschwestern und Schwesterpflegeschülerinnen umsorgt. © Stadtarchiv © Stadtarchiv

Viele junge Frauen lernten in der kleinen Klinik in Kursen der Schwestern die Säuglingspflege. Dass die Ausbildung nicht anerkannt wurde, ärgerte auch Dr. Weinrich. „1929 errichtete er die Vestische Säuglingspflegeschule, die als eine der besten Westfalens von der Regierung bezeichnet wurde“, erinnerte der Ärzteverein.

Parallel zu seinem Engagement für das Säuglings- und Kinderheim betreute Dr. Weinrich auch noch seine eigenen kleinen Patienten. 1919 eröffnete er seine Praxis im neu errichteten Familienhaus an der Cäcilienhöhe 3. Bis heute steht diese Adresse für Kinderheilkunde: 1956 übernahm der Sohn, Dr. Otto Weinrich, die Regie. Seit den 1970er-Jahren leitet Enkel Dr. Dirk Weinrich die Praxis.

Nach der Zerstörung folgt sofort der Neuanfang

Doch zurück zu Begründer Dr. Julius Weinrich. Mit den engagierten Ordensschwestern an seiner Seite brachte er das Kinder- und Säuglingspflegeheim am Börster Weg auch durch die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Doch 1945, nachdem der Bombenhagel das Nordviertel in Schutt und Asche gelegt hatte, standen sie vor dem „zerstörten Haus, in dem sie sich jahrzehntelang für unsere kleinsten und pflegebedürftigen Mitbürger engagiert hatten“.

Noch im selben Jahr errichte Dr. Weinrich als Belegarzt im Prosper-Hospital eine Säuglingsstation.

1927: der Operationssaal des Vincenzhauses. © Stadtarchiv © Stadtarchiv

Im Mai 1946 eröffnete sich dann diese Chance: „Durch Vermittlung der britischen Besatzungsmacht wurde dem Orden als Klinik eine übergroße, leerstehende Direktorenvilla der Bergwerksgesellschaft Emscher-Lippe in Datteln angeboten“, erzählte Prof. Dr. Röttger in seinem Aufsatz. Diese Villa war zuvor als Dienstwohnung der Eheleute Steiner vorgesehen gewesen, die zugunsten einer karitativen Einrichtung gerne darauf verzichteten. Die Ordensschwestern waren froh, ein neues Domizil für ihre Arbeit gefunden zu haben. Mit ihnen und der eifrigen Frau Steiner übernahm Dr. Julius Weinrich den Wiederaufbau in Datteln und in den ersten Monaten auch die medizinische Leitung.

1927: kleine Patienten im Krankensaal des Säuglings- und Kinderheims St. Vincenz. © Stadtarchiv © Stadtarchiv

Doch auf Dauer war die Belastung mit der eigenen Praxis und den Belegbetten im Prosper-Hospital ebenso wie die Entfernung nach Datteln zu groß. Als im August 1946 eine Nachfolge gefunden worden war, schloss Dr. Julius Weinrich für sich dieses wichtige Kapitel ab. Er war damals fast 68 Jahre alt.

„In Datteln entstand“, so Röttger, „in der wirtschaftlich desolaten Nachkriegszeit eine zunächst noch bescheidene, aber dennoch ärztlich und pflegerisch effiziente Kinderklinik.“ Und kaum jemand weiß zum 75. Jubiläum noch, dass die Vestische Kinderklinik ihre Wurzeln in Recklinghausen hat und ohne Dr. Julius Weinrich nicht entstanden wäre.

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