Nackte Existenzangst

Vier Kindern droht die Abschiebung: „Sie sind doch keine Verbrecher“

Familie Rahman lebt seit 2015 in Deutschland. Die vier Kinder sind hier voll integriert. Nun sollen sie nach Bangladesch abgeschoben werden. Freunde wollen das mit einer Petition verhindern.
Die Steppkes aus dem Kindergarten an den Flachsbeckwiesen protestieren dagegen, dass ihre Freundinnen Kanon (6) und Tejran (4) abgeschoben werden sollen. © Elternbeirat

Kabbo war fünf Jahre alt, als seine Eltern mit ihm und der großen Schwester Kakon die Heimat verlassen mussten. „Bevor ich jemals nach Bangladesch zurückkehre, sterbe ich lieber“, sagt der Zwölfjährige mit fester Stimme. Meike Jostarndt schaut den Jungen ernst an und widerspricht: „Nein, du stirbst nicht.“ Sie gehört zum Elternrat des Kindergartens auf den Flachsbeckwiesen. Und das Gremium will nicht tatenlos zusehen, wie eine gut integrierte Familie ins Nirgendwo abgeschoben wird. Darum hat der Elternrat eine Online-Petition gestartet und in kurzer Zeit einige Hundert Unterzeichner gefunden.

„In Bangladesch gibt es keine Zukunft für Kinder“, erklärt Vater Lutfor Rahman, warum er und seine Frau sich vor sieben Jahren zur Flucht in die Ungewissheit entschlossen. Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung in der Textilindustrie, Zwangsehen unter Minderjährigen – das ließen sie hinter sich. Stattdessen in Deutschland arbeiten, seinen Kindern eine gute Bildung und ein Leben in Sicherheit ermöglichen, das war der Traum des 40-Jährigen.

Integriert in Recklinghausen

Nach sieben Jahren sind die Rahmans mehr als angekommen in Deutschland. Die Familie hat eine Wohnung, der Vater jede Möglichkeit ergriffen, zu arbeiten. Zuletzt war er Spülkraft in einem Restaurant. Aber seitdem er statt einer Aufenthaltsgenehmigung nur noch den Status „geduldet“ hat, darf Rahman nicht mehr arbeiten. Zwei Töchter wurden hier geboren, 2016 kam Kanon zur Welt, zwei Jahre später Nesthäkchen Tejran. Sie gehen in den Kindergarten auf den Flachsbeckwiesen.

„Es ist eine so nette und engagierte Familie“, sagt Elternratsvorsitzende Zeinab Chahrour: „Sie sollen wie Verbrecher abgeschoben werden. Aber Straftäter dürfen in Deutschland bleiben, das verstehe ich nicht.“

Im Asylverfahren hat die Familie aus Unwissenheit Fristen verstreichen lassen. „Sie wurden nicht immer gut beraten“, sagt Meike Jostarndt. Das haben die Eltern nun nachgeholt, Flüchtlingshilfen von Wohlfahrtsverbänden sind involviert, ein Anwalt ist eingeschaltet.

Familie Rahman mit (v.l.) Sohn Kabbo, Mutter Ema Akter, Vater Lutfor mit Nesthäkchen Tejrean und vorne den Schwestern Kanon und Kakon droht die Abschiebung nach Bangladesch. Der Elternrat des Kindergartens Auf den Flachsbeckwiesen mit (v.r.) Zeinab Chahrour, Apostolia Tybussek und Meike Jostarndt hat deshalb eine Online-Petition gestartet. © Meike Holz © Meike Holz

Bestürzung in Schule und Kindergarten

Auch in den Schulen und bei den Freunden der beiden „Großen“ ist die Bestürzung groß. Kabbo besucht die vierte Klasse der Grundschule an der Hohenzollernstraße. Nach den Ferien will er wie seine Schwester Kakon zur Otto-Burrmeister-Realschule gehen. Ob die beiden in Bangladesch jemals wieder Schulunterricht bekommen werden, bezweifelt sein Vater.

Aber nicht nur die Sorge um die Bildung treiben die Eltern um. Tochter Kanon leidet unter den Spätfolgen einer Corona-Infektion. Die Fünfjährige hat Entzündungen im Magen-Darm-Trakt und Herz-Kreislauf-System. Ein Herzkranzgefäß ist erweitert, sie muss zum Schutz vor einer Thrombose Medikamente nehmen. Alle zwei Monate wird sie in der Kardiologie der Vestischen Kinderklinik untersucht. „Ich habe Angst um sie“, gesteht der Vater.

Trennung der Familie ist „zumutbar“

Laut Schreiben des Ausländeramtes der Stadt Recklinghausen an den beauftragten Rechtsanwalt liegen die Papiere für Lutfor Rahman bereits vor, die für den Rest der Familie seien bei der bangladeschischen Botschaft beantragt. „Sollte keine Rückmeldung bezüglich der freiwilligen Ausreise bis spätestens zum 1. Juni 2021 erfolgt sein, wird die Familie nach Bangladesch abgeschoben.“ Weiter heißt es: „Es ist für die Familie auch durchaus zumutbar, dass Herr Rahman getrennt von seiner Familie abgeschoben wird“, und zwar, wenn Papiere für Kinder und Ehefrau noch nicht vorliegen sollten.

Für den Elternrat des Kindergartens ist das grausam: „Die Kinder dürfen nicht in diese Ungewissheit abgeschoben werden, und sie haben ein Recht auf ihren Vater.“

Der Link zur Online-Petition:

https://www.avaaz.org/community_petitions/de/auslaenderbehoerde_recklinghausen_abschiebung_verhindern_3/

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