Persönliches

Mit Turnschuhen im Tango-Kurs

Eleganz und Ästhetik – diese zwei Punkte hat Miriam bei ihrer ersten Tango-Stunde noch zu Hause vergessen. Erstmal ging es aber sowieso ans Lernen der Grundschritte. Eine Herausforderung.
Diese Schuhwahl wäre für Miriam wahrscheinlich von Beginn an vorteilhafter für ihren Tangokurs gewesen. © picture alliance/dpa

Das Internet sagt, Tango sei ein lateinamerikanischer Paartanz, der sich durch eine besondere Eleganz und Ästhetik auszeichne. Diese intensive Recherche habe ich leider etwas zu spät durchgeführt, denn sonst wäre ich sicher nicht in einer Sporthose, einem kurzärmligen Kapuzenpulli und rosa Turnschuhen in der Tanzschule aufgelaufen.

Mit Abstand am jüngsten und schrägsten angezogen

Mit Blick auf die anderen stelle ich zwar fest, dass ich mit Abstand die bequemsten Klamotten anhabe, aber auch den Altersdurchschnitt recht deutlich absenke. Tangotanzen steht anscheinend bei Mittzwanzigern nicht ganz oben auf der Hobby-Hitliste. Dennoch bin ich fest entschlossen, heute so elegant und ästhetisch über die Tanzfläche zu gleiten, wie es noch nie jemand in Turnschuhen und Kapuzenpullover getan hat.

Selbstbewusst stelle ich mich aufrecht hin, lege meinem Tanzpartner eine Hand auf die Schulter und die andere in die Hand, drücke das Kreuz und die Knie durch – und bin damit schon völlig auf dem falschen Dampfer. „Leicht in die Knie gehen!“, weist mich die Tanzlehrerin an. „Brustbein nach vorn – nein, nicht den Po dabei rausstrecken! Jetzt leicht nach vorne zu deinem Partner fallen – mit der ganzen Frau!“

Anweisungen geben physische Rätsel auf

Hä? Ich bin etwas überfordert und obendrein der Meinung, dass es schon rein anatomisch nicht möglich ist, was da gerade von mir verlangt wird. Mein Tanzpartner schiebt mich rückwärts zu rhythmischer Tangomusik über die Tanzfläche. „Den Unterbauch nach hinten schieben. Und schreiten. Lange Schritte!“ Ich gebe mein Bestes. Die Tanzlehrerin unterbricht meine eher wenig beeindruckende Tanzeinlage nach wenigen Minuten mit einem Blick auf meine Turnschuhe.

Turnschuhe aus, Riemchensandalen an

„Welche Schuhgröße hast du?“ Oh nein, ich ahne Schreckliches. „37.“, antworte ich lauernd. Flugs hält sie mir auch schon ein paar silberne Riemchensandalen hin. Och nee, wenn ich gewusst hätte, dass ich Sandalen anziehen muss, hätte ich vor der Tanzstunde noch schnell etwas gegen den abblätternden roten Nagellack unternommen. Mist. Ich probiere die Schuhe an … leider passen sie.

Zu blöd, ich dachte wirklich, ich könnte die hohen Hacken im wahrsten Sinne des Wortes umgehen. Schon geht es weiter im Text, zwar mit abgeblättertem Lack, aber von jetzt an ein paar Zentimeter größer und mit gleitfähigerer Sohle. Ich bemühe mich, nicht in den Spiegel zu schauen, während ich daran „vorbeischreite“. Die Kombination aus Kapuzenpulli und silbernen Glitzersandalen sieht absolut lächerlich aus, aber dennoch bin ich fest entschlossen, das Ganze hier so elegant durchzuziehen, wie es in dieser Klamottenauswahl eben möglich ist.

Anspannung vom Gesicht ablesbar

Ich tanze noch ein „Ächtelchen“ (was erstaunlich gut funktioniert) und irgendetwas mit gekreuzten Füßen (was erstaunlich schlecht funktioniert). Ich bringe die Figur völlig durcheinander. „Nun, dein Partner hat es gut gemacht, aber du hast es verkackt“, kommentiert die Tanzlehrerin trocken. Upsi. Ich baue meine Haltung wieder auf. In die Knie, Po rein, Brust nach vorn, leicht nach vorne fallen und weiter geht’s.

Dabei konzentriere ich mich so sehr, dass sich auf meiner Stirn meine steile Denkfalte bildet. Außerdem merke ich, dass die rechte Sandale an meiner Hacke scheuert. Aua. Schon bin ich wieder aus dem Takt. „Wir haben auch Musik, hört auf den Rhythmus!“, lacht die Tanzlehrerin.

Knie geraten aneinander

Ja schon, das Problem ist nur, dass mein Gehirn die quasi komplett ausblendet, weil ich mich so sehr auf den Bewegungsablauf konzentrieren muss, damit nicht wieder alles vollends zerfällt. Trotzdem versuche ich, den Takt aufzunehmen. Schritt UND Schritt UND … Zusammenstoß der Knie! Oh je. Trotzdem schaffe ich es an diesem Abend noch zahlreiche Ächtelchen, Verdopplungen und andere Bewegungsabläufe zu tanzen, deren Namen ich schon wieder vergessen habe.

Beim nächsten Mal mit richtigem Schuhwerk

Ich komme doch langsam in den Flow und es beginnt, wirklich Spaß zu machen. Als ich es gerade schaffe, mich einigermaßen synchron zur Musik zu bewegen, ist die Stunde auch schon wieder vorbei. Die Tanzlehrerin lobt mich, dass das doch schon überraschend gut funktioniert habe für den Anfang und ich händige ihr die Schuhe wieder aus mit dem Versprechen, zu Hause nach meinen alten Abiball-Schuhen zu suchen und sie in der nächsten Stunde mitzubringen.

Der Abend in Recklinghausen

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