Stadtgeschichte

Was ist los in Suderwich? Dieter Eichler weiß Bescheid

Wer etwas über Suderwich wissen will, ist bei Dieter Eichler an der richtigen Adresse. Seit Jahrzehnten dokumentiert er die Geschichte seines Stadtteils und füllt reihenweise Aktenordner.
Dieter Eichler an seinem Schreibtisch. Dort archiviert er alles, was er über Suderwich in die Finger bekommt. © Meike Holz

Der Uropa erzählte ihm zum Einschlafen Märchen. Die Oma schenkte ihm den ersten Fotoapparat, eine schlichte Box-Kamera. Dieter Eichler wurde die Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen und Fotografieren also in die Wiege gelegt. „Erst habe ich Tiere fotografiert, später alles, was in Suderwich passiert ist“, blickt der 79-Jährige zurück. Dann sammelte er auch noch sämtliche Zeitungsartikel über seinen Stadtteil. Und seit Langem schreibt er für seine Enkelkinder Märchen.

Das sind nur einige der Aktenordner über die Suderwicher Zeitgeschichte. © Meike Holz © Meike Holz

Sein Suderwich-Archiv umfasst mittlerweile 17 Aktenordner. Sie stehen in seinem Arbeitszimmer, das entweder zu klein oder zu voll ist. Dieter Eichler schaut sich in seinem Reich um, in dem sich die Bücherregale biegen, die Wände voller Fotos und Karten sind, sich auf dem Schreibtisch Unterlagen türmen und eine ganze Kugelschreiber-Sammlung befindet. Ein alter Tisch, der dort eigentlich nur geparkt wurde, dient längst als Ablagefläche. „Der sollte längst wieder raus“, gesteht der Suderwicher und lacht, „aber ich weiß nicht wohin mit den ganzen Sachen darauf.“ Denn das alles braucht Dieter Eichler doch noch.

Lesestoff mit Suchtpotenzial

Aber auch viele andere Leute wissen seine Sammlung zu schätzen: „Wer etwas nachlesen will, kommt zu mir.“ Und bleibt meistens lang. Denn wer einmal anfängt, einen Ordner durchzublättern, liest sich unweigerlich fest.

Die Geschichte der Suderwicher Zeche König Ludwig 4/5 hat Dieter Eichler ausführlich dokumentiert. © Meike Holz © Meike Holz

Suderwich ist Eichlers zweite Heimat. Geboren wurde er 1942 in Ostpreußen, und eine stille Sehnsucht dorthin ist bis heute geblieben. Zum Kriegsende flüchtete die Mutter mit dem kleinen Dieter vor den Russen. Die beiden landeten in Niedersachsen. Als der Vater 1950 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, machte die Familie in Suderwich den Neuanfang. Denn die Zechen waren verpflichtet, Spätheimkehrer anzustellen. „Tante und Onkel wohnten mit ihren zwei Kindern in zwei Zimmern an der Wilhelminenstraße. Anfangs kamen wir drei dort auch noch unter“, erzählt Dieter Eichler. Dann ergatterte die Familie ein kleines Dachzimmer. „Da haben wir zu viert mit meinem Uropa gehaust. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen.“

Doch vermisst habe der Junge nichts. „Uropa und ich haben uns ein Bett geteilt. Er hat mir abends die tollsten Geschichten erzählt“, erinnert sich Eichler. Nach Schulschluss sei er mit anderen Kindern draußen herumgestromert. Als der Vater verkündete, ein Haus auf der Bussardstraße zu bauen, sei die Mutter erst entsetzt gewesen wegen der finanziellen Last. Dieter Eichler wohnt dort bis heute.

Gedichte und Geschichten schreiben ist ebenfalls Dieter Eichlers Leidenschaft. Seine Arbeiten füllen mittlerweile neun Bücher, die er aber nur für den Hausgebrauch hat drucken lassen. © Meike Holz © Meike Holz

Ereignisse durch die Kamera beobachtet

Dass die Häuserreihe gegenüber damals noch freies Feld war, hat der junge Dieter natürlich festgehalten. Er selbst machte nach der Schule erst eine Maurer-Lehre bei Isselstein, war dort nach der Meisterprüfung Bauleiter. Schließlich zog es auch ihn zum Pütt. In der Markscheiderei war Eichler 25 Jahre als Gutachter von Bergschäden tätig. Als in Suderwich die Zeche geschlossen wurde, tat ihm das besonders weh, „vor allem wegen der vielen Leute, die ihre gute Arbeit verloren“. Dieses Kapitel in der Suderwicher Dorfgeschichte hat er ausführlich archiviert, ergänzt mit vielen eigenen Fotos. „Wenn ich die Zeit und Gelegenheit hatte, war ich immer dabei.“ Ob 1980 der Fall des Förderturms oder der Abriss der Kokerei – Eichler beobachtete alles durch sein Objektiv.

Auch als 1981 die Bladenhorster Brücke gesprengt wurde, ließ er sich das Spektakel nicht entgehen. Ein verirrter Steinbrocken zerschlug dabei sogar das Dachfenster seines eigenen Hauses. Natürlich machte Eichler auch davon ein Foto, das ihm später bei der Schadensmeldung sehr hilfreich war.

Zeitungsartikel über den Fall des Suderwicher Wahrzeichens, den Förderturm von Schacht 7. © Meike Holz © Meike Holz

Sport, Straßen- und Häuserbau, Vereinsleben, es gibt kaum etwas, das Dieter Eichler nicht in seinem Archiv hat. „Mir fehlen Fotos aus der alten und neuen Kolonie“, meint er. Abzüge oder Kopien würden in seiner Sammlung einen Ehrenplatz bekommen.

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